Auf dem Weg zu den leisen Baustellen
Im Strassenverkehr sind Elektroautos längst keine Seltenheit mehr, doch auf Schweizer Baustellen sind elektrisch betriebene Bagger oder Lastwagen immer noch eine Rarität. Die Hochschule Luzern (HSLU) hat ein Forschungsprojekt gestartet, um die Elektrifizierung von Baustellen voranzutreiben. Nun konnten Erfahrungen auf der ersten E-Baustelle gesammelt werden.
«Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne.» Auf Baustellen bedeutet dies, dass durch den Betrieb von Baumaschinen und Transportfahrzeugen grosse Mengen an Treibhausgasen sowie weitere Schadstoff- und Lärmemissionen entstehen. Elektromotoren könnten hier Abhilfe schaffen.
Ein Forschungsprojekt der Hochschule Luzern (HSLU) geht deshalb der Frage nach, wie die Elektrifizierung auf Baustellen vorangetrieben werden kann. Wie gross das Potenzial für CO2-Einsparungen und bei der Lärmminderung auf den Baustellen tatsächlich ist, zeigen drei Pilot-E-Baustellen in Luzern, Basel und Zürich.
Pilotprojekt in Zürich
Im Frühjahr 2025 setzte die Stadt Zürich die ersten elektrifizierten Maschinen auf einer Baustelle ein. Auf der Schulanlage Riedenhalden, Zürich Affoltern wird eine ehemalige Sporthalle für die Betreuung umgebaut. Dort entstehen unter anderem eine Gastroküche, eine Mensa, eine Garderobe sowie Reinigungs- und Technikräume. Es wurde bewusst eine kleinere Baustelle gewählt, um die Fragen und Herausforderungen in einem überschaubaren Rahmen zu halten.
Die Firma ecoforce unterstützt bei der Umsetzung der Baustelle, der Organisation der Fahrzeuge sowie bei der Bereitstellung der Infrastruktur. Das Resultat kann sich sehen lassen: Auf der Pilotbaustelle werden die Baumeisterarbeiten, die den Einsatz von Bagger, Dumper und Radlader sowie umfassende Materialzulieferungen und -abfuhr erfordern, mit elektrifizierten Maschinen durchgeführt.
Zusätzlich kommen Elektrolastwagen zum Einsatz, die die Baustellenmaschinen an- und Bauschutt wie Aushub abliefern. Der Beton wird mit einem elektrischen Fahrmischer angeliefert. Selbst die Fahrt der Mitarbeitenden vom Baugeschäft zur Baustelle erfolgt mittels Elektroautos. Erste Berechnungen haben ergeben, dass durch elektrische Baumaschinen rund 10 % direkte Emissionen eingespart werden können.
Elektromotoren sind deutlich leiser als Verbrennungsmotoren, was die Lärmbelastung für die Anwohnerinnen und Anwohner reduziert. Und natürlich bedeutet der Wegfall von Abgasen eine gesündere Arbeitsumgebung. Zudem sind elektrisch angetriebenen Geräte oft effizienter und die Betriebskosten damit in der Regel niedriger als bei diesel- oder benzinbetriebenen Maschinen.
Elektromotoren besitzen weniger bewegliche Teile als Verbrennungsmotoren; das bedeutet weniger Wartungsaufträge und geringere Ausfallzeiten. Ausserdem ist die Lern- und Entwicklungskurve sehr steil und jede Generation elektrischer Maschinen scheint mehr von diesem Einsparpotenzial auszureizen.
Bei der Durchführung ihrer ersten E-Baustelle kann die Stadt Zürich auf Erkenntnisse aus dem Jahr 2022 zurückgreifen, die sie mit der Intep GmbH erarbeitet hat. Die im Rahmen dieser Studie theoretisch berechnete Reduktion der Treibhausgasemissionen wird mit dem Pilotprojekt auf einer realen Baustelle überprüft.
Pilotprojekt Basel
Aktuell emittieren die in Basel-Stadt eingesetzten Baumaschinen pro Jahr schätzungsweise rund 9’100 Tonnen CO2 und rund 22 Tonnen Stickoxide. Dies entspricht 1.5 % der gesamten CO2-Emissionen im Kanton und 4.5 % der Stickoxid-Emissionen. Eine vollständige Elektrifizierung der Maschinen könnte diese direkten Emissionen vermeiden.
Deshalb erprobt auch das Bau- und Verkehrsdepartement Basel-Stadt den Einsatz von Elektro-Baumaschinen. An der Hegenheimerstrasse wird seit August die bestehende Wertstoffsammelstelle in den Untergrund verlegt. Die elektrisch betriebenen Bagger, Radlader und Dumper verursachen keinen CO2-Ausstoss und reduzieren die Lärm-Emissionen.
Neben der CO2-Bilanz werden auch die Logistik sowie die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für die Elektrifizierung analysiert. Zum Vergleich dient die parallellaufende Baustelle der Wertstoffsammelstelle am St. Johanns-Platz, mit herkömmlichen Dieselmaschinen. Ab 2037 sollen gemäss der kantonalen Klimaschutzstrategie des Kantons Basel-Stadt alle Baustellen diesem Vorbild folgen.
Auch in Luzern wurde die erste E-Baustelle eingerichtet. Sie lief von Mitte August bis Mitte November 2025 und diente dem Umbau der «Kiss+Ride» Parkplätze am Hauptbahnhof zur hindernisfeien Haltekante Y, welche für den Bahnersatzverkehr genutzt werden soll. Weitere Informationen hier.
Online buchen und austauschen
«Wir sind positiv überrascht von der Begeisterung und Offenheit, mit der viele Akteurinnen und Akteure auf die Idee der E-Baustelle zugehen», sagt Projektleiterin Karina von dem Berge von der HSLU. Um die Hürden in Zukunft abzubauen, planen die Forschenden auf Basis der Erkenntnisse der Baustellen eine Online-Plattform zu entwickeln. Diese kann als Drehscheibe für die verschiedenen Interessengruppen der Baubranche dienen.
Auch kleinere und mittlere Baufirmen, die mit über 90 % die Branchenmehrheit ausmachen, erhalten damit einen Zugang zu grossen E-Fahrzeugen. Die Online-Plattform soll über partnerschaftliche Finanzierungsmodelle informieren, die die Mehrkosten bei der Anschaffung von elektrischen Baumaschinen und Transportfahrzeugen decken.
Zudem ermöglicht sie den Austausch der unterschiedlichen Interessengruppen. Denn öffentliche Auftraggeber wie Städte zögern, strategische Roadmaps für die Elektrifizierung von Baustellen zu entwickeln, solange sie nicht wissen, wie viele Elektrofahrzeuge die Baufirmen haben.
Diese warten wiederum auf Signale der kommunalen Auftraggeber, bevor sie investieren. Insgesamt wächst das Interesse der Baufirmen und Städte, Emissionen einzusparen, denn sie wollen alle dem Ziel der Klimaneutralität näherkommen.
Forschungsprojekt ist breit abgestützt
Das Forschungsprojekt «Elektrifizierung städtischer Baustellen» verfolgt einen interdisziplinären Ansatz. Neben dem Departement Wirtschaft ist auch das Departement Technik & Architektur der HSLU beteiligt.
Ebenfalls mit an Bord sind die Partnerstädte Luzern, Basel und Zürich, die Stiftung Klimaschutz und CO₂-Kompensation KliK, die ecoforce GmbH, ein auf Elektrifizierung spezialisiertes Planungsbüro, sowie die Sharing-Plattform für Baufirmen faroo GmbH und die Avesco Rent AG, die Arbeitsgeräte für Baufirmen zur Miete anbietet.
Das auf zwei Jahre angelegte Projekt wird von Innosuisse mit rund CHF 435'000 unterstützt.