Ta­ges­licht zu Land und Was­ser

Daylight Award 2026

Momoyo Kaijima und Yoshiharu Tsukamoto von Atelier Bow-Wow sind die Preisträger des diesjährigen Daylight Awards in der Kategorie Architektur. Die Ehrung in der Kategorie Forschung geht an ein Biologenteam für dessen Forschung an Mikroorganismen im Wasser. Vom mikroskopischen zum urbanen Massstab: Licht ist Leben.

Date de publication
17-05-2026

Der 16. Mai ist der Internationale Tag des Lichts der UNESCO. Die weltweite Initiative vermittelt die Rolle von Licht und Lichttechnologien in Wissenschaft, Kultur, Bildung, nachhaltiger Entwicklung und bei der Lösung globaler Herausforderungen der Menschheit.

Anlässlich dieses Feiertags gab der Daylight Award seine Preisträger 2026 bekannt. Die beiden Kategorien decken ein breites Spektrum ab: von mikroskopischen Ökosystemen bis hin zur urbanen Alltagsarchitektur. 

Damit lenkt der Daylight Award die Aufmerksamkeit auf das Tageslicht als eine Kraft, die das Leben in allen Massstäben prägt: Im Makrokosmos, in Städten und Gebäuden, dienen Fenster, Reflexionen, Schatten und Lichtinseln als Instrumente, um das Zusammenleben der Menschen zu orchestrieren. Im mikroskopischen Bereich, in den Gewässern der Grossen Seen in Amerika und darüber hinaus, können veränderte Lichtverhältnisse im Zuge der Klimaerwärmung das Leben winziger Organismen beeinflussen, die unsere Ökosysteme erhalten. 

Architektur: Momoyo Kaijima und Yoshiharu Tsukamoto

Der Daylight Award for Architecture 2026 geht an Momoyo Kaijima und Yoshiharu Tsukamoto. Sie gründeten 1992 ihr Architekturbüro Atelier Bow-Wow in Tokio und beschreiben zentrale Themen ihrer Arbeit unter dem Begriff «Architectural Behaviorology» oder Architekturverhaltensforschung. Diese Entwurfstheorie und -methodik hat zum Ziel, vergessene Werte von Ressourcen aus der Perspektive der Ethnografie wiederzuentdecken, bestehende Barrieren und Defizite aufzudecken und einen besseren Zugang zu lokalen Ressourcen zu schaffen. Dazu gehören auch Tageslicht, das Zusammenspiel von Architektur und Naturkräften sowie die Interaktion zwischen Gebäuden und Menschen. Momoyo Kaijima ist seit 2017 Professorin für Architectural Behaviorology an der ETH Zürich.

Die Jury würdigt die feinfühlige Auseinandersetzung von Kaijima und Tsukamoto mit dem Licht als architektonischem Gestaltungsmittel. In ihren Arbeiten ist natürliches Licht nicht nur ein ästhetisches Merkmal; es ist eine Forschungsvariable, ein kulturelles Signal und ein sozialer Katalysator. Ihre Architektur besteht nicht aus grenzenlosem Glas oder spektakulärer Offenheit. Es ist die behutsame Entdeckung des Tageslichts unter Einschränkungen. In dicht bebauten Städten zeigen sie, dass gutes Tageslicht indirekt entstehen kann, durch Reflexion, geliehenen Himmel, gefilterte Dachüberstände, schmale Spalten, saisonale Innenhöfe und Fenster, die auf ihre Umgebung reagieren. 

Licht gestaltet das Leben der Menschen

Das Werk von Kaijima und Tsukamoto zeichnet sich nicht durch imposante Dimensionen, aufwendige Details oder eine unverwechselbare Formensprache aus. Vielmehr definiert sie sich durch Einfühlungsvermögen für die lokale Bauweise, die Aufmerksamkeit für bestimmte Orte und spezifische Aufgaben, das Bekenntnis zu bestehenden Strukturen sowie den einfallsreichen und gekonnten Einsatz architektonischer Mittel. Der wesentliche Faktor ist die Nutzung der Gebäude, ihre lebendige Beziehung zu Tageslicht und Wetter sowie ihre Verbindung zu den Bewohnern und Bewohnerinnen. 

