«Die neue Norm soll helfen, das Qualitätsmanagement weiter zu verankern»
Die neue Verständigungsnorm SIA 131 stellt bewährte Qualitätsgrundsätze auf ein zukunftsfähiges Fundament. Welche Vorteile die Transformation des bisherigen Merkblatts SIA 2007 für die Bau- und Planungsbranche bringt, erklärt Kommissionspräsidentin Angela Mizrahi im Interview.
Übereinstimmung von Ergebnis und Anforderungen – so definiert sich beim Planen und Bauen der Begriff «Qualität». Getreu dieser Zielsetzung schickte sich die Kommission SIA 131 an, das Merkblatt 2007 «Qualität im Bauwesen», ein zentrales Instrument innerhalb der Qualitätsgrundlagen für die Schweizer Bau- und Planungsbranche, zu überarbeiten. Bald kommt es in einer anderen Form daher: Als neue Verständigungsnorm SIA 131 «Projektbezogenes Qualitätsmanagement im Bauwesen», die sich momentan in der öffentlichen Vernehmlassung befindet.
Frau Mizrahi, wozu braucht es die neue Norm SIA 131?
Das Merkblatt SIA 2007 hat das Ende seiner Gültigkeit erreicht. Mit der letzten Fristverlängerung beschloss die Zentralkommission für Ordnungen (ZO), dass es überprüft und aktualisiert werden soll. Es galt unter anderem sicherzustellen, dass die Schnittstellen zum übrigen Normenwerk weiterhin kongruent sind.
Hinzu kommt, dass das Merkblatt um die Jahrtausendwende erstmals publiziert wurde – in einer anderen gesellschaftlichen, baukulturellen und ökonomischen Realität: Begriffe wie «Lean Management» kamen gerade erst auf, kurz nachdem die Normenreihe ISO 9000 erschienen war. Daher musste die Überarbeitung des Merkblatts 2007 als ein zentrales Grundlagendokument die tiefgreifenden Veränderungen rund um das Bau- und Planungswesen in den letzten gut zwei Dekaden miteinbeziehen. Dazu gehört auch, dass das Qualitätsmanagement an Bedeutung gewonnen hat. Das ist der Hauptgrund dafür, dass aus dem Merkblatt nun eine Norm wird. Zugleich hat sich das Verständnis des Qualitätsbegriffs gewandelt. Er wird beispielsweise stärker mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit verbunden.
Was macht die neue Norm besser als das bisherige Merkblatt?
Als augenfälligste Veränderung ist die Norm deutlich schlanker als das Merkblatt, sie hat nicht einmal die Hälfte der Seiten. Die interdisziplinäre Fachexpertise innerhalb der Kommission erlaubte es, nicht nur Inhalte auf den neusten Stand zu bringen, sondern zugleich den Fokus zu schärfen. Ziel war eine Norm, die möglichst breit anwendbar ist, ohne für den Einzelfall an Relevanz zu verlieren. Darum liegt das Augenmerk noch klarer auf dem projektbezogenen Qualitätsmanagement (PQM) und damit auf der Prozessqualität.
Könnten Sie diesen Fokus noch etwas näher erläutern?
Bei der Überarbeitung wurde darauf geachtet, Redundanzen und Unschärfen zu minimieren. Einerseits sprachlich durch eine einheitliche, harmonisierte Terminologie, andererseits inhaltlich. So verzichtet die Norm etwa auf ein Kapitel zu Managementsystemen, zumal ein Grossteil der Büros mittlerweile eine Zertifizierung erhalten oder ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben. Während das Merkblatt 2007 noch stark mit den ISO-Normen 9001 und 14001 verbunden war, ist die SIA 131 davon losgelöst.
Als Ergänzung zur SIA 131 als übergeordneter Leitfaden werden wir digitale Anwendungshilfen für die Praxis bereitstellen, etwa Risikobeurteilungen, PQM-Konzepte, Checklisten sowie Kontroll- und Prüfpläne. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Inhalte neben einer reinen Aktualisierung noch zugänglicher und universell anwendbar werden. So wollen wir dazu beitragen, die zentralen Qualitätsgrundsätze noch stärker in der Branche zu verankern.
Was bedeutet Projektbezogenes Qualitätsmanagement genau?
Das PQM ist ein integrales Element des Projektmanagements, das in jedem Bauprojekt, unabhängig von Typ, Grösse und Komplexität, benötigt wird. Es dient dazu, die Erreichung der durch die Bauherrschaft definierten Projektanforderungen und -ziele sicherzustellen, indem die diesbezüglich identifizierten Chancen bestmöglich genutzt und die Gefahren eingedämmt werden. Zentral ist dabei ein Kreislauf der kontinuierlichen Analyse und Beurteilung der Projektabwicklung entlang von vier Schritten: Planen, Umsetzen, Prüfen, Verbessern.
Welche Vorteile ergeben sich dadurch konkret für die Praxis?
