Wie wir morgen wohnen wollen

Aktuelle Architektur und Ingenieurbaukunst: anschauen, staunen, hineingehen, diskutieren, verstehen – eine subjektive, aber nicht zufällige Auswahl unter den Bauten der SIA-Tage 2016 in der Deutschschweiz.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

Zweifellos sind die SIA-Tage der zeitgenössischen Architektur und Ingenieurbaukunst inzwischen so etwas wie eine Architekturbiennale auf Schweizer Art. Die SIA-Tage finden 2016 zum neunten Mal statt; anders als in den Vorjahren besteht heuer an zwei Wochenenden, nämlich vom 20. bis 22. sowie vom 27. bis 29. Mai, die Möglichkeit, das aktuelle Baugeschehen aus nächster Nähe zu betrachten. 

Mit rund 140 Adressen befindet sich nahezu die Hälfte der ­­297 zu besichtigenden Bauwerke in der Romandie; der Kanton Waadt, wo die SIA-Tage 2006 ins Leben gerufen wurden, nimmt mit 69 Pro­jekten den Spitzenplatz ein. Am Arc lémanique scheint es für die Bau­schaf­fenden fast zum guten Ton zu gehören, ihre jüngst fertiggestellten Bauten für die SIA-Tage anzumelden; dagegen hätte man sich in einigen Deutschschweizer Kantonen eine etwas grössere Teilnehmerschar vorstellen können.

Der Verfasser dieses Berichts ist auch als Architekturkritiker tätig – daher folgt hier eine subjektive, aber keineswegs zufällige Auswahl unter den in der Deutschschweiz teilnehmenden Bauten, die sein Interesse geweckt haben.

BE – Innovative Wohnkonzepte 

Bei den Wohnbauten zeigen sich zwei erfreuliche Trends: Exklusive, aber desintegrierte Solitäre, etwa Villen, die zwar schön anzuschauen sind, aber die Zersiedelung forcieren, bilden im Programm eher die Ausnahme.

Der Anteil verdichteter, dabei funktional attraktiver, gemeinschaftsorientierter Wohnbauten nimmt hingegen zu; häufig sind es Gebäude, die zudem ein hohes ­­Mass an sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit versprechen – wie beispielsweise das «Generationenhaus Schönberg Ost» von Bürgi Schärer Architektur und Planung in Bern, ­in dem eine Stockwerks­eigen­tümer­gemein­schaft die Bedürfnisse des urbanen und individuellen Wohnens gekonnt miteinander verbindet.

Zu der Gruppe räumlich und sozial innovativer Wohnbauten darf man sicher auch die Wohnbausiedlung Oberfeld in Ostermundigen zählen, eine autofreie, genossenschaftliche Siedlung, entworfen nach Plänen der Berner Büros Planwerkstatt Architekten und Halle 58 Architekten. Die viergeschossige Wohnanlage in hybrider Holzbauweise offeriert ganz unterschiedliche Wohnange­bo­te – für Familien, Alleinerziehende, Senioren oder Menschen mit Behinderungen. Eine Reihe von Räumen wird gemeinschaftlich genutzt. 

BS/BL – Unsichtbar energetisch erneuert, sensibel saniert 

In Basel hat das Baubüro in situ von Barbara Buser, Eric Honegger und Tina Ekener gleich drei Projekte des energetischen Umbaus eingereicht. Das auf den ersten Blick unscheinbarste, aber womöglich zukunftsweisendste von ihnen ist die Fassadensanierung eines 1911 erbauten Hauses nahe dem Basler Hauptbahnhof: Bei dem gemeinsam mit Lauber Ingenieure aus Luzern rea­li­sierten «Pilot- und Demonstra­­tions­­projekt» in der Güterstrasse 81 konnten das ursprüngliche Fassadenbild und sein Dekor trotz ­Däm­mung erhalten werden, da ein neuartiger Wärmedämmputz mit Aerogel Verwendung fand. 

Zu den gesamt 21 Projekten in der Stadt Basel zählt nicht zuletzt das 1935 erbaute und von Flubacher-Nyfeler + Partner Architekten mit Sorgfalt und frischen Akzenten sanierte «Zolli-Restaurant», wie die Basler die beliebte Zoo-Gaststätte nennen. Bei der Renovation liess man viele originale Elemente auf­arbeiten. So wurden die zylinderförmigen Glasleuchten aus den 1930er-Jahren neu elektrifiziert, Messing aufpoliert und das hölzerne Mobi­liar abgeschliffen und repariert. Die heitere Eleganz des erneuerten Saals verbindet das Flair des alten Restau­rants mit behutsam eingeführten zeitgenössischen Elementen. 

