Zersiedelung im Landschaftsbild

Forum für Wissen 2015, WSL Birmensdorf

Während der Städtebau im Winterschlaf steckt, verdreifacht sich die ­Zersiedelung. Nachhaltig sind nur Siedlungsbegrenzungen nach aussen. Um diese durchzusetzen, muss Mindestdichte zur fassbaren Grösse werden.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Das Forum für Wissen 2015 der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf zeigte Zusammenhänge zwischen Siedlungsentwicklung und Lebensqualität auf und skizzierte konkrete Ansätze, wie die Siedlungsentwicklung in der Schweiz in eine nachhaltige und landschaftsverträgliche Richtung zu steuern wäre. Stich­worte dazu sind rechtlich-planerische Massnahmen oder ökonomische Anreize. Thema des von Felix Kienast, Leiter Zentrum Landschaft WSL, geführten Anlasses waren die aktuellen Herausforderungen der Raumplanung insbesondere aufgrund des revidierten Raumplanungsgesetzes.

Es geht ums Ganze

Zersiedelung ist der Feind der Schweizer Landschaft und Ursprung der damit verbundenen aktuellen Probleme. Das stellte Peter Wullschleger, Geschäftsführer BSLA, La Chaux-de-Fonds, fest. Was die Zersiedelung von der Siedlungsentwicklung unterscheide, sei, dass Erstere zumindest Emotionen auslöse. Wullschleger sieht als Grund­übel der Siedlungsentwicklung in der Nachkriegsschweiz die Abwesenheit des Denkens in räumlich-­ästhetischen Kategorien, die fehlende gesellschaftliche ­Wahrnehmung sowie den «seit einem ­halben Jahrhundert anhaltenden Winterschlaf des helvetischen Städtebaus» (sic!), der erst seit kurzer Zeit Anzeichen des Erwachens aussende.

In seinem pointiert formulierten Referat forderte Wullschleger ein neues Nachdenken über ­Lebensformen der Zukunft, über deren Raumrelevanz und auch über individuelle Vorlieben. Kurz: Wie viel Fläche braucht der Mensch und wofür? Tendenziell stehe für immer mehr Menschen zunehmend weniger Raum zur Verfügung, betonte er, gleichzeitig steigen und diversifi­zieren sich die Ansprüche. Für innovative Lösungen setzt er eine Verpflichtung zur gemeinde- und kantonsübergreifenden Planung als unabdingbar voraus. Landschaft kennt keine Grenzen.

Umwelt- und gesellschaftsverträglich

Der Frage, was eine umwelt- und gesellschaftsverträgliche Siedlungsentwicklung ausmacht, ging  Silvia Tobias, Kulturingenieurin im Bereich Landschaftsökologie der WSL, nach. Sie betrachtet die Siedlungsbegrenzung nach aussen und eine räumliche Konzentration als zentral. Statistiken zeigen, dass die Zer­siedelung der Schweiz in der Zeit zwischen 1935 und 2010 um 184 % zugenommen hat. Der stärkste Anstieg lässt sich in der Periode der grossflächigen Subur­banisierung zwischen 1960 und 1980 feststellen. Nach einem verlangsamten Zuwachs bis 2002 ist derzeit indes eine erneute Zunahme feststellbar.1

Das polyzentrische Siedlungsmuster der Schweiz mit grös­seren Kernstädten, vielen Dörfern und einer stattlichen Anzahl an Kleinstädten und regionalen Zentren erweist sich als ideal, um unterschiedliche Ansprüche an die Wohn­um­ge­bung zu erfüllen. Aber um diese Lebensqualität zu erhalten und auch zu fördern, sei es wesentlich, dass die Siedlungen nicht zusammenwüchsen, sondern klar abgegrenzte, überschaubare Einheiten bildeten, betonte Tobias.

Nachhaltige Zukunfts­szenarien?

Was zeichnet eine nachhaltige Siedlungsentwicklung aus? Das Bundesamt für Raumentwicklung ARE hat dafür eine pragmatische Antwort. Demnach ist eine derartige Siedlungsentwicklung langfristig auf Schonung von Umwelt und Ressourcen auszurichten und soll zudem wirtschaftliche Prosperität sowie Stabilität und Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft umfassen. Irmi Seidl, Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaft an der WSL, erläuterte, wie es um diese Siedlungsentwicklung bestellt ist.

