«Es gehört zum Be­ruf dazu, sein Know-how wei­ter­zu­ge­ben»

Das Mentoring-Programm des SIA geht in die siebte Runde. Die Genfer Architektin Namira Benfriha-Raki war im Jahr 2024 Mentorin und begleitete damals drei junge Berufstätige. Sie blickt auf eine Erfahrung zurück, die sie vor allem als bereichernd bezeichnet.

Date de publication
21-01-2026

Ein Austausch, bei dem alle nur gewinnen können: Nach diesem Prinzip funktioniert das SIA-Mentoring-Programm. Ein Jahr lang werden Tandems aus erfahrenen Fachleuten (Mentorinnen oder Mentoren) und Berufseinsteigern beziehungsweise weniger erfahrenen Berufskolleginnen und -kollegen (Mentees) zusammengebracht. Welche Vorteile bringt dieses Programm und an wen richtet es sich? Diese Frage haben wir Namira Benfriha-Raki gestellt. Die Architektin war selbst Mentorin und denkt darüber nach, diese Erfahrung zu wiederholen.

SIA: Namira Benfriha-Raki, was hat Sie dazu bewogen, sich als Mentorin zu engagieren? 

Ich bin sehr aktiv im Vereins- und Berufsleben und mag Projekte, die Orientierungshilfe bieten und den Austausch untereinander fördern. Was mich am Mentoring-Programm gereizt hat, ist, dass man sich mit Menschen befasst. Als Mentorin hat man den Vorteil, über mehr Abstand und mehr Erfahrung zu verfügen. Man kann Menschen begleiten und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind – auch andere sind schon vor vergleichbaren Situationen gestanden! Ausserdem habe ich während meiner Mentoren-Tätigkeit sehr viel von meinen Mentees gelernt. Jüngere oder weniger erfahrene Berufsleute gehen oft anders an die Arbeit heran, als ich es tue. Für sie haben beispielsweise die Work-Life-Balance und alles, was im Leben neben der Arbeit Platz haben soll, einen hohen Stellenwert. Sie passen ihre Arbeitsweise und ihre Erwartungen entsprechend an.

SIA: Was würden Sie anderen Vereinsmitgliedern raten, die sich als Mentorinnen oder Mentoren engagieren möchten?

Mein Rat ist, keine Angst zu haben sich darauf einzulassen. Manche glauben, dass man als Mentor fünfzig Anrufe pro Tag erhält, was absolut nicht der Fall ist. Mentees sind Fachleute, die ebenfalls mit ihrer Arbeit beschäftigt sind. Sie nehmen am Mentoring-Programm teil, um sich über bestimmte Punkte auszutauschen und Klarheit für das weitere Vorgehen zu gewinnen. Die Rolle besteht vor allem darin, Zeit zur Verfügung zu stellen: Erst einmal zuzuhören und dann wenn möglich Unterstützung zu bieten. Das eigene Know-how weiterzugeben, gehört für alle Fachleute zum Beruf dazu.

SIA: Können Sie das noch genauer beschreiben?

Ich habe beispielsweise zu Beginn keinen strengen Zeitrahmen festgelegt und mich trotzdem nie zu sehr beansprucht gefühlt. Ich empfehle, am Anfang offen zu bleiben, damit sich die Mentees wohlfühlen und sich ohne Hemmungen austauschen können. Von den drei Mentees, die ich begleitet habe, rückte letztlich eine Person in den Fokus, welche die notwendigen Schritte zur Gründung und Leitung eines eigenen Büros erfahren wollte. Es hängt also alles von den jeweiligen Personen ab. Wenn es mehrere Mentees gibt, sollten diese ihre Mentorin oder ihren Mentor individuell kontaktieren können. Es ist besser, sich als Mentorin oder Mentor breit verfügbar zu zeigen, als jeweils krampfhaft Treffen zu organisieren, die zwischen zwei berufliche Termine gequetscht werden müssen.

SIA: Was war Ihre grösste Herausforderung während des Mentoring-Programms und wie sind Sie damit umgegangen?

