Werte schaffen, Werte leben. Oder?

Gesamtleistungswettbewerb Neubau HSW, Basel

Die Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz möchte 2020 von der Peter Merian-Strasse beim Bahnhof Basel SBB auf das Dreispitz-Areal umziehen. Den sportlichen Gesamtleistungswettbewerb konnte das Team um E2A Architekten für sich entscheiden.

Jean-Pierre Wymann Architekt ETH SIA BSA

Die Hochschule für Wirtschaft (HSW) der Fachhochschule Nordwestschweiz gehört zu den grössten Wirtschaftshochschulen der Schweiz. Weil der Mietvertrag ausläuft und die Fläche knapp ist, will sie den Standort auf das Dreispitz-Areal im Süden der Stadt verlegen. Zukünftig sollen hier 1200 Studierende in Betriebsöko­nomie, Business Information Technology und International Business Management unterrichtet werden.

Die Christoph Merian Stiftung (CMS) als Eigentümerin wird die Parzelle dem Kanton Basel-Stadt im Baurecht abgeben. Schwierig ist die Form des rund 200 m langen, nur etwa 30 m schmalen Grundstücks. Durch eine geschickte Anordnung des Raumprogramms sollen dennoch Freiräume und Nachbarschaften mit neuen Qualitäten entstehen. Ebenfalls ambitiös ist der Zeithorizont: Bereits im Herbst 2020 will die HSW ihren Betrieb am neuen Standort aufnehmen. Gesucht wurde also nicht nur ein städtebaulich und architektonisch hochwertiger Beitrag, sondern auch ein Projekt, das den Termin- und Kostenrahmen einhält und wirtschaftlich im Betrieb ist.

Um dies zu erreichen, schrieb Immobilien Basel-Stadt (IBS) einen Gesamtleistungswettbewerb im se­lektiven Verfahren aus. Nur die fünf fittesten Teams konnten am Wettbewerb teilnehmen. Um die maximale Punktzahl zu erreichen, mussten die Architekturbüros mehr als 40 Vollzeitstellen und fünf Bildungs-, Verwaltungs- oder Hochschulbauten nachweisen, nicht älter als fünf Jahre, bei denen alle Teilleistungen vom Vorprojekt bis zur Realisierung erbracht wurden. Extrem eng waren die vorgegebenen Termine. Knapp vor den Sommerferien informierte man die teilnehmenden Teams, nach nur sieben Wochen Bearbeitungs­zeit mussten sie ihre Projekte inklusive Kosten abliefern.

Abgetreppter Riegel

Das Preisgericht empfahl einstimmig, dem Team von E2A Architekten den Zuschlag zu erteilen. Dessen Beitrag «Ideenwerkstatt» schafft zwei einladende Plätze an beiden Enden der Parzelle. Das zweigeschossige Gebäude an der Reinacherstrasse bleibt als Startup-Cluster mit Lokalkolorit erhalten. Von beiden Plätzen gelangt man in das hohe Foyer, das die ganze Südseite einnimmt und mit der Aula, den beiden Vorlesungssälen und der Bibliothek die öffentlichen Räume im Norden erschliesst.

Zwei skulptural ausgeformte Treppenhäuser mit mehrgeschossigen Lufträumen gliedern den Grundriss und schaffen eine visuelle Verbindung zwischen den Geschossen. Die grossen Räume mit viel Publikumsverkehr befinden sich im Erdgeschoss, dann folgen die Gruppenräume und die kleinen Büros ganz oben. Die Rücksprünge des zweiten und dritten Obergeschosses bieten in der beengten Situation zusätzliche, wertvolle Aussenräume. Das symmetrisch aufgebaute Tragwerk ist einfach ausgelegt und erlaubt eine hohe Flexibilität der Nutzung. Durch die Staffelung der Obergeschosse entstehen nicht nur attraktive Terrassen, sondern auch gut proportionierte Innenräume. Die gesamte Technik ist im Dachgeschoss untergebracht, sodass das Untergeschoss als Parkfläche und für die Nebenräume der Gastronomie zur Verfügung steht. Trotz dem überhohen Erdgeschoss und der grosszügigen vertikalen Erschliessung liegen die Kennwerte des Projekts im Mittelfeld der eingereichten Beiträge.

