Ein Chalet unter vielen
Im Dorf Val-d’Illiez (VS) erhielt ein Chalet aus dem späten 19. Jahrhundert, das eigentlich abgerissen werden sollte, neue Streifen aus hellem Holz. Sie sind das Ergebnis einer ungewöhnlichen Aufstockungsstrategie, für die sich Madeleine architectes entschieden hat.
Den Dorfkern von Val-d’Illiez bilden im Wesentlichen grosse Wohnhäuser, deren Erbauungszeitraum sich vom 17. bis ins 19. Jahrhundert erstreckt. Im ISOS ist er als Ort von regionalem Interesse eingetragen und er zeichnet er sich durch seinen guten Erhaltungszustand aus. Die historischen Gebäude gruppieren sich mehr oder weniger locker um den Dorfplatz herum und gehen weiter weg in funktionale Bauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über. Angrenzend an den Dorfplatz befindet sich ein zweiter, leicht abfallender öffentlicher Platz, der als Innenhof für das Schulzentrum dient. Dessen jüngster Anbau wurde 2009 von nunatak architectes entworfen. Das kompakte Volumen und die rostfarbene Fassade dieses Anbaus erinnern an eine Stützmauer. Das Gebäude schmiegt sich hinter ein Chalet, das etwas höher liegt als die umliegenden Gebäude.
Eine heikle städtebauliche Situation
Das 1891 erbaute ehemalige Chalet «Descombes» war ursprünglich ein grosses Wohnhaus. Dessen Umbau durch Madeleine architectes hatte zum Ziel, dort die Gemeindeverwaltung unterzubringen. Das Gebäude besteht heute aus drei Stockwerken aus Blockbohlen, die auf einem Sockel aus Steinmauerwerk ruhen, und wird von einem weit auskragenden Satteldach gekrönt. Sein Haupteingang auf Höhe des Schulhofs befindet sich in der Achse des Giebels mit Blick auf die Dents-du-Midi. Ein zweiter Zugang im ersten Stock auf der Westseite ist mit der Eingangsplattform des Schulzentrums verbunden.
In einer asphaltierten Umgebung – ergänzt durch einen Parkplatz unter dem Schulvorplatz, der ebenfalls 2009 von nunatak realisiert wurde – überlagern sich Beton und Holz und rücken einander näher, ohne sich wirklich zu berühren. Die Situation wirkt wie das Ergebnis einer etwas zufälligen Stadtplanung. Das neue Gemeindehaus erscheint hier wie ein Zuschauer, der auf einem unbequemen Klappstuhl sitzt.
Nicht nur die Lage des Bauwerks zieht Aufmerksamkeit auf sich, auch sein Erscheinungsbild ist faszinierend: Im hölzernen Teil des Gebäudes wechseln sich helle Holzstreifen mit Stapeln kantiger, von der Zeit geschwärzter Balken ab. Aus dem massiven Baukörper ragen Galerien hervor, deren ornamentierte Balustraden an die Verzierungen im Innern rustikaler Berghütten erinnern. Die graue Farbe eines Grossteils der Balken deutet auf ihre Wiederverwendung hin. Auch wenn die Stoffrollos an den Öffnungen nicht dem traditionellen Stil mit Fensterläden entsprechen, weisen sie dennoch auf die Nutzung des Hauses als öffentliches Verwaltungsgebäude hin. Zumindest die grüne Farbe der Jalousien lehnt an den lokalen Stil an. Baulich gleicht das Gemeindehaus einem Chalet unter vielen.
Ein grosszügiges Chalet, das wohl oder übel erhalten blieb …
Das ursprüngliche Gebäude wäre beinahe verschwunden. 2001 von der Gemeinde erworben, erlebte das Chalet Descombes über die Jahre hinweg die Neugestaltung des Schulzentrums und den Bau der Tiefgarage. Sein Abriss schien besiegelt – oder zumindest sein Ersatz durch ein Gebäude für die ausserschulische Betreuung. Die kantonale Baukommission lehnte dies aber ab: Als spätes Beispiel für ein traditionelles Walliser Haus war das alte Chalet von besonderem Interesse, weshalb die Möglichkeit eines Umbaus geprüft werden musste. Der Verlust erworbener Rechte hätte einen Neubau kaum realisierbar gemacht. Deshalb wurden Madeleine architectes mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie beauftragt.
Zu diesem Zeitpunkt waren die kommunalen Verwaltungsstellen auf zwei Etagen eines anderen Chalets im Dorf untergebracht und wären gerne umgezogen. Das Chalet Descombes wurde als Möglichkeit in Betracht gezogen; allerdings war das Gebäude baufällig und seine Fussböden hatten sich im Lauf der Zeit gewölbt. Bei einer Sanierung und Anpassung an die Schall- und Brandschutznormen wären bei einer ohnehin schon unzureichenden Geschosshöhe von 220 cm für eine gewerbliche Nutzung noch einige weitere wertvolle Zentimeter verloren gegangen.
Inspiriert von einer traditionellen lokalen Praxis, die bei kleineren Bauwerken angewendet wird, gleicht das Konzept der Architektinnen und Architekten einem Kinderspiel: Ein einfacher Wagenheber, der an jedem Ende eines Balkens von einer Person betätigt wird, ermöglicht es, die Fassaden anzuheben – gerade so weit, dass jedes Stockwerk des Gebäudes seiner neuen Funktion entsprechend erhöht wird. Dadurch gelang es, drei neue Balkenreihen hinzuzufügen, die sich durch ihre hellere Farbe von den jahrhundertealten Holzelementen abheben. In einigen Jahren wird dieser Unterschied nicht mehr zu sehen sein. Die Aufstockung ist auf Effizienz ausgelegt: In den Kränzen sind die Träger der neuen Decken und Balkone verankert.
