Der Zu­rich Art Prize 2027 geht an Kers­tin Brätsch

Der jährlich vom Museum Haus Konstruktiv und der Zurich Insurance Company Ltd. vergebene Zurich Art Prize geht 2027 an Kerstin Brätsch (geb. in 1979 in Hamburg). Damit ist sie die 20. Gewinnerin der renommierten Auszeichnung. Der mit CHF 130'000 dotierte Preis setzt sich aus einem Budget von CHF 100'000 für die Produktion einer Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv und einer Preissumme von CHF 30'000 zusammen.

Date de publication
08-09-2026

Kerstin Brätschs Werk ist so vielfältig wie tiefgründig, so verschachtelt wie flirrend. Grossformatige Werkreihen treffen bei ihr auf Installation, Skulptur und Performance; Bildträger wie Leinwand, Papier oder Glas existieren gleichberechtigt nebeneinander, und selbst die Art der Präsentation wird zu einem integralen Bestandteil des Werks. 

Malerei versteht Brätsch nicht als abgeschlos-senes Medium, sondern als offenes Feld ohne feste Gattungsgrenzen – sie fragt, was dieses Medium eigentlich ausmacht, und findet darauf ungesehene Antworten. Diese Suche führt sie tief ins Material: in die Glasmalerei, die Marmorierung, den Stucco, das Mosaik. Für solche Tech-niken muss sich die Künstlerin jeweils mit entsprechenden Handwerksmeistern zusammentun und sich deren Wissen aneignen. 

Damit knüpft sie an eine Zeit an, in der die Beziehung zwischen Kunst und Handwerk neu verhandelt wurde: an die Arts-and-Crafts-Bewegung und die Moderne. Diese Arbeitsweise wirft zugleich Fragen auf: Was bedeutet es heute, als Künstlerin zu gelten? Und wo beginnt das Kollektive? Letzteres zählt ebenfalls zu Brätschs zentralen Themen – regel-mässig stellt sie nicht nur unter ihrem Namen aus, sondern arbeitet immer wieder auch in Kollek-tiven wie DAS INSTITUT (mit Adele Röder) oder KAYA (mit Debo Eilers); Kooperationen, in denen sich die Autorschaft verwischt.

Brätschs Arbeiten kreisen thematisch um Transformation, Wahrnehmung und Psychologie, um Parapsychologie ebenso wie um naturwissenschaftliche und soziale Fragestellungen. So entstand beispielsweise die frühe Serie Psychic (2005–2008) im Austausch mit New Yorker Wahrsagerinnen. Aus diesem Aspekt heraus erklärt sich auch ihr Interesse an Künstlerinnen wie Georgiana Houghton (1814–1884) oder Ithell Colquhoun (1906–1988), die Abstraktion als Zugang zu einer spirituellen, dem Auge zunächst verborgenen Wirklichkeit verstanden. 

Malerei selbst begreift die Künstlerin wie einen Stoffwechsel: als etwas, das sich fortwährend verändert und erweitert. Wie eine Archäologin gräbt sich Brätsch dabei Schicht um Schicht vor – oder legt in ihren Arbeiten selbst Schicht um Schicht an –, sodass die Betrachter:innen eine Ahnung des nicht Greifbaren entwickeln können. 

In ihren jüngeren Arbeiten hat diese Idee der Wandlung eine zusätzliche Dimension angenommen: Brätsch gestaltet zunehmend Räume, die genutzt und be- wohnt werden – Orte, die sich im Gebrauch verändern. Cafés, Spielorte für Kinder und Hang-out-Spaces werden so Teil ihrer Projekte, etwa die Dachterrasse des Aspen Art Museum im US-Bundesstaat Colorado (2026), der Spielort BAUBAU im Gropius Bau in Berlin (seit 2024) oder die Kommissionen für das Fridericianum Kassel und LUMA Arles. Damit knüpft sie zugleich an ihr Interesse am Kollektiven an, nun jedoch nicht mehr nur als Frage der Autorschaft, sondern als Einladung an ein Publikum, selbst Teil des Werks zu werden.

Besonders beeindruckt zeigte sich die Jury des Zurich Art Prize von Brätschs Fähigkeit, Malerei, Handwerk und konzeptuelle Kunst miteinander zu verbinden. Dass sie sich dabei auf Hilma af Klint (1862–1944) und die Schweizerin Emma Kunz (1892–1963) bezieht – beide Pionierinnen der abstrakt-geometrischen Kunst –, ist für das Museum Haus Konstruktiv von besonderer Relevanz: Das Erbe der frühen abstrakt-geometrischen Künstler:innen in der Gegenwartskunst weiterzu-denken, gehört zu den zentralen Anliegen der Institution, die nun Brätschs erste Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert.

Kerstin Brätsch hat von 2001 bis 2008 Kunst an der Universität der Künste Berlin studiert und war Meisterschülerin bei Lothar Baumgarten. Von 2005 bis 2008 nahm sie am Masterprogramm of Fine Arts an der Columbia University in New York teil. Bereits seit dem Studium arbeitet sie im Kollektiv zusammen mit Adele Röder als DAS INSTITUT (seit 2007), und seit 2010 bildet sie mit Debo Eilers das Künstlerinnenduo KAYA. Seit 2024 hat Brätsch eine Professur für Malerei und Zeichnung an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und teilt sich die Lehre mit Debo Eilers. 

Brätsch erhielt 2025 den Marta-Preis der Wemhöner Stiftung; 2020 wurde sie von der Foundation for Contemporary Arts in New York mit dem Helen Frankenthaler Award for Painting ausgezeichnet und erhielt sie den Peill Preis der Günther-Peill-Stiftung; 2017 erhielt sie den Edvard Munch Art Award des Munchmuseet in Oslo.

Brätsch kann auf zahlreiche internationale Einzelausstellungen zurückblicken, unter anderem in folgenden Museen: Kunstmuseum Bonn (2026); Munchmuseet, Oslo (2025); Ludwig Forum Aachen (2022); Fondazione Memmo, Rom (2018); Museum Brandhorst, München (2017). Sie nahm an viel beachteten Gruppenausstellungen teil, so zum Beispiel an der Biennale di Venezia (2022 und 2011), im Camden Art Centre, London (2020); in den Deichtorhallen, Hamburg (2020) und im Museum of Modern Art, New York (2010, 2014, 2015, 2020, 2023).

Der Jury für den Zurich Art Prize 2027 gehörten an: 
Sabine Schaschl, Direktorin Museum Haus Konstruktiv (Vorsitz); Giovanni Carmine, Direktor der Kunsthalle St. Gallen; Carin Gantenbein, Head of Professional Liability bei der Zurich Insurance Company Ltd. in Zürich; Matthias Mühling, Direktor Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Filipa Oliveira, Direktorin des Museu Nacional de Arte Contemporânea do Chiado, Lissabon; Stella Rollig, Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Museums Belvedere, Wien 

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