Vom Öf­fent­li­chen ins Pri­vate

Kispi Spezial

Trotz seiner Grösse vermittelt das neue Akutspital des Kinderspitals Zürich von Herzog & de Meuron eine Raumatmosphäre, in der man sich auf­gehoben fühlt. Dazu tragen die gewählten Materialien ebenso bei wie ein gestaltendes Konzept, das auf Autonomie und Geborgenheit setzt.

Date de publication
25-06-2026

Im Herbst 2024 ist das Zürcher Kinderspital aus dem verschachtelten, über die Jahrzehnte mehrmals umgebauten und erweiterten «Kispi» in den Neubau in der Lengg umgezogen. Das zylindrische, mehrgeschossige Volumen des Gebäudes für Forschung und Lehre ergänzt zusammen mit dem neuen Akutspital das Gebiet, das bereits die Spitäler Hirslanden und Balgrist beherbergt, um zwei weitere Grossbauten. 

Während das weisse Forschungsgebäude in Massivbauweise bereits von weit her als räumliches Zeichen fungiert, bildet der dreigeschossige Betonskelettbau des Akutspitals das neue Gegenüber der denkmalgeschützten Universitätsklinik Burghölzli von 1869 und streckt sich mit den beiden konkaven Längsfassaden in Holz in der Ebene. 

Eine Öffnung über zwei Geschosse unterbricht den Fluss der gleichförmigen Struktur und zeigt mit zwei weit geöffneten Flügeln, die formal an ein Kinderbuch eines Riesen erinnern, für die Besucherinnen und Besucher den Haupt­eingang an. Durch die konkave Geste der Eingangsfassade entsteht ein gemeinsamer Vorplatz für die beiden Institutionen. Den Notfall des grössten Schweizer Spitals für Kinder und Jugendliche erreicht man auch direkt über eine der Querseiten.

Aufgehoben sein

Das Leitmotiv für den Entwurf war laut Christine Binswanger von Herzog & de Meuron Kinder- und Familienfreundlichkeit. So entstand statt eines mehrgeschossigen Bettenhauses eine pavillonartige Struktur. Denn «wie sich die Angehörigen fühlen, ist für Kinder wichtig», so Binswanger. Sie hätten für die Eltern Angebote schaffen wollen, so dass sich diese abgeholt fühlen. 

Dazu gehören ein Bett im Zimmer des Kinds, gute Aufenthaltsräume für Wartezeiten – auch auf den jeweiligen Stationen –, Flächen im Freien sowie die Möglichkeit, sich selbstständig durch das Haus zu bewegen. Man sollte allein von A nach B kommen. Das bedeutet offene Treppenräume und ein gutes und intuitiv lesbares Orientierungskonzept. «Dabei sind visuelle Unterschiede wichtig», erklärt die Architektin, «diese helfen, um sich zu verorten und zurechtzufinden.» 

Das Kinderspital funktioniert wie eine kleine Stadt: Die medizinischen Bereiche sind die Quartiere, die durch Strassen und Plätze verbunden sind. Auf jedem der drei Geschosse führt eine zentrale Hauptstrasse an unterschiedlichen, bepflanzten Innenhöfen entlang, die für Orientierung sorgen und Natur und Tageslicht ins Innere bringen. Die Patientenzimmer auf dem Dach erscheinen wie einzelne kleine Holzhäuser.

Flexibel konzipierte Grossform

Das zurückversetzte Dachgeschoss der Bettenstationen spricht eine eigene architek­tonische Sprache. Durch die Staffelung der Patientenzimmer und die unterschiedliche Neigung ihrer Dächer ist jedes einzelne Zimmer erkennbar: Die Individualität der jungen Patienten und Patientinnen wird mit dem kleinen Haus in einer elementaren, verständlichen Form ausgedrückt.

Auch das Innere der anderen beiden Geschosse bleibt nach aussen ablesbar. Hier ist das prägende Element eine raumhaltige Betonstruktur, die Teil des Tragwerks ist. Fassadentiefe und Füllung, ob aus Holz, Glas, Stoff oder Pflanzen, variieren je nach Orientierung und dahinterliegender Funktion. 

