«Un­ser wert­voll­ster Rohs­toff ist die In­no­va­tion»

Der Jurypräsident des Prix SIA 2026, Tivadar Puskas, ist Bauingenieur und wünscht sich, dass neben den Architekturschaffenden auch alle anderen Planenden mehr Anerkennung für ihre Arbeit erhalten. Im Interview erläutert er die Vorgehensweise der Jury bei der Auswahl der Projekte für die Shortlist anhand des Davos Qualitätssystems für Baukultur.

Date de publication
21-04-2026

Herr Puskas, warum ist der Prix SIA wichtig?

Weil er die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Planenden und die daraus entstehenden Innovationen im Prozess sichtbar macht. Er würdigt Projekte, die nicht nur schön gestaltet sind oder technisch überzeugen, sondern auch gesellschaftliche und ökologische Anforderungen erfüllen. Zudem soll der Preis hohe Baukultur in der Schweiz fördern, weshalb die Bewertung nach den acht Kriterien des Davos Qualitätssystems für Baukultur erfolgt.

Der Fokus auf Interdisziplinarität hebt den Prix SIA von anderen Auszeichnungen ab, richtig?

Ja, das ist korrekt. Bei der Entwicklung eines grösseren Projekts agiert nie nur eine einzelne Person, sondern immer ein interdisziplinäres Team. Oftmals wirken Bauingenieurinnen, Haustechnikplanende und Landschaftsarchitekten im Hintergrund. Doch jedes Projekt entsteht durch Teamarbeit, durch einen Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen. Diese Arbeit will der Prix SIA sichtbar machen und würdigen.

«Der Prix SIA würdigt Projekte, die gesellschaftlich und ökologisch hohe Anforderungen erfüllen.»


Wie bewährt sich die Auswertung nach den acht Kriterien des Davos Qualitätssystems für Baukultur?

Die acht Kriterien bilden einen strukturierten Rahmen zur Beurteilung der Projekte. Sie stellen sicher, dass die Jury eine ganzheitliche Bewertung vornimmt. Dabei ist etwa die Schönheit nur ein Punkt von acht – das Qualitätssystem berücksichtigt in gleichem Masse die Gouvernanz, die Funktionalität, die Umwelt, die Wirtschaft, die Vielfalt, den Kontext und den Genius loci.

Wie ist die Jury bei der Auswahl vorgegangen?

Wir haben die 183 Einreichungen zuerst aufgeteilt und in Dreiergruppen diskutiert. Mit 35 Projekten sind wir in die engere Auswahl gegangen. In einem Ausscheidungsverfahren in fünf weiteren Durchgängen haben wir die Auswahl nach und nach auf zwölf Projekte reduziert. Dabei waren auch Projekte, bei denen ein einzelner Aspekt besonders gut erfüllt war, dafür andere aber eher weniger. Die Herausforderung lag darin, zu beurteilen, ob solche Projekte besser oder schlechter bewertet werden sollten als Projekte, die in allen acht Kriterien mittelmässig abschnitten.

«Jedes Projekt entsteht durch einen Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen.»


Und wie ging es mit den letzten zwölf Projekten weiter?

Für jedes einzelne Projekt haben wir ein Spider-Diagramm mit den acht Kriterien für hohe Baukultur erstellt. Die Fläche dieser Diagramme gab Aufschluss darüber, welche Projekte viele Kriterien besonders gut erfüllten. Wir konnten uns schliesslich auf die sechs einigen, die jetzt auf der Shortlist stehen. Wir sind sehr gespannt, wie das Publikum darauf reagiert.

Sind bei den Eingaben Trends und Themen ablesbar?

Natürlich prägt das Geschehen in Politik und Gesellschaft die Projekte. Der Trend geht Richtung Nachhaltigkeit. Es gab viele Eingaben mit Holz- und Holz-Hybrid-Bauten, innovativen Betongebäuden, Re-Use-Projekten mit Stahl sowie Lehmbauten. Besonders auffällig war, dass die Eingaben dem Erhalt von Bauwerken einen hohen Stellenwert beimassen, was darauf schliessen lässt, dass in Zukunft weniger rückgebaut und mehr erhalten wird.

«Die acht Kriterien des Davos Qualitätssystem für Baukultur bilden einen strukturierten Rahmen zur Beurteilung der Projekte.»


Beim ersten Prix SIA 2024 gab es viele Eingaben, die sich auf die Architektur fokussierten (vgl. TEC21 4/24 «Ein Preis für hohe Baukultur») und weniger Eingaben, die beispielsweise den Ingenieurbau oder die Landschaftsarchitektur thematisierten. Sind die Einreichungen dieses Jahr etwas diverser geworden?

Ein wenig. Architekturschaffende haben jedoch die meisten Projekte eingegeben und beschrieben. Das liegt daran, dass sie bei Hochbauten meistens im Lead sind. Es gibt natürlich auch in die Landschaft eingepasste, innovative Brückenbauwerke, Tiefbauten und Gestaltungen von Landschafts- und Siedlungsräumen, die unsere Umwelt stark prägen und eine Würdigung verdienen würden, aber leider nicht eingereicht wurden. Ich denke, da wäre der SIA gefragt und müsste Ingenieurinnen und Landschaftsarchitekten proaktiv anschreiben.

Woran liegt es, dass andere Planende ihre Projekte nicht einreichen?

Es fehlt die Kultur. Architekten lernen in ihrer Ausbildung, wie man ein Projekt gut darstellt und nach aussen vermittelt. Das fehlt in anderen Disziplinen. Dabei sind gerade beim CO2-neutralen Bauen auch die Bauingenieurinnen stark gefordert. Es liegt in ihrem Fachbereich, wie wir materialeffizient bauen und Bestandesbauten intelligent umnutzen können. Auch Haustechnikplanende haben die Kompetenzen, um intelligente, energieeffiziente Heizungs-, Lüftungs- und Klimakonzepte zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass der Prix SIA diese Berufsgruppen stärker in den Vordergrund treten lässt.

«Geschehen in Politik und Gesellschaft prägt die Projekte.»


Was ist Ihr persönliches Anliegen als Jurypräsident des Prix SIA?

Unser wertvollster Rohstoff in der Schweiz ist die Innovation, und sie entsteht meist in Teamarbeit. Ich wünsche mir deshalb, dass die Kooperation der verschiedenen Disziplinen sichtbarer wird. Das bedeutet konkret, dass beispielsweise bei Wettbewerben immer alle beteiligten Planenden genannt werden. Heutzutage sind die Projekte so komplex, dass immer ein grosses Team an einer Aufgabenstellung arbeitet. Diese Tatsache sollten wir im SIA wie auch in anderen Medien entsprechend würdigen. 

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