In­nen­ent­wick­lung ist mehr als Ver­dich­tung

Anschauungsbeispiel Biel

Welche Verfahren und Kriterien die Siedlungsqualität erhöhen, behandelt ein eintägiges Seminar von EspaceSuisse. Das praxisnahe Seminar «Siedlungsqualität in der Ortsplanung – Innenentwicklung als Chance» fand im Herbst 2025 statt. Der Tagungsort Biel diente dabei als konkretes Anschauungsbeispiel.

Publikationsdatum
22-06-2026

Neben den Inputs von EspaceSuisse und des Stadtplanungsamtes der Stadt Biel war das Seminar für die Teilnehmenden aus Verwaltung und Planung ein Austauschgefäss zu den anstehenden Ortsplanungsrevisionen. Gemäss der Raumplanungsrevision von 2014 (RPG1) soll die Verdichtung unter Berücksichtigung einer angemessenen Wohnqualität nach innen gelenkt werden. Die Gemeinden sind darum in der Pflicht, die verlangte Verdichtung unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Wohnqualität in Leitbilder und Zonenpläne umzusetzen.

Was sind Siedlungsqualitäten?

In zehn Punkten fasste die Architektin und Stadtplanerin Esther van der Werf Kriterien einer hohen Siedlungsqualitätzusammen: von identitätsstiftenden Bauten über hochwertige Freiräume und Mobilität bis zu einem vielfältigen Sozialraum.

Die zehn Qualitätsaspekte der Siedlungsentwicklung:

  1. Erkennbares, belebtes Ortszentrum, wo man sich trifft.
  2. Identität und Geschichte, die spürbar sind.
  3. Baukultur und Ästhetik, die erlebbar sind.
  4. Dienstleistungen, soziokulturelle Angebote und Nahversorgung, die in nächster Nähe verfügbar sind.
  5. Nutzungsmix, der Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit im gleichen Quartier erlaubt.
  6. Bevölkerungsmix, der Begegnungen von unterschiedlichen Menschen (z. B. Herkunft oder Alter) ermöglicht.
  7. Aussen-, Frei- und Grünräume mit Bäumen und Wasser, wo Menschen durchatmen können.
  8. Fussgänger- und Veloinfrastruktur sowie öffentliche Verkehrsmittel, die man gerne nutzt.
  9. Verkehrsberuhigte Räume, in denen man sicher aneinander vorbeikommt (z. B. Tempo 30 oder Begegnungszonen).
  10. Immissionsarme Räume, die weder durch Lärm noch durch Abgase beeinträchtigt werden.

Doch mit welchen gesetzlichen Vorgaben kommen wir zu der angestrebten Qualität? Die Grünflächenziffer genügt nicht, wenn sie zu monotonen Rasenflächen führt. Und zusätzliche Geschosse zur Verdichtung sind nicht zielführend, wenn dadurch nur der Flächenverbrauch pro Person steigt. Es braucht qualitative Leitsätze, ein situatives Abwägen – und Behörden, die Qualitäten aktiv einfordern. Sondernutzungspläne sind dabei ein wichtiges Instrument. 

Gemäss EspaceSuisse ist ein von Gemeinden häufig genannter Wunsch die Schaffung eines belebten Ortskerns mit räumlichen Qualitäten als Treffpunkt mit Infrastrukturangeboten. Der Input von Paul D. Hasler, externer Berater von EspaceSuisse, thematisierte aus diesem Grund die Erdgeschossnutzungen. Die Vermietung der Erdgeschossflächen ist jedoch zunehmend schwierig, weil der Detailhandel rückläufig ist. Gemäss Hasler lassen sich Strategien zur Nutzung der Erdgeschosse besser kleinräumig – das heisst strassenweise – und im Dialog mit den Eigentümerschaften entwickeln. Auch die Parkierung bleibt ein sensibles Thema: Parkplätze stören den öffentlichen Raum, doch die Menschen reisen im Auto an. Lösungen für dieses Paradox lassen sich nur im Austausch mit Eigentümerschaften und Gewerbetreibenden erarbeiten.