Auch Stützen und Erschliessungskerne sind betoniert, alles andere ist in Leichtbauweise ausgeführt. Dies erlaubt den Abteilungen, zu wachsen oder sich zu verkleinern – das flache Gebäude mit seiner markanten äusseren Form verfügt damit über die für Spitäler so wichtige innere Flexibilität.

Gute Räume für ein hochfunktionales Gebäude

Durch das eingangs erwähnte Tor gelangt man über einen runden, mit Bäumen bepflanzten Hof zur Eingangshalle. Daran angrenzend liegen das Restaurant, das Mitarbeitende und Besucher gleichermassen nutzen, und der Zugang zu den darunterliegenden Therapiebereichen mit eigenen Gärten. 

Essenziell für das Gelingen des Projekts war laut Binswanger unter anderem, die Bedürfnisse aller Nutzenden abzuholen. Eine Herausforderung bei einem Gebäude mit 2300 Räumen, die alle ausgestattet werden sollten.

Die Hauptstrasse im Erdgeschoss führt zu den hochfrequentierten Untersuchungs- und Behandlungsbereichen wie Bilddiagnostik oder chirurgischer Tagesklinik. Diese belebte zentrale Achse, die sich den Höfen entlang aufweitet und verengt, endet in der Notfallstation. Im Zentrum des ersten Obergeschosses befinden sich beidseits der Hauptachse weitere Teile der Polikliniken, die Spitalschule, die Apotheke und andere gemeinschaftliche Nutzungen. 

Eine nach aussen orientierte Bürolandschaft mit rund 600 Arbeitsplätzen für das medizinische und administrative Personal umgibt diese Mittelzone wie ein Kranz. Ein Treppennetz erlaubt schnelle vertikale Verbindungen zu den Behandlungsbereichen darunter und den Bettenstationen darüber.

Farbig, aber nicht bunt

Im Dachgeschoss, dem ruhigsten Bereich des Akutspitals, wohnen die Kinder und Jugendlichen, die über Nacht oder länger im Spital bleiben müssen. Jedes der 114 Zimmer ist als kleines Holzhaus mit eigenem Dach angelegt, wo die Eltern bei ihren Kindern übernachten können – mit Privatsphäre und Ausblick ins Grüne. 

Der Charakter des Hauses sollte sich aus dem Zusammenspiel der Natürlichkeit und der gezielten Farbigkeit der Materialien ergeben: «Wir wollten kein buntes Haus», sagt Binswanger. Farben wie beispielsweise das Rosarot findet man an unterschiedlichen Orten: gleich beim Eingang in Form des rosa eingefärbten Glases, in den Höfen als Sichtschutz oder an den flexiblen Teilen der Schiebetüren. 

Weitere Farbigkeit bringen die Spielsachen der Kinder und die Kunstinstallationen, die spezifisch für das Kinderspital geschaffen worden sind. Kunst­werke erzeugen Momente der Aufmerksamkeit, was wichtig sei für die Neugier der Kinder. Und manchmal, so erzählt Christine Binswanger, werde etwas auch anders genutzt als von den Gestaltenden vorgesehen: Die runden Innenhöfe sollten Gemeinsamkeit symbolisieren, «und jetzt lieben sie die Kinder, weil sie da rundherum rennen können.» 

Akutspital Nutzung und Funktion


Raumprogramm
Räume: 2300
davon medizinische Nutzung: 1500
Untersuchung und Behandlung: 
ca. 15 000 m²
Pflege: ca. 9000 m²
Administration: ca. 1200 m²
Infrastruktur: ca. 7600 m²
Restaurant und Rezeption: ca. 1900 m²
Tiefgarage: ca. 4800 m²

Betten
Total: 200 
davon IPS/Neonatology-Betten: 51
Mehrbettzimmer: 114
Operationsräume: 6 Räume
Velopark: 220 Plätze
Tiefgarage: 341 Plätze