Im Kontext der SIA 131 steht zunächst nicht die Produktqualität im Vordergrund – welche für eine Norm zu projektspezifisch wäre – sondern jene des Erstellungsprozesses. Hier hilft das PQM dabei, die relevanten Projektanforderungen unter Berücksichtigung gegenseitiger Abhängigkeiten optimal zu erfüllen. Zentral sind dabei die Schnittstellen und Informationsflüsse zwischen den Projektbeteiligten. Das PQM unterstützt einen reibungslosen Ablauf von Start bis Ziel, angefangen bei einer präziseren Bestellung über weniger Störungen im Ablauf durch Früherkennung von Abweichungen hin zu somit geringeren Kosten sowie Reputationszuwachs und Zufriedenheit auf allen Seiten der Projektorganisation. SIA 131 setzt mit dem Fokus auf das PQM also beim Prozess an, zielt aber auf das Produkt ab: Wer die Qualität der Prozesse sicherstellt, schont nicht nur Ressourcen und Nerven, sondern erhält auch ein Bauwerk, das den definierten Anforderungen entspricht.
Warum hat man sich für eine Verständigungsnorm und nicht eine Vertragsnorm entschieden?
Diese Form geht einher mit der erwähnten Schlankheit, Zugänglichkeit und Allgemeingültigkeit. Die SIA-Norm 131 erfindet inhaltlich nichts neu, sondern ordnet, erklärt und gewichtet bewährte Konzepte. Sie macht bewusst keine Aussagen zum vereinbarten Leistungsumfang, der in den Leistungs- und Honorarordnungen (LHO) beschrieben wird, sondern fokussiert auf die Kollaboration – es geht um das «Wie», nicht das «Was». Mit der Verständigungsnorm möchten wir bestehende, bekannte Leistungen mit Bezug zum Qualitätsmanagement weiter präzisieren, erklären, einordnen und greifbar machen.
Was wird Ihnen aus der Kommissionsarbeit in Erinnerung bleiben?
Ich habe viel gelernt, hatte aber auch mindestens so viel Spass. Qualitätsmanagement ist ein facettenreiches Thema, das eine breit aufgestellte Kommission bedingt. Es war ein Privileg, mit diesem Team enorm engagierter Fachleute zusammenzuarbeiten und auf deren geballte Expertise zählen zu dürfen – neben Architektur, Ingenieurwesen und Gebäudetechnik umfasste diese unter anderem auch Bauphysik, Recht und Kommunikation. Die Kommissionsarbeit begann mit vielfältigen Inputs und einer offenen Auseinandersetzung mit den Dynamiken der Branche und dem Begriff der Qualität, der ja an sich schon vielschichtig ist. Es war in den letzten dreieinhalb Jahren faszinierend zu erleben, wie sich die verschiedenen Stränge nach und nach zu einem stimmigen Ganzen verbunden haben.
Woran wird sich in fünf Jahren zeigen, ob diese Verständigungsnorm erfolgreich ist?
Wie erwähnt soll die neue Norm helfen, das Qualitätsmanagement weiter zu verankern. Das PQM soll zunehmend selbstverständlich mitgedacht und angewendet werden, statt zu Unrecht als zeitaufwändiger Papiertiger zu gelten. Ziel ist, dass es schrittweise aus der Theorie in die Praxis gelangt, dass also immer mehr Akteurinnen und Akteure erkennen, welche konkreten Vorteile dieses prozessorientierte Vorgehen für den zentralen Dreiklang von Qualität, Kosten und Terminen bietet. Analog zum PQM-Kreislauf, der Projektabläufe kontinuierlich analysiert und verbessert, wünsche ich mir auch auf der Makroebene eine Veränderung: eine Branche, die auf gegenseitiges Vertrauen sowie gemeinsame Verantwortung baut, Wissen teilt und sich so stetig weiterentwickelt.
Biografie
Angela Mizrahi ist Architektin (M. Arch. University of Michigan) und CEO bei der auf Bauherrenberatung, Projektmanagement und Entwicklung von Bauprojekten spezialisierten hmb partners AG mit Sitz in Zürich. Sie ist Co-Präsidentin des Vereins maneco, des SIA-Fachvereins für Management und Ökonomie im Bauwesen. Als Kommissionspräsidentin war sie federführend bei der Erarbeitung der Verständigungsnorm SIA 131.
Vernehmlassung Verständigungsnorm SIA 131
Der SIA hat den Normenentwurf prSIA 131:2025-12 «Projektbezogenes Qualitätsmanagement im Bauwesen» zur Vernehmlassung freigegeben. Der Entwurf ist auf der Webplattform einsehbar: sia.ch/vernehmlassungen. Für Stellungnahmen steht ein Word-Formular zur Verfügung. Dieses ist bis zum 15. März 2026 einzureichen an sia131 [at] sia.ch (sia131[at]sia[dot]ch).
RUNDUM—SIA N°22, 14. April 2026: Auf der Suche nach Qualität
Qualität gilt als zentrales Versprechen der Baukultur – doch was meinen wir damit, wenn sie normiert und gesteuert werden soll? Mit der neuen Norm SIA 131 rückt das projektbezogene Qualitätsmanagement ins Zentrum. Der Anlass beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Prozess und Haltung, Norm und Alltag, Absicherung und Gestaltungsspielraum und fragt, wie Qualität im Planen und Bauen entsteht – und wer sie letztlich definiert: RUNDUM-SIA