Be­lebte Zeit­zeu­gen: vom Milch­buck zum Bahn­hof Oer­li­kon

Architekturspaziergang

Steinerne Schulhäuser, auf deren Pausenplätzen moderne Holzpavillons dem zunehmenden Platzmangel trotzen, und dazwischen inmitten üppiger Grünanlagen die Wohnzeilen, in denen die Arbeiter aus der Maschinenindustrie Oerlikons mit ihren Familien wohnten. Die alten Quartiere aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die von einem Bauboom zeugen, der dem heutigen gleicht, sind zu sozial vielfältig durchmischten Orten geworden.

Date de publication
12-01-2022

Der Häderlihof, eine der wohl kleinsten denkmalgeschützten Siedlungen Zürichs, liegt versteckt hinter der Häuserzeile, die frontal zur Tramhaltestelle Milchbuck steht. Geht man also links einige Schritte der Wehntalerstrasse entlang, liegt sie um ein squareartiges Gartenareal gleich nach der ersten Hofeinfahrt. Die Typenhäuschen zeichnen sich durch Flachreliefs und gewölbte Hofdurchgänge aus. Die Baugenossenschaft Wehntalerstrasse beauftragte 1927 Fritz Reiber mit den zwölf einfachen Häusern in drei Zeilen inmitten der offenen Hofrandbebauung. Er hat auch die Gründersiedlung am Friesenberg gestaltet.

Steinkluppen: Bauboom auf der grünen Wiese

Kehrt man wieder zurück an die Wehntalerstrasse, führt die erste Einfahrt auf die Rückseite der Zeile am Milchbuck. Ihr entlang geht es zur Bucheggstrasse, die man bei der Ampel überquert. Hinter dem rosa Haus im Rank führt der Steinkluppenweg hinunter ins gleichnamige Quartier. Am Weg, nach der Anna-Heer-Strasse, steht der denkmalgeschützte Pavillon des Fussballclubs Unterstrass. Das ganze Quartier wurde ab 1946 einheitlich geplant und umgab u-förmig den Fussballplatz.

Doch schon in wenigen Jahren wird der Ort kaum mehr derselbe sein. Das zeigen die Ersatzneubauten der Siedlung Brüderhofweg von Gmür Gschwentner auf der anderen Seite des Platzes. Diesseits sind die fliessenden Grünräume der alten Siedlung mit dem üppigen Baumbestand – heute noch mehr als früher – eine kostbare Qualität. Gegen den Beckhammer gab es ursprünglich in den Erdgeschossen Handwerksbetriebe und eine Birkenallee entlang der Strasse. Von dieser Zeit zeugt auch die am Kopfende des Spielfelds liegende Rollschuhbahn, die man als Nächstes passiert, mit einem feinen Holzpavillon im gleichen Stil wie das Clubhaus zuvor. Der Platz wird rege genutzt.

Die unmittelbar folgende Station am Weg ist der Vorplatz des stillgelegtenjüdischen Friedhofs Steinkluppe, der mit etwa 200 Gräbern ungestört im Schatten von Kastanien liegt. Er war der erste der 1895 gegründeten orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich, die später ein Grundstück am Friesenberg kaufte.

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Der Steinkluppenweg endet beim Schulhaus Allenmoos, das zusammen mit der alten Siedlung im ISOS-Inventar eingetragen ist. Der Verwaltungsgerichtsentscheid zum Abriss der Siedlung «Im Hegi» auf der anderen Seite der Stadt am Friesenberg lässt hoffen, dass auch hier eine radikale bauliche Umpflügung zu verhindern ist. Auf dem Pausenplatz steht ein dreigeschossiger Holzpavillon mit einer aussen liegenden Metalltreppe auf der Hinterseite. «Züri-Modular» heisst der Typus der Holzbaufirma Blumer Lehmann: 260 m2 Geschossfläche, rasch aufgerichtet und mit etwa 3 Mio. Franken vergleichsweise kostengünstig. Solche Provisorien stehen überall dort, wo Familien zuziehen.

Unmittelbar zwischen Schulhausplatz und einer bereits älteren Ersatzneubausiedlung führt ein schattiger Fussweg zum etwas versteckten Hortgebäude. Der 1958 von Jakob Padrutt erbaute Pavillon sollte einem Neubau für die heilpädagogische Schule weichen. Stattdessen gestalteten ihn Roger Boltshauser Architekten zum Hort um. Die natürlichen Materialien, die Aussenwände aus Stampflehm und Klinker sowie Lehmputz und Kaseinspachtel in den Innenräumen verleihen dem Gebäude eine angenehme Präsenz.