Das Ziel des Bundesrats (2002), die Siedlungsfläche auf 400 m2 pro Kopf zu stabilisieren, sei nicht erreicht worden (2009 bereits 407 m2 pro Kopf). Die derzeitige Siedlungsentwicklung der Schweiz wird denn auch vonseiten des Bundes als nicht nachhaltig bezeichnet. Seidl stellte weiter fest, dass die sehr gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur ein offenbar bislang kaum erkannter Treiber der Zersiedelung ist. Zusammen mit der dezentralen Besiedelung des Landes macht sie quasi ­jeden Punkt der Schweiz verhältnismässig rasch erreichbar, was sowohl Flächenverbrauch wie auch Zersiedelung fördert.

Gesetze ­steuern Entwicklung

Im März 2013 wurde die erste Teilrevision des Raumplanungsgesetzes (RPG 1) vom Stimmvolk gutgeheissen. Aus Sicht der kantonalen Richtplanung stechen dabei zwei Artikel besonders heraus. Art. 8a (Richtplan­inhalt im Bereich Siedlung) schreibt u. a. vor, der Richtplan müsse neu Festlegungen (verbindliche Aussagen) zur Gesamtgrösse und Verteilung der Siedlungsfläche enthalten. Art. 38a (Übergangsbestimmungen) erlässt in den Kantonen einen faktischen Einzonungsstopp bis zu jenem Zeitpunkt, zu dem der Richtplan im Sinne von RPG 1 angepasst ist.

Gekonnte Kommunikation führt zum Erfolg

Der Geograf Tobias Vogel von der Abteilung Raumentwicklung beim Kanton Aargau berichtete über Erfahrungen bei der Umsetzung des RPG 1. Erfolg verspreche insbesondere der frühe und direkte Einbezug der Betroffenen in Form einer Begleitgruppe. Über eine Zusammenarbeitsphase der Regionalplanungsverbände und ihrer Gemeinden noch vor den eigentlichen Vernehm­lassungen und der Anhörung re­spektive Mitwirkung haben die ­Betroffenen Gelegenheit, erste Grob­entwürfe nicht nur zu beurteilen, sondern auch weiterzuentwickeln. Bereits in einer frühen Phase lassen sich so Stolpersteine eruieren, in vertraulichem Rahmen fachlich ausdiskutieren und bereinigen, betonte Vogel.

Beispielsweise wurde eine grundsätzliche Opposition aus dem ländlichen Raum gegenüber einer Mindestdichte und gegen relativ ­restriktive Regelungen zu Arbeitsplatzgebieten vermieden. Und weil dabei klar wurde, dass die Mindestdichte (Anzahl Einwohner pro Hektar) eine komplexe und wenig fassbare Grösse darstellt, wurde diese mittels einer grafisch leicht verständlichen Darstellung mit Fotografien vermittelt. Dieses Produkt der gesamten Richtplanvorlage wird im Aargau bis heute zur Kommunika­tion mit den Gemeinden verwendet.

Tobias Vogel zeigte, wie die vom Bund vorgegebenen Rahmenbedingungen zu einem raschen und entschlossenen Handeln führten, um möglichst zügig über einen bundesrechtskonformen Richtplan zu verfügen. Dies, um wiederum unabhängig vom Bund handlungsfähig zu sein.

Gemeinden nach innen entwickeln

Das Landschaftsbild der Schweiz ist von der Siedlungsentwicklung geprägt. Dieser Prozess wird oft erst wahrgenommen, wenn Land grossflächig mit geringer Siedlungsdichte bebaut ist. Solche zersiedelte Wohngebiete gehören gerade wegen ihres verschwenderisch bemessenen Gebäudeumschwungs und der Nähe zur «Natur» zu den gesuchten Wohnlagen. Doch aus planerischer Sicht ist dies problematisch. Bodenverbrauch und Infrastrukturkosten liegen pro Kopf zu hoch, die Pendlerwege sind lang.

Aus den Vorträgen ging klar hervor, dass die räumliche Konzentration der Siedlungsentwicklung und Siedlungsbegrenzungen nach aussen zentrale Punkte für die ­Zukunft sind. Der Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung VLP-ASPAN, Lukas Bühlmann, brachte es auf den Punkt: «Es geht nicht anders, als unsere Siedlungen nach innen zu entwickeln. Alles andere ist nicht nachhaltig. Die grosse Herausforderung ist, eine qualitativ hochwertige Verdichtung hinzubekommen, die Grundeigentümer und Investoren einzubinden und die Bevölkerung ins Boot zu holen.»

Anmerkung

1 Ch. Schwick et al. 2013. «Stark beschleunigte Zunahme der Zersiedelung in der Schweiz» in: Geomatik Schweiz

 

Die Broschüre zum Anlass (WSL Berichte, Heft 33, 2015) mit den Referaten und zahlreichen Abbildungen kann von der Homepage der WSL heruntergeladen werden: www.wsl.ch

Verwandte Beiträge

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv