UTOPIA - Das Ve­rhan­deln der ei­ge­nen Ge­gen­wart: Stu­den­tis­cher Wett­be­werb zur Uto­pie des Ler­nens

Von dem Begriff der Utopie geht ein Zauber aus. Er ist eine Einladung zum losgelösten Denken, zum Entwickeln eines zukunftsorientierten Ideals. Bezogen auf den Begriff des Lernens öffnen sich analoge und digitale Räume, rein imaginierte Bildwelten und existierende Architekturen, die sich auf ihre Nutzbarkeit als Lernumgebung überprüfen lassen müssen. Besonders spannend ist die Suche nach einer Identität, die die Lernenden auf eine neue Weise an die inzwischen ortlosen Institutionen binden könnte.

Publikationsdatum
15-12-2022
ETH Zürich - ETHZ
Fachhochschule Nordwestschweiz - FHNW
Architektur
Ingenieurwesen, Bauphysik, Technologie und Wissenschaft

Vor hundert Jahren legten Otto Rudolf Salvisberg und sein Protegé Otto Brechbühl einen radikalen Entwurf für das Unigelände Muesmatt in Bern vor, der den Beginn einer neuen Lernform ermöglichte und abbildete. Das Bauvorhaben war das erste, was sie unter dem Namen Itten + Brechbühl ausführten. Um dieses Jubiläum im Sinne der Gründerväter zu feiern, wandte sich das Büro, das heute 350 Mitarbeitende zählt, mit einem Ideenwettbewerb an Studierende. Statt eines Rückblicks veranstaltete das Büro einen Wettbewerb, dessen Inhalt zugleich als Hommage an seine eigenen Ursprünge zu verstehen ist.

Vierzehn anonyme Antworten auf die Frage nach dem «Organismus für die Zukunft des Lernens» trafen ein. Die Offenheit der Aufgabe spiegelt sich in den völlig unterschiedlichen Ansätzen.

Das erstrangierte Team der ETH Zürich setzt auf die Auflösung der Universität in mehrere unabhängige Hubs, die als Lernorte mit unterschiedlichen Qualitäten digital vernetzt sind. Architektonisch stellen sich die Verfasserinnen die Hubs als spiralförmige Bauten vor, die in einem gut verbundenen Raster über die Stadt verteilt sind. Der klassische Campus bleibt als Ort des Austauschs in veränderter Weise von Bedeutung und Teil des Systems.­

Ein rein digitales Projekt landete auf dem zweiten Rang. Zentrum der Idee ist die Entwicklung einer App, die als Börse für zukünftige Lernorte funktioniert. Am Beispiel der Stadt Bern haben die Beteiligten eine Liste bestehender öffentlicher Orte zusammengetragen, die sich zum Lernen eignen – sie finden sie in ungenutzten Tiefgaragen oder auch im Münster. Weil die gewählten Räume jedermann zugänglich sind, stellen sie auch einen Beitrag zur Diskussion um Bildung für alle dar. Einzige Kritik an dem Wettbewerbsbeitrag ist seine Realitätsnähe – im Grunde kann die Idee sofort umgesetzt werden.

Ganz im Gegensatz dazu basiert ein Beitrag aus der TU Braunschweig auf einer intellektuellen Grundidee: Der Schaffung eines fiktiven Raums für geistige Entfaltung, der durch das Nutzen aller Sinne entsteht. Der Verfasser geht von der These aus, dass sich jeder Mensch besonders stark auf einen seiner Sinne verlässt. Jedem davon ordnet er eine geometrische Figur zu. Indem er Räume imaginiert, die alle Geometrien in sich vereinen, bietet er Lernumgebungen an, die alle Sinne gleichmässig ansprechen und damit das Lernen bestmöglich unterstützen. Die Umsetzung der abstrakten Idee zum tatsächlichen Raum hält allerdings dem selbst gesetzten Niveau nicht stand.

Ganz ohne architektonische Vision kommt der viertplatzierte Beitrag von Studierenden der Fachhochschule Muttenz aus. In einem textbasierten Blatt stellen sie die Verlagerung des Lernortes von räumlichen Umgebungen auf ein soziales Netzwerk heraus. Die Gegenwart anderer Menschen ist die Quelle von Wissen, auf die sie setzen. Eine logische Schlussfolgerung daraus ist die Einordnung von Lernen als lebenslangen permanenten Zustand, der uns begleitet und an keinen Ort gebunden ist. Obwohl diese Betrachtungsweise zu keiner architektonischen Utopie führt, schätzte die Jury die zukunftsweisende und anregende Qualität dieser Gedankengänge.

Die ausgezeichneten Beiträge werden an der Architekturbiennale in Venedig 2023 ausgestellt sein. Für 2024 haben Itten+ Brechbühl einen weiteren Ideenwettbewerb für Studierende angekündigt. Auf die neue Fragestellung und ein möglichst weit gefächertes Spektrum an Antworten sind wir gespannt. Eine Gelegenheit, die Grenzen der Realität gedanklich zu überschreiten und dafür sogar noch ein Honorar in Aussicht gestellt zu bekommen, sollten die Studierenden nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Text von Hella Schindel

Ergebnis des Wettbewerbs

Der Jury stand eine Gesamtsumme von CHF 10’000 zur Verfügung, um die Preise im Rahmen des Wettbewerbs zu vergeben. Um die Vielfalt der Ansätze zu würdigen, entschied die Jury, die Preissumme wie folgt auf die vier Plätze der Rangliste zu verteilen:

1. RANG 

Das Projekt FUSILLI von Laura Di Nardo + Laura Imperiali + Charlotte Neyenhuys von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (CH) erhält CHF 4’000.–

2. RANG

Das Projekt ISOLE von Senia Mischler + Franziska Beer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (CH) erhält CHF 3’000.–

3. RANG 

Das Projekt Fk24091994IEX von Florent Kuqi von der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina in Braunschweig (DE) erhält CHF 2’000.–

4. RANG

Das Projekt Le Circle Permanente von Anna Zurbrügg + Rebecca Slehofer + Eva Schneider der Hochschule FHNW in Muttenz (CH) erhält CHF 1’000.–

UTOPIA JURYBERICHT 2022 (9,1 MB)

Preisgericht

Das Preisgericht bestand aus renommierten Expert:innen:

• Dr. Sabine von Fischer, TEC21 Redaktorin, Inhaberin «Agentur für Architexte»
• Dr. Etna R. Krakenberger, Stabsleitung Lehre/Digital Officer Lehre Universität Bern
• Pascal Posset, Landschaftsarchitekt BSLA, Hager Partner AG
• Shadi Rahbaran, Architektin BSA, Rahbaran Hürzeler Architekten
• Andreas Ruby, Direktor S AM, Basel (krankheitsbedingt abwesend)

Internes Preisgericht, nicht stimmberechtigt:

• Jürg Toffol, Partner, Mitglied der Geschäftsleitung, IB Basel
• Daniel Blum, Mitglied der Standortleitung, Leiter Entwurf IB Basel
• Karina Hüssner, Architektin, Leiterin Business Development + Atelier IB

 

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