Die Zukunft von gestern

Wie sich unsere Urgrosseltern das Jahr 2000 vorstellten

Fliegende Postboten, Robotisierung am Bau, industrielle Landwirtschaft? Gab es schon vor 100 Jahren – zumindest in den Köpfen unserer Urgrosseltern, wenn sie sich das Jahr 2000 vorstellten.

Judit Solt Fachjournalistin BR, Chefredaktorin TEC21

Das 19. Jahrhundert war eine unglaublich dynamische Epoche. Alles entwickelte sich in einem rasanten, noch nie dagewesenen Tempo: Verkehr, Kommunikation, Mechanisierung und Industrialisierung. Und kaum jemand zweifelte daran, dass der technische Fortschritt und das ökonomische Wachstum genauso weitergehen würden. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. So versuchten sich die Menschen vorzustellen, wie ihre Urenkel im Jahr 2000 wohl leben würden.

Eine Reihe von futuristischen Zeichnungen von Jean-Marc Côté und anderen französischen Künstlern lässt erahnen, was unsere Vorfahren von der 100 Jahre späteren Zukunft erwartet haben. Die Bilder waren ursprünglich auf Kärtchen gedruckt und in Zigaretten- und Zigarrenpackungen beigelegt, später wurden sie als Postkarten produziert. Sie zeigen nicht nur die ewigen Träume der Menschheit, etwa das Fliegen oder die Befreiung von harter körperlicher Arbeit. Sie offenbaren auch, wie schwer es ist, über die Grenzen der eigenen Epoche hinaus Visionen zu entwickeln: Die Vorstellung etwa, die Arbeit auf der Baustelle oder die Gebäudereinigung zu robotisieren, wirkt durchaus aktuell; doch dass die Menschen, die diese neuartigen Maschinen bedienen, andere Kleider als in der Belle Epoque tragen könnten, schien ebenso undenkbar wie Frauen im Baubüro. Bemerkenswert ist auch, dass die technischen Hilfsmittel stets bei der Verrichtung von physischer Arbeit gezeigt werden, gleichsam als verlängerte Arme der Menschen, die jedoch weiterhin die Denk- und Lenkarbeit übernehmen. Selbstständig denkende Maschinen, das schien dann doch etwas zu weit hergeholt …

Die erste Serie von Postkarten wurde 1900 für die Weltausstellung in Paris gedruckt. Wegen finanziellen Schwierigkeiten wurden die Karten allerdings nie verteilt; sie kamen erst an die Öffentlichkeit, als der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov sie entdeckte und einige davon 1986 in seinem Buch «Futuredays: A Nineteenth Century Vision of the Year 2000» publizierte.

(Quelle: Wikimedia Commons)
 

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