… und hinter dem sich ein weiteres verbirgt
Die harmonische Einbindung des neuen Gemeindehauses in seine Umgebung ist das Ergebnis umfangreicher Bauarbeiten. Die Unterfangung des Natursteinmauerwerks, die Betonauskragungen – nichts war einfach oder selbstverständlich, insbesondere die Anbindung an die angrenzende Tiefgarage. Die Fussböden, die zur Sicherung der Stabilität des Holzteils beim Einbau der Balken erhalten geblieben waren, wurden anschliessend entfernt, wodurch hinter den vorübergehend versteiften und ausgesteiften Fassaden ein grosser Hohlraum entstand. Spricht man hier nun von Umbau, Restaurierung oder Denkmalpflege?
Die hölzerne Hülle umschliesst eine neue architektonische Struktur. Die Architektinnen und Architekten entwarfen für den Innenbereich flexible Ebenen, die um einen erdbebensicheren Betonkern angeordnet sind. Hier befinden sich in Ortbeton ausgeführte Treppen, ein Aufzug und Sanitäranlagen auf jeder Etage.
Die Fussböden sind mit den neuen Deckenkränzen verbunden, und die alten Decken wurden durch leicht zugängliche Technikkästen neu interpretiert: Jede Klappe ist mit einer Öffnung versehen und kann je nach Raumaufteilung und Nutzung eine Wandleuchte oder einen flexiblen Kabelkanal aufnehmen, der die Kabel zu den Steckdosen führt. Die durchbrochenen Trennwände ermöglichen Durchblicke und sind mit Regalschienen ausgestattet. Sie sind direkt auf dem Estrich verlegt und können bei Bedarf demontiert, versetzt und wieder montiert werden. Die schlichte Innenausstattung für eine effiziente und funktionale Verwaltung steht im Kontrast zu einer äusseren Hülle, die zwar sehr poetisch wirkt, vor allem aber dazu beigetragen hat, die Baurechte zu erhalten.
Man kann sich fragen, ob der Eingriff mit Kosten in der Höhe von 3.3 Mio. Fr. nicht zu umfangreich war. Die durch die Gegebenheiten und die Qualität der bestehenden Bausubstanz bedingten Anstrengungen zur Erhaltung der Aussenhülle des Chalets laden uns dazu ein, die Frage zu stellen, welche Haltung wir bei der Sanierung von Kulturgütern einnehmen möchten.
Anstatt die Geschichte durch die Wiederherstellung eines zuvor bestehenden oder abgeschlossenen Zustands1 einzufrieren, schlägt das Projekt eine lebendige Umgestaltung vor, bei der jede Schicht zur Geltung kommt und weiterhin ihre eigene Geschichte erzählt – ohne Disharmonie und dank eines dritten Weges: dem der «kreativen Rekonstruktion»2. Diese stellt das genaue Gegenteil von Restaurierung oder Zerstörung und Wiederaufbau dar, den beiden auch heute noch am häufigsten eingeschlagenen Wegen.
Dieser Ansatz könnte in der Kontinuität dessen stehen, was hier vor 130 Jahren errichtet wurde. Das Projekt nutzt das bauliche und kulturelle Erbe nicht als Hindernis, sondern als Ressource, die es buchstäblich als Grundlage nimmt. Das betreffende Gebäude gehört zur alpinen Architektur und wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach umgebaut. Das Projekt ist langfristig angelegt und legt nahe, dass nicht der Denkmalwert im Vordergrund steht, sondern die Nutzungsmöglichkeiten und die ausgeklügelte Baukonstruktion, die mit dem Wohnhaus verbunden sind. Damit bekräftigt es de facto dessen Nutzen und zeitliche Relevanz in mehrfacher Hinsicht: in Bezug auf das Kulturerbe, die Ökologie, die Identität und die Bauweise.
Dieser Artikel wurde erstmals bei espazium revue unter dem Titel «Un chalet parmi d’autres» veröffentlicht. Die vorliegende Übersetzung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und anschliessend von der Redaktion überarbeitet.
Anmerkungen
1 Siehe hierzu die Debatte, die im 19. Jahrhundert über die Restaurierung historischer Denkmäler geführt wurde, mit dem entschieden interventionistischen Ansatz von Eugène Viollet-le-Duc und dem von John Ruskin vertretenen Ansatz, der eine strikte Konsolidierung des Gebäudes befürwortete.
2 Der Begriff bezieht sich auf das Werk des Münchner Architekten Hans Döllgast, dem wir den Wiederaufbau der Münchner Pinakothek verdanken. Der Fotograf Klaus Kinold prägte diesen Ausdruck durch eine Publikation, in der er seine Aufnahmen im gleichnamigen Katalog zusammenfasste.
Maison de Commune, Val-d’Illiez (VS)
Bauherrschaft:
Commune Val-d’Illiez
Architecture:
Madeleine architectes et Studio François Nantermod, Lausanne und Champéry
Tragwerk, Brandschutz:
Kurmann Cretton Ingénieurs, Monthey
Elektrotechnik:
LAMI, Martigny
Planung HLKS:
Michellod & Clausen, Martigny
Realisierung:
2025
Kosten:
3.3 Mio CHF