Eu­ro­pan als Chance für Schwei­zer Städte

Im Gespräch mit Florian Kessler, Pascal Hunkeler und Sylvain Ferretti

Europan hinterlässt Spuren, auch wenn die Projekte nicht eins zu eins umgesetzt werden. Die Stadtarchitekten von Luzern und Genf und der Stadtplaner von St. Gallen sprechen über den Mehrwert von Europan für die Stadtentwicklung.

Date de publication
27-10-2026

espazium Die Teilnahme an Europan kostet einen Standort, etwas Gebühren, die Begleitung des Ideenwettbewerbs sowie interne Ressourcen. Was hat Sie überzeugt, diesen Aufwand auf sich zu nehmen, und was würden Sie anderen Städten sagen, die zögern?

Florian Kessler Europan eröffnet neue Lesarten des Orts und fördert Ideenreichtum weit über Standardverfahren hinaus. Gleichzeitig ist Europan ein starkes Kommunikationsinstrument: Der Prozess schafft frühzeitig Raum für den Dia­log zwischen unterschiedlichen Akteuren für mögliche Zielbilder. Den Aufwand empfehle ich als Investition in Qualität, Innovation und Netzwerkbildung zu bewerten – gerade in frühen, richtungsgebenden Phasen der Stadtentwicklung. 

Pascal Hunkeler Im Unterschied zu einem Verfahren, das die Stadt im Lead vorbereitet und ausschreibt, hat Europan etwas Unbeschwertes. Man geniesst die Arbeiten wie im Panoramawagen aus einer gewissen Distanz. Die Städte sind zwar nicht stimmberechtigter Teil der Jury, werden aber in die Diskussion miteinbezogen. Für erste Annäherungen an weitere Planungsstufen war diese Rolle ideal. Meine persönlichen Erwartungen wurden weit übertroffen: Das Verfahren ist gut organisiert, die Jury hervorragend. Die Teilnahme ist aber mit Ressourcenaufwand verbunden: Es gilt, den richtigen Ort zu finden, die Aufgabe zu formulieren und alle Interessen in den Prozess einzubeziehen. 

Sylvain Ferretti Für das Amt für Städtebau ist Europan weniger ein Kostenfaktor als vielmehr eine Investition. Junge, interdisziplinäre Teams hinterfra­gen unsere Praxis mit einem unabhängigen Blick und hohen Ansprüchen. Sie zwingen uns manchmal dazu, unsere eigenen Denkweisen zu überdenken. Darin liegt der wahre Mehrwert: Europan erweitert den Spielraum des Möglichen und speist zukünftige Projekte mit Ideen, die konventionelle Verfahren selten hervorbringen.

Europan lässt den Teams grosse thematische Freiheit. Was bedeutet das für Sie als Auslobende, und wie gehen Sie mit Ideen um, die weit über das Erwartete hinausgehen?

F. K. Die thematische Offenheit ist ein zentraler Mehrwert. Sie ermöglicht neue Perspektiven auf Stadt, Umgang mit Landschaft und Zusammenleben. Beiträge, die über das Erwartete hinausgehen, verstehen wir als wichtige Impulse. Entscheidend ist, die übertragbaren Prinzipien zu erkennen, auch wenn sie nicht unmittelbar umsetzbar sind. Europan wirkt damit als strategisches Labor, das langfristig die Innovationsfähigkeit der Stadtentwicklung stärkt.

P. H. Die Ideen sind ein Geschenk für alle Beteiligten. Gerade das Unerwartete lässt bekannte Räume in einem neuen Licht erscheinen und noch nie gesehene Potenziale entdecken. Wichtig ist, diese Andersartigkeit zu reflektieren und auszuloten, wie wir Ideen oder Teile davon in eine gebaute Realität überführen können.

S. F. Genau diese Freiheit haben wir angestrebt. Als öffentliche Bauherrschaft haben wir klare Rahmenbedingungen festgelegt: Klimanotstand, sanfte Mobilität und städtischer Baumbestand, ohne jedoch sofort eine umsetzbare Lösung zu verlangen. Wir akzeptieren, wenn sich die Fragestellungen verschieben. Die Vorschläge haben ein Potenzial offenbart, das wir nicht unbedingt erkannt hatten: Sie zeigen, wie öffentliche Räume zu Trägern der Klimaanpassung und der städtischen Transformation werden können. Wir betrachten die Beiträge als Ideenpool, den wir nun gemeinsam mit unserem Amt, den Gemeinden und der Genfer Bevölkerung auf die Probe stellen wollen.

Europan richtet sich an die junge Generation von Planenden. Was hat Sie an deren Herangehensweise an Ihren Standort überrascht oder beeindruckt?

F. K. Beeindruckt hat uns die selbstverständliche Integration von Freiraum und sozialer Nachhaltigkeit. Der Raum wurde nicht primär von den Baukörpern her gedacht, sondern über den Freiraum entwickelt. Zugleich wurde der sozialen Nachhaltigkeit höhere Bedeutung beigemessen. Die Siegerteams verzichteten auf eine Maximierung der Ausnutzung und integrierten Bestehendes weiter. Die Familiengärten etwa haben Potenzial für gemeinschaftliches Gärtnern und soziale Begegnung.

Weitere Beiträge zu Europan 18 finden Sie in unserem digitalen Dossier.

P. H. Der Auftrag war aufgrund seiner Grösse und Offenheit attraktiv, aber auch herausfordernd. Die siegreichen Teams haben mit starken Grundideen gearbeitet und die Räume spielerisch, gleichzeitig akribisch zu stimmigen Zielbildern entwickelt. Als Resultat sind Stadtbausteine entstanden, die attraktive Wohn- und Arbeitswelten entstehen lassen könnten und sozialräumlich eine gemeinschaftlich orientierte, zukunftsfähige Handschrift tragen.

S. F. Wir waren beeindruckt davon, wie die jungen Teams die Stadt als lebendigen Lebensraum begriffen und dabei den Klimanotstand, Mobilität, Wasser und Biodiversität einbezogen haben. Der Baumbestand, der oft als grüne Kulisse abgetan wird, erwies sich hier als Infrastruktur der öffentlichen Gesundheit und als Instrument der kollektiven Mobilisierung. Die junge Generation befreit das «Vorübergehende» vom Stigma des «Provisorischen» und entwickelt daraus eine eigenständige Methode der taktischen Stadtplanung. Sie zeigt uns damit, dass die Reaktion auf den Klimanotstand nicht nur bedeutet, die Stadt zu reparieren oder anzupassen, sondern auch einen erstrebenswerten Horizont eröffnen kann.

Wie fliessen die Ergebnisse konkret in die weiteren Planungsschritte ein und was geschieht mit den prämierten Ideen?

F. K. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Dialogveranstaltung diskutiert. Sie zeigen ein breites Spektrum möglicher Bebauungen, Freiräume, Erschliessungen und Quartierstrukturen auf und bilden eine Grundlage für die anstehende Machbarkeitsstudie. Die Stadtplanung ist zudem im Austausch mit den Siegerteams, um sie in geeigneter Form in den weiteren Prozess einzubinden.

P. H. Die Vorschläge bilden die Grundlage für alle weiteren Vertiefungsstudien. Das neue Wissen ist in unseren Köpfen verankert. Aktuelle Anfragen und Projekte können wir bereits jetzt vor dem Hintergrund der übergeordneten Ideen zielgerichtet diskutieren.

S. F. Europan hilft uns, über die Stadt nachzudenken; anschliessend ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, diese Ideen umzusetzen. Prämierte Projekte werden nicht eins zu eins umgesetzt, sondern als «Green Box» genutzt. Als eine Sammlung von Hypothesen, Bildern und Werkzeugen, um andere Wege der Stadtgestaltung zu erproben. Im September werden wir Behörden, Fachleute und die Bevölkerung zusammenbringen, um diese Vorschläge in der Praxis zu prüfen. Gerade in dieser Konfrontation mit der Realität wollen wir den Geist von Europan weiterführen. Er liefert keine fertigen Lösungen, sondern stärkt unsere Handlungsfähigkeit.

Herr Kessler, Ihr Standort vereint eine starke Hanglage mit der prägenden Bahnkurve. Zwei Faktoren, die klassische Planung eher als Hindernis sieht. Welche Perspektiven haben die Wettbewerbsbeiträge eröffnet?

F. K. Die Beiträge haben gezeigt, dass Hanglage und Bahnkurve nicht als Restriktionen, sondern als identitätsstiftende Qualitäten des Orts verstanden werden. Beinahe alle Teilnehmenden haben die ehemalige Bahnkurve in Freiraumstrukturen integriert und unterschiedliche Antworten auf die Topografie gefunden. Weitere Impulse betreffen neue Fusswegverbindungen, Brücken, Spielstrassen oder vertikale Erschliessungselemente wie Lifte und liefern wertvolle Anregungen für die kommende Machbarkeitsstudie.

Herr Hunkeler, der Littauer Boden braucht einen S-Bahnhof, der noch nicht gesichert ist. Wie haben die Teams diese Ungewissheit planerisch gedacht und was nützt Ihnen das für den weiteren Prozess?

P. H. Die Projektvorschläge zeigen ein grosses Potenzial für eine Entwicklung in diesem Raum auf. Das Sichtbarmachen dieser Ideen fördert die anstehenden Verhandlungen mit den Entscheidungsträgern.

Herr Ferretti, Ihr Standort dreht sich um prozesshafte, ephemere Stadtinterventionen. Welche Ideen aus dem Wettbewerb haben Sie am meisten überrascht?

S. F. Ideen, die das Thema aus einem anderen Blickwinkel beleuchteten. Es geht nicht nur darum, Bäume zu pflanzen, sondern das Lebendige als Hebel für die Umgestaltung öffentlicher Räume zu nutzen. «La Parade du Vivant» und «La Farandole des Mille Arbres» haben unseren Blick von der Politik der Baumbepflanzung auf die Möglichkeit gelenkt, die Nutzungen, Räume und Zeitschienen der Stadt zu verändern. Nun gilt es, diese Erkenntnisse in eine konkrete «Green Box» umzusetzen. Das Pilotprojekt wird so zu einem Instrument des kollektiven Lernens im Dienst der Bevölkerung.

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