Wohnen statt Arbeiten im Stadtzentrum: Neuwiesen Winterthur

Über die Notwendigkeit, Geschäftsimmobilien bei Bedarf als Wohnraum zu nutzen, wird häufig gesprochen; Projekte sind dennoch selten. Mitten in Winterthur ist nun eine lokale Ikone zur urbanen Wohn­adresse umgewandelt worden.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Lage, Lage, Lage ist das viel zitierte Kriterium für den Wert einer Immobilie. Und die Nähe zum Bahnhof beschreibt, wie attraktiv dieser Standort effektiv ist. Ende der 1970er-Jahre erkannte dies
eine Versicherungsgesellschaft, die als Hauptsitz eine Geschäftsimmobilie gleich neben dem Hauptbahnhof von Winterthur auswählte. Nach ihrem Auszug vor wenigen Jahren beschloss die Gebäudeeigentümerin, die Liegenschaft neu als Wohnadresse zu nutzen. Die Umwandlung des siebenstöckigen Bürogebäudes in ein Wohnhochhaus mit acht Etagen ist im Frühjahr 2018 abgeschlossen worden.

Alternativen zur Umnutzungs- und Erneuerungsstrategie mussten nicht geprüft werden; der zentrale Standort war für ein urbanes Zielpublikum attraktiv genug. Einzig der doppelstöckige Sockel wird weiterhin als ­Einkaufszentrum und für Büros genutzt; die sechs Obergeschosse darüber be­herbergen nun insgesamt 37 Wohneinheiten, vom Einzelstudio bis zur 4 ½-Zimmer-Duplexwohnung. Die interne Erschliessung erfolgt wie zuvor über zwei Treppenhäuser an den Enden des mehrfach abgeknickten Baukörpers.

Ruhige Rückseite an urbaner Lage

Ein wesentliche Herausforderung war die Aufteilung der Grundrisse: Ein Wohnhaus an dieser lärmbelasteten urbanen Lage muss auch seine ruhige Rückseite nutzen. Die meisten Wohnungen orientieren sich daher nach vorn und nach hinten. Um den Zugang zum Aussenraum zu erweitern, wurde die be­stehende Gebäudehülle für den Einbau mehrerer Loggien durchbrochen. Das aufgestockte Dachgeschoss besitzt neu eine umlaufende Dachterrasse, deren ­Geländer aus transparentem Glas die ­bisherige Gebäudesilhouette respektiert. Auch sonst ist das Fassadenbild, eine Verkleidung aus dunkelbraunen Alupaneelen, vor Eingriffen praktisch verschont geblieben. Die Blechelemente wurden zwischenzeitlich entfernt, gereinigt und danach wieder über die zusätzliche, nun 18 cm dicke Dämmschicht gehängt.

Strukturell ist das Gebäude ein Betonskelett, dessen Tragfähigkeit zwar eine Attika-Aufstockung zuliess, sämt­liche Auf- und Einbauten, ebenso die Wohnungstrennwände, sind aber in Leichtbauweise erstellt. Die Zwischendecken des ehemaligen Bürohauses waren im Originalzustand eher schwach bewehrt. Der neue Unterlagsboden wurde deshalb in Trockenbauweise realisiert; auf eine Bodenheizung musste verzichtet werden. Wie bisher werden die Wohnungen über Radiatoren beheizt. Das neue Wohnhochhaus Neuwiesen wird mit CO2-armer Fernwärme des Stadtwerks Winterthur versorgt.

Am Bau Beteiligte 
Bauherrschaft: SISKA Heuberger Holding, Winterthur
Architektur: Häberli Heinzer Steiger Architekten ETH FH SIA, Winterthur

Gebäude
Typ: Bürohaus mit Baujahr 1982
Erneuerung: Umnutzung, Gebäudehülle, Ersatz Haustechnik
Geschossfläche: 8700 m2
Energiekennzahl: 34 kWh/m2
Zeit: 2015–2018

Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Immobilien und Energie», ein Projekt mit dem Immobilienberatungsunternehmen Wüest Partner und mit Unterstützung von Energie­Schweiz. 

Weitere Beiträge zum Thema haben wir in einem digitalen Dossier zusammengestellt.

Verwandte Beiträge

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv