Zeitgemäss historisch

Rekonstruktion Altstadt Frankfurt am Main

Rekonstruktionen sind in der deutschen Architekturfachwelt umstritten, obwohl grosse Teile der Bürgerschaft sie befürworten. Das gilt auch für das Anfang Mai der Öffentlichkeit übergebene DomRömer-Quartier in Frankfurt am Main. Das Basler Büro Morger Partner realisierte dort einen Neubau mit Geschichtsbezug.

Carsten Sauerbrei Architekturjournalist

Auf dem Frankfurter DomRömer-Areal entstanden seit 2012 auf der Basis einer städtebaulichen Rekonstruktion der im Krieg zerstörten Altstadt und nach Abriss des Technischen Rathauses von 1974 ein neues Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude, das Stadthaus und 35 Wohnbauten auf historischen Parzellen, darunter 15 Rekonstruktionen, sogenannte «Nachbauten», und 20 Neubauten (vgl. Kasten unten «Wie es niemals war»).

Letztere konnten im Gegensatz zu den Rekonstruk­tionen nach historischem Vorbild frei gestaltet werden. Um einen einheitlichen städtebaulichen Gesamt­eindruck zu schaffen, galten aber auch hier enge Rahmenbedingungen, festgelegt in einer Gestaltungssatzung, die sicherstellen sollte, dass sich Materialwahl und Formensprache der Neubauten an den historischen Vorgängern orientieren.

Die Architekten des Basler Büros Morger Partner realisierten nach einem Wettbewerbsgewinn eines der neuen Wohnhäuser. «Uns hat interessiert, in der kleinteiligen mittelalterlichen Struktur eine Architektur zu schaffen, die auf die Historie Bezug nimmt und gleichzeitig eindeutig im Heute datierbar ist», beschreibt Meinrad Morger seine Haltung zum Projekt.

Subtile Referenzen

Das neue Wohnhaus aus 49 cm starkem, monolithischem Ziegelmauerwerk befindet sich auf einer schlanken, tiefen Parzelle mit Lichthof und bildet zwei Adressen aus – im Süden liegt es «Am Markt 30», im Norden «Hinter dem Lämmchen 3». Die Fassaden zu beiden Seiten gestalteten die Architekten nach dem gleichen Prinzip und mit gleicher Konstruktion. Sie bekleideten diese in Referenz an den ortsüblichen Sandstein mit einem glatten, roten Kratzputz und gliederten sie geschossweise durch deutliche, in der Höhe an Stärke zunehmende Vorsprünge, die typisch sind für die Frankfurter Altstadt. Als weitere, markante Gliederungselemente verwendeten sie grosszügig raumhohe, aussen bündig angeschlagene Kastenfenster, deren äusserer, stählerner Öffnungsflügel sein Vorbild in mittel­alterlichen Winterfenstern hat.

Zwei Gesichter, eine Seele

Die Erdgeschosszonen und Ein­gänge der beiden Hausseiten fielen dagegen unterschiedlich aus. Das südliche Erdgeschoss «Am Markt» bekleideten die Architekten mit einem für Frankfurt typischen roten Sandstein in grossformatigem Zuschnitt, über einem schmalen, elegant wirkenden Sockelband aus Basaltlava. An der nördlichen Fassade integrierten sie dagegen ein dreiachsiges, historisches Portal aus Buntsandstein. Es verdeckt eine dahinterliegende Fassadenebene, sodass die Zugänge zu den Wohnungen in den Ober­geschossen – zwei 2-1/2-Zimmer-Wohnungen und eine mit 4 1/2 Zimmern – und den Läden im Erdgeschoss individuell gestaltet werden konnten.

Unterschiede bestehen auch bei Hausbreiten und Dachformen, was zu zwei Fassadenvarianten führt. Auf der schmaleren, südlichen und giebelständigen Hausseite platzierten Morger Partner je ein Fenster pro Geschoss mittig vor dem dahinterliegenden Wohn-Ess-Bereich. Auf der breiteren, nördlichen und traufständig ausgebildeten Hausseite sind es zwei Fenster pro Geschoss. Dahinter liegen Schlafzimmer und Bäder. Über einen schmalen Innenhof wird das Zentrum der Wohnungen belichtet.

«Einfachheit, Lapidarität, das zeichnet Konstruktion und Gliederung des Hauses aus», sagt Meinrad Morger. Und genau damit ist es ein wichtiger Beitrag zur Debatte um zeitgenössische und gleichzeitig geschichtsbezogene Architektur.
 

Wie es niemals war

Der Ort könnte geschichtsträchtiger kaum sein: Mehrere Generationen deutsche Kaiser und Könige legten zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert nach ihrer Krönung im St. Bartholo­mäus-Dom den rund 300 m langen Weg zum Römerberg, dem Frank­furter Rathausplatz, zurück. Tradi­tion und Geschichte halfen rund 150 Jahre später aber nicht gegen die Bomben der Alliierten: Im März 1944 zerstörte ein Luftangriff die bis anhin gut erhaltene Altstadt nahezu komplett.

Während ein Teil des Römers nach Kriegsende rekonstruiert wurde, entstanden auf den meisten anderen Flächen zeitgenössische Bauten. Bis auf das Gebiet am Alten Markt, dem ehemaligen Krönungsweg: Erst Anfang der 1970er-Jahre errichtete hier die Architektengemeinschaft Bartsch, Thürwächter und Weber auf einer Tiefgarage den gigantischen Gebäudekomplex des Technischen Rathauses. Rund 30 Jahre später stand die Instandsetzung des Baus an.

Am Ende der lebhaften Debatten um Sanierung oder Ersatzneubau stand schliesslich jedoch der Wunsch von Stadtregierung und Bevölkerung, das ungeliebte Rathaus abzureissen und auf den frei werdenden rund 7000 m2 die mittelalterliche Bebauungsstruktur des Quartiers wieder aufleben
zu lassen. 2011 wurden Architekturwettbewerbe für den Grossteil der Parzellen durchgeführt. Für die Baugenehmigung konnte das Gesamtgebiet als ein Gebäude eingereicht werden, anschliessend entwickelten die Planer für jedes Haus ein individuelles Brandschutzkonzept. Eine weitere Besonderheit ist der Einsatz von 60 aus den Trümmern geretteten Originalbauteilen, die beim Wiederaufbau der Nachkriegszeit keine Verwendung gefunden hatten. (Tina Cieslik)

Am Bau Beteiligte

Bauherrschaft
DomRömer, Frankfurt a. M.

Architektur
Morger Partner Architekten, Basel

Generalplanung, Bauleitung
Schneider + Schumacher, Frankfurt a. M.

Kostenplanung
BHLconsultants, Frankfurt a. M.

Tragwerksplanung
RSP Remmel + Sattler, Frankfurt a. M.

Elektroplanung
Ingenieurbüro Freudl & Ruth, Bruchköbel

HLKKS-Planung
fc.ingenieure, Frankfurt a. M.

Bauphysik
Hyder Consulting, Halle (Saale); Graner Ingenieure, Leipzig

Brandschutz
hhp Berlin Ingenieure für Brandschutz, Frankfurt a. M.

Schallschutz
ITA Ingenieurgesellschaft für technische Akustik, Wiesbaden

Landschaftsarchitektur
BWP Endress Landschafts­architekten, Frankfurt a. M.

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