Fi­lip­po Bo­lo­gne­se, di­gi­ta­ler Ma­ler

Bei Architekturwettbewerben in der Schweiz zählt die von Filippo Bolognese und Clara Lopez geleitete digitale Bildfabrik zu den meistprämierten. Hier berichten die beiden über ihre Erfahrungen und Gedanken über Wirkung und Rolle von Bildern in der zeitgenössischen Architektur.

Publikationsdatum
22-10-2021

Architekturwettbewerbe stellen eine Konkurrenzsituation sondergleichen dar, die visuelle Darstellung der Projekte ist dabei nicht unwesentlich. Denn durch die vermittelte Stimmung und das eingehauchte Leben vermögen sie das ungebaute Werk von dem von Konkurrenten abzuheben.

Filippo Bologneses (*1985) Sensibilität für digitale Stimmungen hat ihm in nur wenigen Jahren zu einem internationalen Namen verholfen. Seinen Architekturvisualisierungen verleiht er eine eigene Identität; Hyperrealismus und Schlichtheit prägen den architektonischen Ausdruck. Auffallend oft sind denn auch seine digitalen Malerarbeiten unter den erstplatzierten Projekten von Schweizer Architekturwettbewerben anzutreffen.

espazium.ch hat Filippo Bolognese und seine Partnerin Clara Lopez in ihrem Büro in Mailand getroffen und mit ihnen über ihre Arbeit und ihre Gedanken über Einfluss und Rolle von Bildern in der zeitgenössischen Architektur gesprochen.

espazium.ch: Man würde nie vermuten, dass Ihre Bilder zuerst als Bleistiftzeichnungen entstehen und anschliessend auf dem Computer umgesetzt werden. Können Sie uns mehr über diesen ersten Arbeitsschritt erzählen?

Filippo Bolognese (F.B.): Die erste Etappe der Projektanalyse ist tatsächlich eine sehr spannende Phase, die ich für sehr wichtig halte. Während der ersten Gespräche mit den Architekten analysiere ich ihr Projekt, um die beste Story herauszufiltern. Meist werden die ersten Perspektiven tatsächlich von Hand gezeichnet. Als ausgebildeter Architekt bin ich der Meinung, dass das räumliche Verständnis eines Projekts in erster Linie ein geistiger Prozess und keine digitale Übersetzung sein soll. Diese ersten Handskizzen sind gewissermassen eine synthetische Darstellung des architektonischen Projekts, das uns präsentiert wird.

Clara Lopez (C.L.): Visualisierungen kommen in der Welt der Wettbewerbsillustrationen übermässig zur Verwendung – das architektonische Konzept rückt dadurch in den Hintergrund. Manchmal enthalten die Bilder so viele Spezialeffekte, Reflexionen, Texturen und Farben, dass das Projekt nicht mehr die Hauptsache ist. Wir versuchen, die Architektur ins Zentrum der digitalen Stimmung zu rücken, und bleiben dabei auf technischer Ebene so minimalistisch wie möglich.

Ohne verführerisches Bild ist es schwierig, einen Wettbewerb zu gewinnen. Was ist die Rolle der Bilder in der zeitgenössischen Architektur?

F.B.: 85 % der Bilder, die wir erstellen, sind für Architekturwettbewerbe. Diese folgen einer ganz eigenen Logik. Wir verzichten auf Aufträge, die mit Immobilienspekulation zu tun haben oder bei denen es nicht darum geht, qualitativ hochwertige Architektur hervorzuheben.

Ein «schönes» Bild kann dazu verhelfen, einen Wettbewerb zu gewinnen, aber ich bin der Meinung, dass sich die Jury vor allem von einem guten Projekt überzeugen lässt. Bilder sind ein zusätzliches Werkzeug, aber die Experten gehen bei ihrer Analyse über die visuelle Erscheinung hinaus. Was die Rolle der Bilder angeht, verfolgen wir eine klare Absicht: Wir wollen eine Geschichte erzählen.

Jede Perspektive wird so gewählt und konstruiert, dass sie eine bestimmte Atmosphäre schafft. Vor allem aber soll sie eine starke Narration über das Projekt sein. Die Bilder sollen nicht ein Werk beschreiben, sondern den Betrachter in eine präzise architektonische Story versetzen. 

Gibt es Architekten, die bereits während der Entwurfsphase auf Ihre Fachkenntnisse zurückgreifen?

F.B.: Bilder sind sicherlich ein Werkzeug im Projektentwurf, dennoch sind wir nicht in der Lage, den entwerferischen Prozess gemeinsam mit den Architekten zu begehen, da diese Arbeit effizienter ist, wenn sie auf ihre eigenen 3-D–Drahtmodelle oder anderes zurückgreifen.

Was wir ihnen jedoch bieten können, ist eine Art «fotografischer» Blick. Das Know-how über Bilder ist unsere Stärke und macht unsere Arbeit als visuelle Handwerker zu etwas ganz Besonderem. Mit zwei oder drei «Fotos» müssen wir die Stimmung eines Projekts wiedergeben können. Dazu müssen Perspektive, Stimmung, Lichtgebung, Inszenierung und Figuren genau gewählt werden.

C.L.: Meistens wollen unsere Auftraggebenden einen Aussenblick auf ihr Projekt. Sie geben uns bei den Bildern, die wir für sie machen, die Freiheit, ihre Konzepte auf unsere Art zu interpretieren.

Ihre Bilder haben eine persönliche Identität mit Wiedererkennungseffekt. Mit welchen wiederkehrenden Regeln oder Charakteristiken arbeiten Sie?

F.B.: Im Gegensatz zu anderen Bildkünstlern, die versuchen, die physische Präsenz eines Gebäudes möglichst zum Verschwinden zu bringen, steht bei uns die Architektur und ihre Wertschätzung im Mittelpunkt. Was die Regeln anbelangt, so folgen wir sicher einigen Grundprinzipien, wie der Verwendung von drei vorherrschenden Farben, der Frontalperspektive, der dreiteiligen Komposition und dem Goldenen Schnitt. Insgesamt jedoch verfolgen wir immer dieselbe Absicht, nämlich unsere Bilder möglichst ruhig und zurückhaltend wie möglich zu gestalten, immer aber mit einer grossen Ausdruckskraft.

Vor einigen Jahren waren Sie noch in einem Architekturbüro angestellt, und jetzt, sechs oder sieben Jahre später, leiten Sie ein wachsendes Unternehmen mit zehn Angestellten. Ist es denn besser, Bilder zu bauen als Gebäude?

F.B.: Die Arbeit in der Bildproduktion lässt sich nicht mit der Produktion von physischen Werken vergleichen. Unser Vorteil ist es, dass wir mit wenigen Klicks in der ganzen Welt arbeiten können, was unseren Aktionsradius deutlich vergrössert.

Und um der Meinung zu entgegnen, dass es besser ist, ein Büro zu gründen, das sich mit Bildern beschäftigt und nicht mit Architekturprojekten, gibt es eine einfache Antwort: Wir sind jeden Tag im «Abgabestress»! Mit all der mentalen Belastung und beruflichen Verantwortung, die das mit sich bringt. Der finanzielle Druck und die intellektuelle Leistung kommen noch dazu. Viele unserer Angestellten verlassen das Büro nach kurzer Zeit wieder, weil sie merken, dass der Beruf des «visual artist» nicht so lustig ist, wie sie sich das vorgestellt hatten.

C.L.: Es mag einfach erscheinen, aber das Risiko, das wir eingegangen sind, als Filippo anfing, mehr Aufträge zu erhalten, als er übernehmen konnte, ist nicht zu unterschätzen. Wir mussten unsere sicheren Jobs als Angestellte aufgeben, um Unternehmer zu werden und Leute auszubilden, damit sie auf unsere Art und Weise arbeiten.

Die Architekturlehre ist heute einem nie dagewesenen Phänomen ausgesetzt: der Bilderflut. Was raten Sie als ausgebildete Architekten den Architekturstudierenden?

