Wie wol­len wir woh­nen – in der zwei­ten Le­ben­shälfte?

Wohnen im Alter? War noch nie so divers wie heute. Das von der Hochschule Luzern und den Spielemachern Gebrüder Frei konzipierte Spiel «Dahause und Zuheim» hilft dabei, eine Vorstellung von der Wohnsituation in der zweiten Lebenshilfe zu entwickeln – als Gesprächskatalysator, Entscheidungshilfe und Horizonterweiterer.

Date de publication
31-03-2026
Tina Cieslik
Head of Multimedia | espazium digital lab; Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur TEC21

Die Wohnungsnot gehört hierzulande zu den grössten Sorgen der Bevölkerung, vor allem der Familien. Einige der Ursachen für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum sind dabei gleichzeitig strukturell bedingt und hausgemacht: Zum einen ist die Schweizer Bevölkerung seit 2006 um 1.5 Mio. Menschen gewachsen, zum anderen nimmt jede Person aber auch mehr Wohnfläche in Anspruch. Statt 44 m2 wie vor zwanzig Jahren sind es heute durchschnittlich 46.6 m2, bei Alleinstehenden sogar 68 m2

Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl an grossen Wohnungen und Einfamilienhäusern, die von Paaren oder Alleinlebenden aus der Babyboomer-Generation bewohnt werden. Klassisch: Die Kinder sind aus dem Haus, aber man bleibt am selben Ort wohnen, obwohl das Haus oder die Wohnung zu gross sind. Ein grosses Haus instand zu halten kann in der zweiten Lebenshälfte zur Belastung werden. Zugleich kommt dieser familientaugliche Wohnraum für eine passende Nutzerschaft gar nicht erst auf den Markt. 

Diesen Umstand zu ändern hat bisher nicht funktioniert: Meist sind kleinere, rollstuhlgängige Wohnungen, wenn vorhanden, teurer als der Status quo oder liegen an einem anderen Ort, und die älteren Menschen würden aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. Zwar bieten Genossenschaften häufig die Möglichkeit, innerhalb einer Siedlung in eine kleinere Wohnung zu ziehen, um Wohnraum für Familien zu gewinnen. Doch die Resonanz ist (noch) gering. 

Ins Gespräch kommen. Doch wie?

Ein weiterer Grund ist schwerer zu fassen. Denn wie lässt sich dieses Thema mit der älteren Generation niederschwellig ansprechen, ohne den Eindruck zu erwecken, man möchte die Eltern, möglicherweise gegen ihren Willen, in eine neue Wohnung oder gar ins Altersheim verfrachten? Wie können die Generationen hier in einen Dialog treten? Und: Wie sieht die Wohnsituation von Menschen in der zweiten Lebenshälfte überhaupt aus? Oder: Wie könnte sie aussehen?

Mit letzteren Fragen hat sich von 2014 bis 2024 die Hochschule Luzern – Technik und Architektur im Forschungsprojekt «Wegweiser zum Alterswohnen» beschäftigt. Statt ihre Erkenntnisse klassisch in einem wissenschaftlichen Paper unter die Leute (und an die Zielgruppe) zu bringen, entschieden sich die Forschenden für einen ebenso ungewöhnlichen wie lustvollen Weg: Gemeinsam mit den Berner Spieleentwicklern Gebrüder Frei kreierten Sie das Lern- und Rollenspiel zur zukünftigen Wohnform der Generation 55+ «Dahause und Zuheim».

Dabei setzen sie auf zwei bewährte Methoden der Verhaltensökonomie: das Nudging, also das sanfte Anstupsen in die richtige Richtung, um so ins Handeln zu kommen. Und auf Gamification – die Verlagerung heikler Themen in ein Spiel vereinfacht den Zugang und erhöht die Motivation, sich mit emotional anspruchsvollen Fragen auseinanderzusetzen. 

Ein weiteres Plus: Über ein Spiel lassen sich weit mehr und auch andere Menschen erreichen als über eine rein wissenschaftliche Publikation. Die dem Spiel zugrundeliegende, bewusst positiv formulierte Frage lautet denn auch nicht «Wann ziehst Du endlich in eine kleinere Wohnung?», sondern «Wie möchte ich wohnen?». Der Begriff des Wohnens umfasst dabei sowohl die Handlung als auch den Raum.

Nicht erst im Alter

Was heisst das konkret? Das Spiel ist als Lern- und Rollenspiel für zwei Personen konzipiert, die sich vorformulierte Fragen in Bezug auf ihre Wünsche und Bedürfnisse stellen und sich dabei jeweils gegenseitig einschätzen. Es gibt keinen Gewinner und keine Verliererin, aber, wie der Selbstversuch zeigte, jede Menge Erkenntnisse. Ergänzt wird das sehr schön und wertig gestaltete Spiel durch ein Glossar mit zwölf Wohnformen – gleichzeitig Inspiration, Information und Anregung für weiterführende Gespräche.

Fazit: «Dahause und Zuheim» verleiht einem sensiblen, vielleicht belastenden Thema eine spielerische Leichtigkeit, ohne oberflächlich zu sein. Im Gegenteil: Sich mit seiner Wohnsituation und damit im weitesten Sinn auch mit dem eigenen Lebensentwurf auseinanderzusetzen, lohnt sich auch für Menschen in der ersten Lebenshälfte.

➔ Das von der Age-Stiftung geförderte Spiel ist auf Deutsch, Französisch und Italienisch erhältlich. Sie können es zum Preis von CHF 19.– im Webshop dahause-und-zuheim.ch bestellen.

PROJEKTPARTNER

 

Hochschule Luzern
Prof. Dominic Haag-Walthert leitet das Institut für Innenarchitektur an der Hochschule Luzern. Er hat Innenarchitektur und Design an der ZHDK sowie Architektur an der ETH studiert. Im Rahmen seiner MAS-Arbeit beschäftigte er sich mit «Preisgünstigen Wohnangeboten für das Alter». In Lehre und Forschung hat er mehrere Projekte im Themenbereich Wohnen und Alter initiiert.


Gebrüder Frei GmbH
Seit 1998 entwickelt, gestaltet und realisiert die Gebrüder Frei GmbH Spielkonzepte und spielerische Vermittlungskonzepte. Die Inhaber, Andreas, Ueli und Lukas Frei kommen aus den Fachbereichen Grafik, Kommunikation, Informatik und Pädagogik. Beim Entwicklungsprozess wird auf ein grosses Netzwerk von ausgewiesenen Fachleuten gesetzt. Schwerpunkte der Arbeiten liegt in der spielerischen Vermittlung von komplexen Themen. Kunden sind: BFU Beratungsstelle für Unfallverhütung, Schweizerische Landesmuseum, Schweizerische Bundesbahnen SBB, Schweizer Reisekasse Reka, Swatch Group, ETH Zürich, Schweizerische Nationalbank SNB und weitere.

Étiquettes