Schräge Schule

Auch der mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Entwurf «Zwischen Prag und Bordeaux» vom Team um Herzog & de Meuron schafft an den beiden Gebäudeenden gut bemessene Plätze. Von dort gelangt man über Treppen direkt zum Piano nobile in ein dreigeschossiges Atrium auf einer erhöhten Plattform. Das Erdgeschoss ist mit Unterrichtsräumen belegt, die über einen Mittelgang erschlossen sind. Durch diese nichtöffent­liche Nutzung schottet sich das Gebäude allerdings von der Prag- und Bordeauxstrasse ab, die die Parzelle im Norden und Süden begrenzen. Die Längsfassaden der Obergeschosse sind abgeschrägt und erinnern an das Gebäude des gleichen Büros  für die Stiftung Feltrinelli in Mailand (2013–2016). Leider überzeugen die innere Erschliessung und die Anordnung der Nutzung aus betrieblicher Sicht nicht. Das Atrium führt zu ungünstigen Proportionen der Seminarräume im 2. und 3. OG. Die Büros im 4. OG wiederum sind zu schmal und zu tief. Die Gebäudetechnik im Untergeschoss verringert den Platz für die Autoeinstellhalle und die Nebenräume der Gastro­nomie. Zudem ist die zweigeteilte Restauration mit Mensa und Cafeteria an den beiden Stirnseiten und losgelöst von den Hörsälen schwierig zu bewirtschaften.

Autarker Kubus

Der mit dem dritten Preis ausgezeichnete Beitrag «Economarium» vom Team mit der ARGE Luca Selva Architekten und Oester Pfenninger Architekten besetzt fast die ganze Parzelle. Der einfache Quader nimmt bewusst keinen Bezug zur heterogen bebauten Umgebung. Der grosse Fussabdruck führt dazu, dass an den Stirnseiten nur wenig Raum bleibt, um angemessene Empfangssituationen zu schaffen. Im Innern ist die Hochschule als Cluster von Strassen, Plätzen und Häusern konzipiert. Acht durchgehende Treppenhäuser mit vielen zusätzlichen Verbindungen zwischen den einzelnen Geschossen und zwei Aufzugsgruppen bieten vielfältige vertikale Bezüge, erschweren aber gleichzeitig die Orientierung erheblich. Das vorgeschlagene Grundrissraster führt zu schmalen Innenräumen und schränkt die Flexibilität der Nutzung ein. Dass Mensa und Cafeteria getrennt sind und die Gebäudetechnik im Untergeschoss untergebracht ist, ist auch bei diesem Ansatz nachteilig.

Tempo, Tempo!

Getreu dem Motto von Immobilien Basel-Stadt «Werte Schaffen. Werte leben.» hätte man ein Verfahren mit einer breiteren Lösungsvielfalt und ausgereifteren Beiträgen erwartet. Dies hätte aber ein wesentlich grös­seres Teilnehmerfeld und eine deutlich längere Bearbeitungszeit bedingt. Mit den restriktiven Vorgaben erstaunt es nicht, dass selbst hochqualifizierte Teams Mühe hatten, die anspruchsvolle Aufgabe in der notwendigen Tiefe zu bearbeiten. Das Preisgericht hat deshalb auf­fällig häufig betriebliche Mängel, mangelnde Flexibilität und ungünstig proportionierte Räume moniert.

Zum Glück war unter den Teilnehmern ein Team, das trotzdem einen überzeugenden Entwurf eingereicht hat. In der räumlichen Enge schafft es das Projekt «Ideenwerkstatt», spannende Freiräume in Form von Plätzen und Terrassen anzubieten. Ein geschickt gestaffeltes Gebäude ergibt gute Propor­tionen für grosse und kleine Innenräume. Das einfache Tragwerk und die Gebäudetechnik auf dem Dach halten die Grundrisse flexibel. Die beiden veritablen Treppenhäuser, die zum lichten Foyer im Erdgeschoss überzeugende vertikale Bezüge schaffen, sind das eigentliche Salz in der Suppe.

 

Lesen Sie auch den Bericht «Hochschullandschaft auf Gewerbeparzelle».

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Ideenwerkstatt»
E2A, Zürich; Polke Ziege von Moos, Zürich; Allreal, Zürich
2. Rang / 2. Preis: «Zwischen Prag und Bordeaux»
Herzog & de Meuron, Basel; Gruner Gruneko, Basel; HRS Real Estate, Zürich
3. Rang / 3. Preis: «Economarium»
Luca Selva Architekten, Basel, und Oester Pfenninger Architekten, Zürich; Balzer Ingenieure, Winterthur; Priora Arbeitsgemeinschaft Viertelkreis, Basel
4. Rang / 4. Preis: «StartUp»
Christ & Gantenbein, Basel; Amstein + Walthert, Bern; Losinger Marazzi, Basel
5. Rang / 5. Preis: «Thinktank»
Bauart, Bern; Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Erne Holzbau, Laufenburg

FachJury

Beat Aeberhard, Kantonsbaumeister Basel-Stadt (Vorsitz); David Leuthold, Architekt, Zürich; Meinrad Morger, Architekt, Basel; Rainer Klostermann, Architekt, Zürich; Daniel Wentzlaff, Architekt, Basel; Thomas Blanckarts, Leiter Hochbauamt Basel-Stadt (Ersatz)

Sachjury

Barbara Rentsch, Leiterin Portfolio­management IBS; Martin Weis, Leiter Liegenschaften CMS; Raymond Weisskopf, Vizepräsident FHNW; Christian Mehlisch, Leiter Verwaltungsvermögen, Portfoliomanagement IBS

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