C.L.: Man muss sie dazu anhalten, sich vielmehr das gesamte Werk eines Autors anzuschauen als 50 Bilder von verschiedenen Autoren. Man muss sich mit den gemeinsamen Charakteristiken auseinandersetzen, um den Charakter des Autors zu verstehen, und vor allem, um seine Identität zu erforschen. Schliesslich ist das Erschaffen einer Identität das, was wir mit unserer Arbeit bezwecken und zu was wir anhalten. Dies, indem man sich von der Unbeständigkeit löst, die charakteristisch ist für die meisten Bilder auf dem Internet.

In gewisser Weise tragen wir natürlich zu dieser Bilderflut bei. Dennoch denke ich gern wie der italienische Künstler Enzo Cucchi: «Die Architektur ist ein Körper, der uns beruhigt, uns Orientierung gibt und Distanz zu unseren Ängsten schafft». Wir hoffen, dass wir mit unserer Arbeit den gleichen Effekt erzielen.

F.B.: Schwierig zu sagen, aber ganz spontan rate ich ihnen, in die Bibliothek zu gehen oder ganz allgemein sich Bücher anzuschauen. Sie müssen lernen, sich für das Gesamtwerk eines Autors zu interessieren, und sich nicht nur mit ein paar wenigen Lieblingsbildern zu begnügen oder Imitationen davon zu sammeln. Meine einzige Befürchtung ist, dass wir durch diese Bombardierung durch Bilder in eine neo-eklektische Epoche zurückfallen, die dem Beruf des Architekten sehr schaden könnte.

Was die Darstellungsart betrifft, so dominiert der Fotorealismus. Wie nehmen Sie als «visuelle Produzenten» die Entwicklung in der Architekturvisualisierung wahr?

F.B.: Bilder existieren seit Jahrhunderten, ganz unabhängig vom Darstellungsstil. Die Darstellungstechniken jedoch verändern sich stetig weiter. Der Stil hat sich sicher verändert, und man könnte behaupten, dass wir uns heute am Hyperrealismus orientieren. Für unsere Bilder lassen wir uns aber ganz im Gegenteil von ganz unterschiedlichen Stilen und Epochen inspirieren. Wir schätzen besonders die Abbildungen der Renaissance in Bezug auf Farbgebung, Perspektive und Proportion, aber auch die Collagen von Mies van der Rohe und Superstudio wegen der Ausdrucksstärke. 

C.L.: Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Vorstellung der Zukunft als hypertechnoide Welt nur eine kollektive Illusion ist. Noch vor ein paar Jahren dachten wir, Avatare und Hologramme würden uns in kürzester Zeit ersetzen. Das ist aber nicht eingetreten, und zwar aus einem einfachen Grund: Der Mensch entwickelt sich viel langsamer weiter als die Technologie. Wir konzentrieren uns in unserer Arbeit auf die Konstruktion einer räumlichen Geschichte, sodass dem Arbeitsmittel keine grosse Wichtigkeit mehr zukommt.

Stellen Sie kulturelle Unterschiede oder Generationsunterschiede fest?

F.B.: Einerseits arbeiten wir immer öfter mit jungen Teams zusammen, die mit Sicherheit am meisten Lust und Energie haben, einen Wettbewerb zu bestreiten. Andererseits werden die Projekte, an denen wir arbeiten, in den letzten Jahren immer grösser. Denn die Bilder von kleinen Projekten werden meist von den Büros selbst erstellt. Ob junge oder erfahrene Architekten, wir können da keine Unterschiede ausmachen.

Hingegen stellen wir bezüglich der verschiedenen architektonischen Kulturen, mit denen wir konfrontiert sind, grosse Unterschiede fest. Es ist nicht das Gleiche, mit einem Schweizer Architekten zusammenzuarbeiten wie mit einem amerikanischen, einem norwegischen oder einem japanischen. Die Kultur, die allen gemein ist, ist die Architektur, aber in jedem Land gibt es andere Feinheiten und Nuancen, die wir erfassen müssen, um sie in das Bild einzuarbeiten.

