«Die Pla­nung­sleis­tung steigt, die In­ves­ti­tion sinkt»

Laborplanung ist eine Nische in der Architektur und – entgegen der verbreiteten Meinung – trotz hochstandardisierter Abläufe ein Tätigkeitsfeld mit viel Gestaltungsspielraum. Die Laborplanerinnen Melanie Rudin und Dario Tonelli berichten vom idealen Zusammenspiel mit der Architektur, darüber, wie KI die Planung beeinflusst, und von der Rolle der Kaffeemaschine.

Date de publication
30-07-2026
Tina Cieslik
Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur espazium magazin


espazium magazin: Aktuell werden in der Schweiz viele Labore gebaut und erneuert – etwa aufgrund der Instandsetzung der in den 1970er-Jahren gebauten Spitäler oder wegen neuer Entwicklungen wie der Corona-Pandemie und dem Einsatz von KI. Was ist in der Schweizer Laborplanung aktuell der Stand der Dinge?

Melanie Rudin: Wichtig ist: Jedes Labor ist anders. Schullabore haben andere Anforderungen als Labore in Forschung und Diagnostik. Die Arbeitsweisen unterscheiden sich: Labormedizin muss effektiv sein, es muss schnell gehen. In einer Forschung muss man zusammenarbeiten, es muss Offenheit herrschen. Das zeigt sich auch räumlich. Private Bauherrschaften beauftragen Laborplanungsbüros direkt, die öffentliche Hand führt Wettbewerbe in teils umfangreichen Prozessen durch. Generell geht der Trend zu stärkerer Automatisierung.


Sie haben die Wettbewerbe angesprochen. In welcher Phase stossen Sie zum Planungsteam und was ist dort Ihre Rolle?

Dario Tonelli: In den Wettbewerben ist es unsere Aufgabe, die Vision des Architekturteams zu unterstützen. Wir geben die Leitplanken und garantieren die Einhaltung der relevanten Normen und Richtlinien. Ungünstig ist es, wenn der architektonische Entwurf bereits feststeht – dann können wir eigentlich nur noch möblieren. Viele Architekten planen von aussen nach innen. Dort, wo wir am meisten bewirken konnten, wurde von innen nach aussen geplant. Labornutzerinnen und -nutzer sind nicht fasziniert von einem schönen Gebäude. Sie sind fasziniert davon, wie das Labor funktioniert und wie es ihnen den Arbeitsalltag erleichtert. 

«Optimalerweise sind wir bereits in die Bedürfnisformulierung involviert» 
 

Melanie Rudin


Wie sähe der ideale Planungsablauf aus?

Melanie Rudin: Optimalerweise sind wir bereits in die Bedürfnisformulierung involviert, sicher in die Teilphase 11 des SIA-Leistungsmodells, aber noch besser in der Phase 0 Initialisierung.

Dario Tonelli: Unsere Expertise liegt nicht in der technischen Umsetzung. Wir versuchen, die Bedürfnisse der Bauherrschaft zu antizipieren. Und dabei nicht von der heutigen Arbeitsweise auszugehen, sondern von der zukünftigen. Im Idealfall können wir zusammen mit der Bauherrschaft die Arbeitsabläufe analysieren und erkennen, wo sich Synergien ergeben. Dieses Wissen kann man dann räumlich umsetzen. Das schlägt sich auch in den Kosten nieder: Mit Möbeln lassen sich nur bedingt Kosten reduzieren. Optimieren kann man, indem man Maschinen und Flächen gemeinsam nutzt. Die Planungsleistung steigt, die Investition sinkt.

Melanie Rudin: Ein aktuelles Beispiel für eine fundierte Grundlagenermittlung ist der Studienauftrag für das Institut für Virologie und Immunologie der Universität Bern. Das IVI ist das Schweizer Referenzlabor für Diagnose, Kontrolle und Erforschung hochansteckender viraler Tierseuchen und Zoonosen. Dort waren wir ab Phase 11 dabei und dann als Laborplaner auch in allen Wettbewerbsteams vertreten.

«Wir gehen nicht von der heutigen Arbeitsweise aus, sondern von der zukünftigen.»

Dario Tonelli


In der Architektur ist der Umgang mit dem Gebäudebestand zunehmend Thema. Wie sieht es diesbezüglich in der Laborplanung aus?