Wer einen Blick vom Haupteingang ins Entrée wirft, sieht die von der Künstlerin Marta Rauch mit den Schülern gestalteten Kacheln mit Figuren darauf. Die acht Mehrfamilienhäuser, auf dem gegenüberliegenden Grundstück an der Allenmoosstrasse werden bald abgebrochen. Ohne ein Baugesuch eingereicht zu haben, informierte die Besitzerin Swiss Life im vergangenen Herbst die Mieter und kündigte ihnen gleichzeitig. Eine Vorwarnung gab es nicht. 

Ein bekanntes Bad und eine Reihe Schulhäuser

Folgt man dem Weg zum Ende und biegt an der Ringstrasse links ab, gelangt man zur Badi Allenmoos. Die Architekten Max Ernst Häfeli, Werner M. Moser und der Gartenarchitekt Gustav Ammann schufen nach dem Wettbewerb von 1935 das über die Schweiz hinaus bekannte erste Quartierbad der Stadt. Mit der Landesausstellung von 1939 eröffnet, beliefen sich die Eintrittspreise damals auf 30 Rappen. Häfeli und Moser schufen starke Perspektiven zwischen den luftigen Bauten: Weite Grünflächen mit Parkcharakter, Wege die in Baumgruppen «verschwinden», und Anspielungen auf das Strandleben zeichnen Architektur und Kunst aus. Später ergänzte der Gartenarchitekt Dieter Kienast die Anlage im hinteren Teil mit der dynamischen grünen «Welle». 1988 nahm die Denkmalpflege die Badi ins Inventar auf. 

Einige Schritte zurück auf der Ringstrasse führt der Ulmenweg links zum Heizigraben Wald – woher der kuriose Name stammt, war nicht auszumachen. Am Waldrand steht an der Berninastrasse 100–106 eine Häuserzeile aus dem Jahr 1919, zwei Teile davon sind im Inventar der Denkmalpflege. Wie zahlreiche andere Arbeiterhäuser in der Gegend zeugen sie von der Blütezeit der Maschinenindustrie Oerlikon.

Nach ein paar Metern öffnet sich der Wald vor der roten Rennbahn des idyllischen Sportplatzes Liguster mit dem monumentalen Schulhaus von Vogelsanger Maurer Architekten aus dem Jahr 1924. Seine Rückseite wird im Sommer von einer blühenden Magerwiese gesäumt. Über das Schulhausdach ragt die Spitze des Turms der Kirche Oerlikon, deren Interieur die Innenarchitektin Eliane Schilliger 2009 sorgfältig neu gestaltet hat. Wald, Sportplatz, Schule, Kirche – stünde auf dem Pausenplatz nicht ebenfalls ein «Züri-Modular», man wähnte sich in einer vergangenen Epoche. Hinter dem Sportpavillon an der Rennbahn führt die Föhrenstrasse zum nächsten Schulhaus, dem Gubel. Sein moderner Sonnenschutz flattert spielerisch grüssend um die Fenster.

Hochhäuser der ersten Zeit

Ein paar Schritte nach links der Regensbergstrasse entlang und die Gubelhangstrasse hinunter steht man vor der imposanten Betonüberbauung «Zum Bauhof» aus dem Jahr 1968 von Werner Gantenbein, mit gestalterischen Anleihen von Le Corbusiers Unités. Gantenbein hat unter anderem auch den Modissa-Bau an der Zürcher Bahnhofstrasse erstellt – beide Bauten erhielten eine Auszeichnung guter Bauten. Wohn- und Bürohochhaus sowie der massive sie zusammenfassende Sockelbau mit ehemals alkoholfreier Wirtschaft, die einem Discounter gewichen ist, wirken ortsprägend. Der Komplex ist rundum gut sichtbar, obschon er sich etwas abseits vom Zentrum befindet. Dort liegt am Marktplatz prominenter das 1972 eröffnete und durch Gäste und Swissair geschichtenumwobene Swissôtel. Es war damals das höchste Gebäude der Stadt und steht seit 2021 auf der Inventarliste des Denkmalschutz. Das Hotel musste im September 2020 pandemiebedingt schliessen; nun plant die Credit Suisse eine Wiedereröffnung. Auf zwölf der 28 Stockwerke soll wieder ein Hotel und in den übrigen Wohnungen entstehen. Bis es so weit ist, werden temporär Räume an Kreative und Kleinunternehmen vermietet. Am Bahnhof Oerlikon endet der Spaziergang.

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