Zwischen den Massstäben: Piovenefabi

Architekten unter 40

«u40», Teil 6: In unserer Serie präsentieren wir junge Architektinnen und Architekten mit Verbindung zum Tessin. Das Duo Piovenefabi zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, architektonische Ideen mit unterschiedlichen Mitteln zu generieren und darzustellen.

Giacomo Ortalli Architekt, Assistent an der Accademia di Architettura in Mendrisio, Korrespondent espazium.ch

Piovenefabi, gegründet 2013 mit Büros in Mailand und Brüssel, ist international in den Bereichen Architektur, Stadtforschung und Design tätig. Ambra Fabi (*1981) absolvierte die Accademia di architettura di Mendrisio und arbeitete im Atelier Peter Zumthor & Partner. Giovanni Piovene (*1981), Absolvent des Istituto Universitario di Architettura di Venezia, ist Gründungsmitglied des Studios Salottobuono (2007–2013) und der Architekturzeitschrift San Rocco (2010). Beide arbeiteten als Assistenten an der Accademia di architettura di Mendrisio und lehren derzeit an der École d'architecture de la ville et des territoires in Marne-la-Vallée bei Paris. Die Architekten sind Mitglieder des Kollektivs, das 2019 die Triennale di Architettura in Lissabon kuratieren wird.

Ephemere Strukturen

Nach der Betreuung der Projekte San Rocco: Book of Copies bei der Architectural Association of London (2013), dem Sixth Room in der Den Frie Gallery in Kopenhagen und der Ausstellung Paulo Mendes Da Rocha, Tecnica e Immaginazione bei der Mailänder Triennale (2014) wurde das Büro 2016 eingeladen, den Pavillon des Sommerfestivals Parckdesign in Brüssel zu gestalten, einer vom Institut für Umweltmanagement der belgischen Hauptstadt (IBGE) konzipierten Veranstaltung.

Der Pavillon befindet sich im Brüsseler Duden Park am Aussichtspunkt Plateau du Midi. Die offene Struktur ist in drei unabhängige Bereiche unterteilt: einen Infopoint, einen Kiosk aus Holzplatten und einen Turm mit sechseckigem Sockel, der ein Labor für die Destillation von aromatischen und medizinischen Kräutern beherbergt. Metallstangen bilden die Unterkonstruktion für das zeltartige Dach aus weissem Stoff, das den szenischen Raum für Veranstaltungen bildet. Aus der Ferne ist das Bauwerk ein architektonischer Bezugspunkt, im Innern offenbart sich ein visueller Apparat zur Beobachtung des Jardin Essentiel, der in Überlappung mit dem neoklassizistischen Grundriss des Parks entworfen und kultiviert wurde.

Auf der Grundlage dieses Prototyps bauten die Architekten fünf Pavillons, die sich dem Kontext von fünf Parks in der belgischen Hauptstadt anpassen können: Duden, Cinquantenaire, Roi Baudouin, George Henri und Abbaye de la Cambre. In der dichten Stadt werden die Kioske zu angenehmen Treffpunkten im Kontakt mit der Natur. Jeder Pavillon hat eine andere Farbe und passt sich in Grösse und Ausrichtung der jeweiligen Umgebung an.

Zirkus, Hocker, U-Bahn

Der Half Circus (2018), der für eine laufende Ausstellung im Bozar-Palast der Schönen Künste in Brüssel entworfen wurde, würdigt das Werk des französischen Künstlers Fernand Léger (1881–1955). Half Circus ist ein Objekt, das als temporärer Raum für Zirkus- und Kulturveranstaltungen vor dem Museumseingang gedacht ist: ein halbrunder Raum mit schrägem Dach, schwarzer Metallstruktur, weissem Stoff und farbigen Lichtern, der bereits von aussen die magische und fantasievolle Atmosphäre des Zirkus hervorruft.

Light Conversation Pieces, im Auftrag der belgischen Möbelgalerie «Maniera» entstanden, ist eine Serie von kleinen monolithischen Hockern und Tischen aus Luserna-Stein, die in Zusammenarbeit mit den piemontesischen Handwerkern Stefano und Franco Versino entstanden ist. Die Kombination der rauen horizontalen Ebene und der glatten Seiten macht die Schichtung des Steins sichtbar. Die geformten Blöcke verbinden sich wie Gebäude mit dem Boden, zusammen gruppiert verwandeln sich in eine Reihe von idealen Mikroarchitekturen.

Für die Chicago Architecture Biennale 2017 mit dem Thema Make New History präsentierten die Gestalter Metrò: eine Serie von Möbeln, die die Signaletik für die Stationen der Linien 1 und 2 der Mailänder U-Bahn neu interpretiert. 1964 hatten Franco Albini, Franca Helg und Bob Noorda dort eine expressive Kombination aus widerstandsfähigen Strukturen, eleganten Formen und innovativen Materialien geschaffen, mit farbigen Betonplatten, röhrenförmigen Handläufe mit einer Beschichtung aus rotem Email und schwarzen Gummiböden von Pirelli. Durch einen Akt der Aneignung verwandelten Piovenefabi die Elemente in ein monomaterielles Objekt für eine neue Wohnlandschaft.

Von … bis

Die Aufmerksamkeit für die Beziehung zwischen Innen und Aussen und zwischen Produkt und Nutzer verbindet die Gestaltung eines Objekts mit der Gestaltung eines Gebäudes. In beiden Fällen beginnt der Prozess mit dem Studium der einzelnen Elemente, die, wenn sie zusammengesetzt und montiert sind, die gewünschte Form und das gewünschte Bild zum Leben erwecken. Das zeigen auch die Arbeiten von Piovenefabi: Ob Zeichnungen, Gebäude, Einrichtungsgegenstände oder Installationen – die Autoren gehen mit unterschiedlichen Massstäben und kulturellen Unterschieden souverän um.

Junge Architekten

In einer neuen Reihe stellen wir in loser Folge Architektinnen und Architekten unter 40 Jahren vor, die in der Schweiz oder im Ausland tätig sind. Wir starten im Tessin. Weitere Beiträge dieser Serie finden Sie hier.

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