Melanie Rudin: Auch hierfür ist das IVI ein gutes Beispiel: Dort war der Umgang mit dem Bestand Teil des Studienauftrags, weil es im Krisenfall immer einsatzfähig sein muss und das Bauen unter Betrieb in den Hochsicherheitstrakten daher nicht möglich ist. Der Neubau muss erst fertiggestellt und die Labore eingerichtet sein, bevor der Bestand vom Hochsicherheitsperimeter getrennt werden kann. 
Der Siegerentwurf nutzt die rund dreissig Jahre alten Bestandsgebäude für andere Funktionen. Die Räume werden dekontaminiert und zu Labor- und Tierbereichen mit weniger hohen Sicherheitsvorgaben umgenutzt. Re-Use wird vereinzelt praktiziert, auch wenn das in einem Laborgebäude natürlich schwierig ist, weil Materialien und Objekte biologisch oder chemisch kontaminiert sein können. 


Laborplanung bewegt sich an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Disziplinen wie Architektur oder Gebäudetechnik. Wie erleben Sie diese Interdisziplinarität?

Melanie Rudin: Ich finde die Zusammenarbeit extrem bereichernd. Wir lernen gegenseitig voneinander. Das müssen keine komplexen Dinge sein, oft fängt es schon bei der Sprache an. Wenn wir Laborplaner von Zugänglichkeiten eines Gebäudes sprechen, dann denken wir an die Position und Dimension der Lifte oder daran, ob die Korridore gerade sind, der Grundriss übersichtlich. Ein Architekt, eine Architektin denkt eher an die Adresse des Gebäudes, an die Erschliessung. Das Erste, was ich mir in einem Wettbewerbsentwurf anschaue, ist die Lage der Labors, der Lifte und der Lager. 

Tatsächlich sind wir schon einmal zu einem Projekt hinzugezogen worden, bei dem die Logistik komplett vergessen gegangen ist. Der Bau war schon fertig, aber die Lifte zu klein und am falschen Ort. Hier lässt sich dann nur noch die Arbeitsweise anpassen – vielleicht kann man mit kleineren Gebinden arbeiten, und es muss eine Vorgabe geben, wie man sich mit Chemikalien durch ein Büro bewegen kann. 


Wie sieht das Labor der Zukunft aus?

Dario Tonelli: Robotik und KI wirken sich auch auf die Labore aus. Repetitive Arbeiten werden zunehmend maschinell ausgeführt, die Maschinen selbst werden kleiner. Der geplante Bau des Laborgebäudes NORD3 des Universitätsspitals Zürich ist ein Beispiel dafür: Hier gibt es Laborhallen, in denen sich die Mitarbeitenden gar nicht mehr aufhalten, sondern in Cockpits ausserhalb untergebracht sind. Wenn sich diese Trends etablieren, bedeutet das auch Umbrüche für die technischen Anforderungen an die Labore. Braucht es zum Beispiel noch die gleiche Art von Luftwechsel, wenn sich in den Räumen gar keine Menschen mehr aufhalten?
Was uns wichtig ist: Ob Schullabor, Labor für die Industrie oder Labor für die Universität, unsere Arbeitsweise ist immer gleich. Wir möchten die Menschen inspirieren, sie durch eine gut gestaltete Umgebung motivieren, damit sie sich wohlfühlen. Ich komme bei neuen Projekten immer schnell auf die Kaffeemaschine zu sprechen – das ist der Ort, wo sich die Leute begegnen. Dieser Ort muss zentral sein. Laborplanung bedeutet nicht zwangsläufig Technik. Sondern Emotionen, Austausch, Freude.

Gesprächspartnerinnen

 

Dario Tonelli ist gelernter Schreiner und Gründer und Geschäftsführer der Laborplaner Tonelli AG und Spezialist für die Planung anspruchsvoller Labor- und Forschungsinfrastrukturen. Mit seiner langjährigen Erfahrung begleitet er Projekte von der ersten Vision bis zur Planung und engagiert sich national und international massgebend für Innovation und Qualitätsstandards in der Laborplanung

 

Melanie Rudin ist Laborplanerin und Mitglied der Geschäftsleitung der Laborplaner Tonelli AG. Dank ihrer langjährigen Erfahrung in verschiedenen Laborbereichen und Branchen liegt ihr Schwerpunkt auf Wettbewerben, Beratungen und Machbarkeitsstudien für Laborumgebungen unterschiedlichster Fachrichtungen. Sie verbindet Nutzerbedürfnisse mit technisch, betrieblich und wirtschaftlich überzeugenden Lösungen.