Weniger subtil, weil schon von Weitem ein Blickfang, ist das kompakte, dreieckige Gebäude ­«Oslo Nord» im Kunstfreilagerquartier in Münchenstein. In dem spitzwinkeligen Sichtbetonbau befinden sich die neuen Räumlichkeiten des projektverantwortlichen Büros ffbk Architekten und darüber zwölf sehenswerte Dachwohnungen.

LU – Kirche wird Lernort 

Im Auftrag der Stiftung Schule & Wohnen bauten die Architekten ­Jäger Egli aus Luzern die aus den 60er-Jahren stammende Don-­Bosco-Kapelle in Beromünster für Unterrichtszwecke um. Im Sinn eines ­Box-in-Box-Systems wird in die mas­sive Struktur ein vorgefertigter Holz-Stahl-Körper eingefügt. In den ­neuen, von hellem Holz geprägten Räu­men ist nun eine geschützte Ta­­ges­schule für verhaltensauffällige ­Kinder untergebracht.

SO – Sporthalle mit städtebaulicher Wirkung

Die Gemeinde Messen hat auf dem Schulareal Bühl eine Doppelsporthalle erstellen lassen, die für Vereinsaktivitäten ebenso wie für den Schulsport genutzt werden kann. Die von Boegli Kramp Architekten aus Freiburg entworfene Halle gibt dem bestehenden Schulensemble zugleich einen klaren städtebau­li­chen Abschluss zum Dorfkern hin.

Sockelgeschoss wie auch Innenräume sind von Sichtbetonflächen bestimmt, während den aufliegenden Körper des Obergeschosses unterschiedlich breite, vertikale Holzlatten umhüllen. Entstanden ist ein Ensemble, das durch seine materielle Präzision, Kompromisslosigkeit und puristische Klarheit besticht.

TG – Teams aus Ingenieuren und Architekten 

Die Renaturierung und Aufwert­ung der Murgaue in Frauenfeld (vgl. TEC21 14/2016) ist ein landschafts­ge­stalterisches Projekt, wie es inter­dis­ziplinärer kaum sein kann: Neben Staufer & Hasler Architekten wirkten daran der Landschaftsarchitekt Martin Klauser aus Romans­horn, BHAteam Ingenieure und Fröh­lich Wasserbau sowie für die Brücken Conzett Bronzini Partner mit.

In Romanshorn am Bodensee befindet sich die denkmalgeschützte Werfthalle der SBS Schifffahrt AG. Den Bauingenieuren des Büros Planimpuls aus Kreuzlingen ist es gemeinsam mit dem Architekten Andreas Hermann, ebenfalls Kreuzlingen, gelungen, die Halle unter Wahrung ihres Denkmalrangs sensibel um 20 m zu verlängern und an die aktuellen Anforderungen anzupassen.

ZH – Hochspannung mit Kunst, aufpolierter International Style 

Ebenfalls zu den eher raren Technikbauten im Besichtigungsprogramm der Deutschschweiz zählt das von den Architektinnen Sabri­na Mehlan und Petra Meng von ­­illiz architekten für den Zürcher Energieversorger ewz errichtete Umspannwerk mit Netzstützpunkt in Zürich Oerlikon. Das durchgehende Lochmuster der schiefergrauen Zinkfassade bestimmt die Hülle des quaderförmigen Baus, doch diese homogene Aussenhaut lässt sich durch die Servicemitarbeiter der ewz auffalten.

An der Strassenseite besitzt das weitgehend unter­irdisch situierte Gebäude zudem eine grosse Öffnung, durch die man einen Blick in sein technisches ­Innenleben werfen kann – und auf die aus zahlreichen, teils bedruckten Spiegeln bestehende Installa­tion «Der gefangene Floh» des am Projekt beteiligten Künstlers Yves Netzhammer.

Und in Winterthur stellten sich Staufer & Hasler Architekten aus Frauenfeld der Aufgabe, das von Hans Weishaupt 1969/70 ­er­richtete, noch vom Inter­national Style geprägte Personalrestaurant der Axa-Versicherung technisch auf den heutigen Stand zu bringen und aufzufrischen. Dabei gelang es ihnen, die ursprünglichen Qualitäten des Baus wieder klar herauszuarbeiten.

Weitere Infos

SIA-TAGE 2016

Weitere Informationen und laufend aktualisierte Neuigkeiten zu den
SIA-Tagen 2016 finden sich auf der Web­seite www.sia-tage.ch.
Mit der App «SIA-JTG» können die Objekte nach verschiedenen Kriterien ausgewählt werden. Alle Objekte werden zudem in einer Gratisbroschüre präsentiert, die u. a. bei den Sektionen erhältlich ist.

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