Mehr dazu in der Publikation von EspaceSuisse: Ortskerne beleben – Strategien und Werkzeuge zum Wandel in unseren Zentren

Behördliches und ziviles Engagement in Biel

Glenda Gonzalez Bassi, Stadtpräsidentin von Biel, betonte in ihrem Grusswort, dass trotz langer Planungsphasen in der räumlichen Entwicklung die Chance liege, die Lebensqualität zu verbessern. Sabine Gresch, seit 2024 Leiterin der Bieler Stadtplanung, hob das grosse Potenzial der Stadt Biel in Bezug auf die Innenentwicklung hervor. In Biel ist bislang weder alles schon geplant noch entwickelt und es gibt auch an zentralen Lagen noch grossflächige Areale, die für Transformationen zur Verfügung stehen. Aktuell fehlt der Stadt noch ein Entwicklungskonzept, doch diese Offenheit biete auch Chancen für neue Lösungen im Dialog. Während die Stadt in den letzten Jahren vor allem auf Arealentwicklungen setzte, möchte die neue Leitung die Ortsidentität auch über bessere Freiräume stärken – insbesondere solche, die auch als Wegverbindung und Bewegungsraum wirken.

Biel hat ein grosses Potenzial, seine Ortsidentität zu stärken und sich auch verfahrenstechnisch weiterzuentwickeln – sowohl innerhalb der Verwaltung als auch im Austausch mit Fachverbänden, wie Sabine Gresch betont. Im Stadtlabor Biel arbeiten Fachverbände und die Berner Fachhochschule für die zukunftsfähige Stadtentwicklung zusammen. Prägend für Biel ist auch eine aktive Zivilgesellschaft: Sie verhinderte den Westast der Autobahn A5 und mit dem Film «Asphalt Public» über die Gestaltung der Bieler Esplanade hält die Kulturbranche der Stadtentwicklung den Spiegel vor. Das Terrain Gurzelen ist über Biel hinaus als Experimentierfeld einer Zwischennutzung bekannt, in dem ein ehemaliges Fussballstadion temporär in einen kollektiven Freiraum transformiert wurde.

Industrielles Erbe, neue Grünräume

Auf dem Rundgang durch Biel wurden neuere Projekte besichtigt: die unter Mitwirkung aus dem Quartier entwickelte Arthur-Villard-Promenade mit Gärten und Spielplatz und die renaturierte Schüss mit Badestelle und Buvette und den angrenzenden Entwicklungsgebieten. Direkt neben der Schüssinsel sind in einem verkehrsberuhigten Quartier 280 Wohnungen entstanden. Südlich der Schüss befindet sich ein Gewerbegebiet, welches künftig mit Rücksicht auf das industrielle Erbe transformiert werden soll. Für die architektonisch und städtebaulich hochwertigen Neubauten an der Alleestrasse von studio WOW mussten die bis anhin als Ateliers genutzten Bauten der Firma Mikron abgerissen werden. Ein Vorgehen, das stark kritisiert wurde und zu einer Sensibilisierung in Bezug auf den Umgang mit dem baulich-industriellen Erbe führte und zur Gründung des Komitees reUsine.

Workshop mit Wirkung

Im letzten Seminarteil, dem «Workshop Ortsplanungsrevision», analysierten die Teilnehmenden den Quartierblock rund um den zentralen Tagungsort Farelhaus. Die Übung machte deutlich, wie zentral die Verbindung von Verdichtung mit vorhandenen Qualitäten ist. Als eine überraschende Qualität zeigten sich die bauliche Diversität und die Nutzungsvielfalt entlang einer verkehrsberuhigten Quartierstrasse: schützenswerte Wohnbauten, alte Bäume, kleine Läden. In den Parkplätzen auf asphaltierten Hinterhöfen entdeckten die Teilnehmenden ein noch nicht ausgeschöpftes Potential für Aufenthaltsräume. Eine Gruppe erkannte die Möglichkeit, einen «Superblock» zu entwickeln – ein autoarmes Quartier mit Grünflächen, neuen Aufenthaltsqualitäten und Quartierplatz.

Doch ohne gute Kommunikation wird sich nur wenig umsetzen lassen, da nicht nur die Bauten, sondern auch die Eigentümerschaften heterogen sind. Dass sich der dafür nötige Kommunikationsaufwand lohnt, darüber waren sich alle einig. Ebenso darüber, dass den frühen Planungsphasen genügend Gewicht gegeben werden muss. Innenentwicklung ist mehr als Verdichtung, sie erfordert zukunftsgerichtetes Denken, Visionen, sorgfältige Planung und das Zusammenspiel vieler Akteure. Biel ist ein spezifisches Beispiel, die anhand der Analyse gewonnenen Erkenntnisse lassen sich aber gut auf andere Gemeinden übertragen.

Mehr Infos dazu hier: 7 Impulse für eine qualitätsvolle Innenentwicklung von EspaceSuisse