Mit En­ga­ge­ment zu mehr Le­bens­qua­li­tät

Gerlafingen im solothurnischen Mittelland ist durch die Stahlproduktion geprägt; bis heute wird im Stahlwerk Recyclingstahl produziert. Verkehrslärm und die teils schlechte Bausubstanz prägten die Wahrnehmung der Gemeinde während der letzten Jahrzehnte. Heute ist Aufbruch spürbar. Die Gemeinde nutzt das neue räumliche Leitbild und die Revision der Ortsplanung für die zukunftsgerichtete Entwicklung. Damit will sie Lebensqualität zurückgewinnen.

Publikationsdatum
10-12-2025

Die SIA Sektion Solothurn richtet mit dem neuen Format SIA-SpOt den Fokus auf baukulturelles Engagement im Kanton. Damit würdigt sie Projekte und Initiativen aus der Zivilgesellschaft, von Behörden, Investorinnen und Investoren sowie Planenden, die sich für die qualitative Weiterentwicklung oder den Erhalt der gebauten Umwelt einsetzen. 

 

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Gerlafingen ist seit dem 19. Jahrhundert eng mit der Stahlproduktion verbunden. Noch in den 1960er-Jahren arbeiteten 3500 Menschen beim Industriekonzern Von Roll. In den 1990er-Jahren trennte sich die Von Roll von der Stahlproduktion, es folgten weitere Handwechsel. 

Heute produzieren noch rund 500 Beschäftigte Armierungseisen aus Recyclingstahl für das Unternehmen Stahl Gerlafingen. Die industrielle Prägung Gerlafingens wirkt in Gesellschaftsstruktur und Ortsbild nach: Die heute rund 5900 Einwohnerinnen und Einwohner stammen aus 62 Nationen. 

Die qualitätsvollen Bauten für die Angestellten und Direktoren der Von Roll’schen Eisenwerke stehen neben Wohnsiedlungen privater Investoren aus den 1960er- und 1970er-Jahren, die ohne architektonische oder freiräumliche Ansprüche errichtet wurden. 

Hinzu kommen die Emissionen der Kantonsstrasse, die mitten durch den Ortskern führt. Kein Wunder, stand Gerlafingen 2013 im Gemeinderanking der Weltwoche ganz unten auf der Liste.

«Kümmerer» und «planerisches Gewissen»

Philipp Heri ist seit 2017 Gemeindepräsident, er ist in Gerlafingen aufgewachsen. Etwa ein Fünftel seines Pensums investiert er in Planungsfragen. Für ihn ist klar: Nur über die Qualität der gebauten Umwelt kann die Gemeinde an Attraktivität und Lebensqualität gewinnen. 

Die Gemeinde strebt ein moderates Wachstum und mehr hochwertigen Wohnraum an. Denn qualitativ gute Wohnungen lassen sich auch in Gerlafingen problemlos vermieten, wie Heri sagt.

Unterstützt wird er vom Architekten und Raumplaner Martin Eggenberger, der das räumliche Leitbild und die Ortsplanungsrevision miterarbeitet hat. Das Leitbild berücksichtigt Gerlafingens Eigenarten und Qualitäten und lenkt die Entwicklung für die nächsten 20 Jahre. Der Regierungsrat hat die Ortsplanungsrevision 2023 genehmigt, ein Meilenstein. 

Heri und Eggenberger sind ein eingespieltes Duo. Heri bezeichnet Eggenberger als das «planerische Gewissen» Gerlafingens. Für Eggenberger ist Heri der «Kümmerer» vor Ort.

Gemeinsames Entwicklungsinstrument 

Die Revision der Ortsplanung verschafft der Gemeinde neue Handlungsspielräume. Insbesondere erlaubt das Zonenreglement, auf grösseren Arealen Qualitätsverfahren vorzuschreiben. Damit setzt Gerlafingen auf ein Instrument, das vielerorts intendiert, aber selten konsequent umgesetzt wird. 

Im Ortsplan sind 16 qualitative Verfahren von Studienaufträgen bis zu Wettbewerben markiert. Qualität einzufordern war zu Beginn noch «harzig», wie Heri sagt. Doch das Blatt hat sich gewendet. Heute suchen Investorinnen und Investoren häufig selbst den Austausch mit der Gemeinde. Das Vorgehen wird zunehmend als gemeinsames Entwicklungsinstrument hin zu einem guten Ergebnis verstanden. 

Bahnhofsareal als Schlüsselprojekt

Zentral für die Transformation Gerlafingens ist das grosse Bahnhofsareal. Es liegt bis heute wie ein Bruch zwischen Ortskern und Stahlwerk und ist geprägt von Parkplätzen und Brachflächen. Künftig sollen Neubauten die städtebauliche Lücke schliessen und eine attraktive Ankunftssituation schaffen. 

Die Gemeinde verfolgte einen klaren städtebaulichen Ansatz: Mit intensiver Vermittlungsarbeit zwischen den Eigentümerinnen und Eigentümern konnten grössere Parzellen gebildet werden, etwa 50 Sitzungen seien dafür nötig gewesen, so Heri. Mit dem Kauf des in die Jahre gekommenen Gasthofs zwischen dem nördlichen und dem südlichen Entwicklungsgebiet hat die Gemeinde zudem Land für eine neue öffentliche Nutzung gefunden. 

Sackmoos: Wohnen am Gemeindewald

Ein zweites Entwicklungsgebiet liegt neben dem Gemeindewald Sackmoos. Hier entstehen gemäss Studienauftrag auf rund 6500 m2 60 Mietwohnungen. Der Gemeindewald wird sich als «Waldpark» bis in die Siedlung hineinziehen. Die Planung sieht eine geteilte Tiefgarage vor, um genügend Erdreich für Baumpflanzungen zwischen den Bauten zu erhalten. 

Damit entsteht nicht nur eine attraktive Wohnlage, sondern auch ein Freiraum, der die angrenzenden Quartiere miteinander verbindet: Landschaft und Bebauung werden verzahnt. 

Gemeindeprojekte

Den Ortskern mit seinen Läden nennt Eggenberger den «Herzraum» Gerlafingens. Mit einem neugestalteten Strassenquerschnitt will die Gemeinde Auto- und Fussverkehr besser entflechten und die Aufenthaltsqualität trotz der Emissionen der Kantonsstrasse erhöhen. 

Hinzu kommen weitere Projekte der Gemeinde auf öffentlichem Grund: eine neue Sporthalle nach einem Wettbewerb, die Renaturierung des Schulhausbächli und die Aufwertung der Spielplätze. Diese Interventionen schaffen mehr Lebensqualität und neue Identifikationsorte für alle Einwohnenden.

Kulturwandel in der Planung

In Gerlafingen etabliert sich gerade eine neue Planungskultur. Gerlafingen zeigt, wie eine kleine Gemeinde mit industriell geprägter Vergangenheit über Planungsinstrumente und mit Engagement neue Perspektiven schaffen kann. Lebensqualität entsteht durch Zusammenarbeit und den Anspruch an Qualität in den Planungsprozessen.

Eine Kurzversion dieses Texts ist am 10. September 2025 in der Solothurner Zeitung erschienen.