Zu den Projekten von Kaijima und Tsukamoto gehören mittelgrosse und kleinere Gebäude für den täglichen Gebrauch, darunter auch Wohngebäude, Büros, Kindergärten, Galerien, aber auch Forschungsgebäude, Werkstätten und Ad-hoc-Architektur. Ihr innovatives, durchdachtes und äusserst vielfältiges Schaffen zeichnet sich oft durch eine einfallsreiche Einbindung des Tageslichts als prägendes architektonisches Element aus.

Forschung: Brittany N. Zepernick, Steven W. Wilhelm und R. Michael McKay

Der Daylight Award for Research 2026 wird an Brittany N. Zepernick, Steven W. Wilhelm und R. Michael McKay für ihre wegweisenden Erkenntnisse zur Rolle des Tageslichts bei photosynthetischen Algen in einem sich wandelnden Klima verliehen.

Mithilfe von Tageslicht erhalten photosynthetische Algen den Grossteil des Lebens auf der Erde. Durch Photosynthese nutzen sie Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid, um chemische Energie zu erzeugen und Sauerstoff freizusetzen. Sie sind von grundlegender Bedeutung für Ökosysteme, da sie grosse Mengen an atmosphärischem Sauerstoff erzeugen, aquatische Nahrungsnetze stützen, Nährstoffkreisläufe regulieren, Kohlendioxid binden, wichtige Lebensräume bereitstellen und die Wasserqualität beeinflussen.

Mikroorganismen prägen Ökosysteme

Die Forschung von Zepernick, Wilhelm und McKay macht eine sich wandelnde Unterwasser-Lichtwelt sichtbar. Da der Klimawandel die Eisbedeckung in den nördlichen gemässigten Seen verringert, können Wind und Wasserbewegungen Sedimente aufwirbeln und die Trübung erhöhen, wodurch weniger Tageslicht das mikroskopisches Leben in den tiefen Schichten des Wassers erreicht. Was auf den ersten Blick einfach wie ein Verlust des Wintereises erscheint, ist daher auch ein Verlust an Lebensraum. Die Forschenden untersuchten, wie sich verschiedene Gemeinschaften lichtabsorbierender Algen an die veränderten Bedingungen anpassen. Dies unterstreicht zwar die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems angesichts vom Menschen verursachter Veränderungen, könnte aber auch unerwartete Auswirkungen auf Nahrungsnetze haben, die von der winterlichen Produktivität abhängig sind. 

Die Arbeit von Zepernick, Wilhelm und McKay regt zu einer breiteren öffentlichen Debatte über Tageslicht an. Der Winter ist keine Ruhephase im See. Mikroben haben tägliche Rhythmen, und ihre Arbeit deutet darauf hin, dass es mehr als eine Möglichkeit gibt, Tageslicht zu nutzen. Ihre Bemühungen verbinden Klima, Wasserqualität, öffentliche Gesundheit und das Leben auf dem Planeten, von den kleinsten Organismen bis hin zu ganzen Nahrungsnetzen. Angesichts der bereits im Gange befindlichen grossräumigen Klimaveränderungen trägt ihre Arbeit auch dazu bei, wie es diesen Organismen in einer klimatisch veränderten Zukunft ergehen könnte, mit erheblichen Auswirkungen auf die Gesundheit des Planeten und die Biodiversität. 

Daylight Award

Der Daylight Award würdigt und fördert die Forschung zum wissenschaftlichen Verständnis von Tageslicht und dessen Bedeutung für Gesundheit, Wohlbefinden und ein ausgewogenes Ökosystem sowie dessen erlebnisbezogenen und mentalen Wert in der architektonischen Gestaltung. Ziel ist es, die Zusammenarbeit von Disziplinen zu unterstreichen, die üblicherweise als getrennte Fachgebiete betrachtet werden. Der Daylight Award strebt danach, ein ganzheitliches Verständnis von Tageslicht im menschlichen Leben und im weiteren Ökosystem zu fördern und dessen positive Auswirkungen zu stärken.

Der Daylight Award wird von der Daylight Academy (DLA) verliehen, einer internationalen Mitgliederorganisation, die Wissenschaftler aller Disziplinen sowie Fachleute aus Architektur, Ingenieurwesen und Planung zusammenbringt, die in der Tageslichtforschung tätig sind oder ein starkes Interesse an tageslichtbezogenen Themen haben.

https://thedaylightaward.com/

 

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