C.L.: Uns ist aufgefallen, dass die jungen Büros extrem gut vorbereitet sind, vor allem in der Schweiz. Es sind Teams, die am Boden geblieben und sehr zuverlässig sind und die sich durch eine perfekte Organisation und einen ausserordentlich professionellen Pragmatismus auszeichnen. Die in der Anfangsphase vereinbarten Verpflichtungen und Fristen werden eingehalten, was die Zusammenarbeit vereinfacht und für Effizienz sorgt. Meist ist der Umgang sehr schnell vertraut, und das merkt man dem Endresultat dann auch an.

Übersetzung aus dem Französischen: Judith Gerber. Die ausführliche Version dieses Artikels ist auf espazium.ch/fr erschienen.

Auswahl der letzten gewonnenen Wettbewerbe 2020/2021 (Titel der Projekte in der Originalsprache):

 

Juni 2020

Nuove stazioni della funivia Verdasio-Rasa (TI). Architektur: Francesco Buzzi

 

Juni 2020

Campus of the bundesbank’s central office, Frankfurt (Deutschland). Architektur: morger partner

 

Oktober 2020

DTB St. Gallen / Neubau Betriebsgebäude Direktion Technische Betriebe, St.Gallen (SG). Architektur: Durisch + Nolli

 

September 2020

Morgental Wetzikon, Zurich (ZH). Architektur: Hosoya Schaefer

 

Oktober 2020

Neubau HIC Campus Hönggerberg, Zürich (ZH). Architektur: Buchner Bründler

 

Januar 2021

Bahnhofsareal Bremgarten, Argovie (AG). Architektur: Schneider & Schneider

 

November 2020

Technical and logistics center, Sierre (VS). Architektur: Sylla Widnmann

 

März 2021

Stöckacker Nord – Meienegg, Bern (BE). Architektur: Huggenbergerfries

 

November 2020

Theaterstrasse 12, Zurich (ZH). Architektur: Jessenvollenweider

 

Dezember 2020

Biopôle à Lausanne (VD). Architektur: Architram

 

Januar 2021

Réaménagement des espaces publics pôle Cornavin, Place Montbrillant, Genève (GE). Monnier Architecture du Paysage + Giorgis & Rodriguez Architectes

 

Dezember 2020

CPT Chiasso (TI). Architektur : Boltas Bianchi

 

April 2021

Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen, Zurich (ZH). Architektur: Hosoya Schaefer Architects AG

 

April 2021

Extension du musée MACBA, Barcelona. (Spanien). Architektur: Christ & Gantenbein

 

Juni 2021

Universität Zürich, Campus Irchel - Neubau Laborprovisorium Functional Genomics Center Zürich. (ZH) Gesamtleistungswettbewerb. Architektur: Sam Architekten

 

März 2021

Clinique bois cerf à Lausanne (VD). Architektur: meier + associés architectes

 

Juli 2021

Neubau Sozialversicherungsgericht, Winterthur (ZH). Architektur: Zimmer Schmidt

 

Juni 2021

Extension et transformation de l'Hôpital d'Yverdon-les-Bains (VD). Architektur: Ferrari Architectes

 

Mai 2021

Stadthafen Rostock (Allemagne). Architektur: Holzer Kobler

 

Mai 2021

Construction d'un immeuble pour seniors, Anières (GE). Architektur: Cathrin Trebeljahr

 

April 2021

Deux îlots de logements, crèche et activités de quartier, Plan-les-Ouates (GE). Architektur: Sylla Widmann

 

Juli 2021

GISA residential building, Affoltern, Zurich (ZH). Architektur: Masswerk

 

Mai 2021

Zollgebäude St. Margrethen, Saint-Gallen (SG). Architektur: Schneider & Schneider

 

Juli 2021

Lido weggis ersatzneubau hallenbad, Luzern (LU). Architektur: Marques Architekten

 

August 2021

Collège à Pully (VD). Architektur: Itten+Brechbühl AG

 

September 2021

Kunstmuseum Olten und Wohn- und Geschäftshaus, Soleure (SO). Architektur: Buchner Bründler Architekten