Das ist natürlich nicht immer so, aber – da ich drei Frauen begleitet habe – habe ich festgestellt, dass viele Frauen zu Beginn ihrer Karriere allein arbeiten, während Männer eher dazu tendieren, sich zu zweit oder in einer Gruppe zusammenzuschliessen, um stärker zu sein. Die Arbeitsbelastung ist für die Frauen daher oft höher, was zu einer Überlastung führen kann und letztendlich dazu, den Beruf aufzugeben. In den Gesprächen mit meinen Mentees haben wir diesen Aspekt ausführlich besprochen. Vielleicht ist es nicht unbedingt die beste Lösung, sich direkt nach dem Studium als Selbstständige zu versuchen. Vor allem sollte man es als Selbstständige vermeiden, Aufträge zu Schleuderpreisen anzunehmen und so in prekäre Verhältnisse zu geraten. Die Begleitung und die Unterstützung durch die Mentorin oder den Mentor sind hier von entscheidender Bedeutung: Sie ermöglichen dem Mentee, Antworten auf einige zentrale Fragen zu finden.

SIA: Welche Erkenntnisse oder welches Fazit nehmen Sie aus dem Mentoring-Jahr mit?

Ich wünschte, dass die Mentees mich häufiger um Rat gefragt hätten. Dann hätte ich sie besser unterstützen und konkretere Ziele mit ihnen festlegen können. Wie gesagt, ich finde es gut, für den Austausch keinen bestimmten Rhythmus vorzugeben. Aber die Mentees müssen Fragen stellen. Denn das Programm kommt vor allem ihnen zugute. Und wenn der Mentor gerade nicht antworten kann oder keine Antwort weiss, kann er die Mentees an eine andere Person verweisen. Allerdings finde ich, dass der erste Schritt von den Mentees kommen muss.

SIA: Was sind nach Ihrer Erfahrung die Vorteile, die das Programm für die Mentees bietet? An welches Profil richtet sich das Mentoring-Programm?

Meiner Meinung nach sollte das Programm allen offenstehen – unabhängig vom Alter und in welcher Phase sich die berufliche Laufbahn befindet. Selbst mit Erfahrung kann man sich angesichts von Veränderungen verloren fühlen und nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. In solchen Momenten ist es wichtig, nicht allein zu bleiben. Mentoring ist in erster Linie eine menschliche Begleitung: Zunächst hört man zu und bestärkt die Person – dann kommt der berufliche Aspekt hinzu. In dieser Phase kann man auch auf bestimmte Weiterbildungen oder Ressourcen hinweisen.

SIA: Was gefällt Ihnen am Mentoring-Programm besonders?

Die Flexibilität des Programms: Von Anfang an wird die freie Meinungsäusserung gefördert. Unsere Berufe sind anspruchsvoll, mit knappen Fristen und hohem Qualitätsdruck. Da kann man schnell das Gefühl bekommen, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Durch das Mentoring-Programm hat man jedoch jemanden zur Seite, der einen dabei unterstützt, Stolpersteine zu umgehen. Ich begrüsse diesen Ansatz sehr und überlege sogar, mich erneut dafür anzumelden.

SIA: Was ist Ihr Ratschlag für die Mentees?

Den Mentees rate ich, ihre Erwartungen von Anfang an klar zu definieren – auch im Zusammenhang mit einer Krisensituation oder dem Wunsch, den Beruf aufzugeben. Wenn man darüber spricht, kann sich eine gute Idee herauskristallisieren. Das ist besser, als unter dem Druck aufzugeben und zu denken, dass es keine Alternative gibt. 

Kurzbiografie

Namira Benfriha-Raki ist freiberufliche Architektin, Spezialistin für universelle Barrierefreiheit bei NBR architectes sowie Koordinatorin und beratende Architektin beim Verein HAU (Handicap Architecture Urbanisme). Sie hat die École polytechnique d'architecture et d'urbanisme in Alger sowie die Architekturhochschule Genf (École d'architecture de l'Université de Genève, EAUG) absolviert und ist in Frankreich und Afrika beruflich tätig gewesen. Ausserdem ist sie Mitglied der Regionalgruppe Genf des Netzwerks Frau und SIA.

 

Mentorinnen, Mentoren und Mentees gesucht

Die neue Ausgabe des Mentoring-Programms von SIA InForm, der Weiterbildungsinstitution des SIA, startet im März 2026. Die Teilnahme ist kostenlos und steht Einzelmitgliedern, Studentenmitgliedern, Juniormitgliedern und Mitarbeitenden von Firmenmitgliedern offen. Das Programm richtet sich an Personen aus allen im SIA vertretenen Berufsgruppen. 

 

Weitere Informationen und Anmeldung: Mentoring-Programm

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