Wege, Einblicke, Ausblicke

Neubau Kriminalabteilung der Stadtpolizei am Mühleweg, Zürich-West

Die Gesamtleistungsstudie zum Neubau des Polizeipostens Aussersihl ist entschieden. Zentrale Herausforderung war es, ihn in den Stadtraum einzubinden und zugleich hermetische Räume zu schaffen.

 

Hella Schindel Architektur, Redaktorin TEC21

Zu den Charakteristiken einer Polizeiwache zählt es, im Stadtbild sicht- und erkennbar zu sein. Zudem muss die Erschliessung für Mitarbeiter und Besucher, aber auch für Einsatzteams mit und ohne Straftäter auf möglichst einfache und geschützte Weise gewährleistet sein. Dazu kommen Ansprüche an die unmittelbare Einbindung in den Strassenverkehr bei gleichzeitig sicheren Transportwegen von Delinquenten ins Gebäudeinnere, möglichst ohne die Wege derer zu kreuzen, die zu einem der Büroarbeitsplätze unterwegs sind. Entsprechend der geforderten Sensibilität im Umgang mit der ­Privatsphäre von Opfern und Tätern ist die räumliche Ordnung im 24-Stunden-Betrieb streng geregelt. Bei der Planung einer Wache sind die Entflechtung der Wege innerhalb eines klar organisierten Gebäudes sowie ein stringentes Sicherheitskonzept zentrale Bauaufgaben.

Als eines von fünf Kommissariaten der Kriminalpolizei in Zürich benötigt der Posten in Aussersihl ein neues Gebäude. Bisher sind seine Abteilungen auf einzelne Flächen im Kasernenareal verteilt, die vom Kanton Zürich gemietet werden müssen. Um langfristig Mietkosten einzusparen, stellt die Stadt ein Grundstück in Zürich-West zur Verfügung, auf dem ein Gebäude für das gesamte Kommissariat entstehen soll. Mit der Nähe zum neuen Standort des Polizei- und Justizzentrums (PJZ) werden Synergien angestrebt, wie eine gemeinsame Nutzung personeller Ressourcen oder des dortigen Gefängnistrakts.

Weil die Mietverträge bereits auf Ende 2021 gekündigt worden sind, entschloss sich die Stadt, eine einstufige Gesamtleistungsstudie auszuloben, zu der fünf Büros eingeladen wurden. Um verbindliche Daten zu Kosten und Zeitrahmen zu erhalten, bildeten die Kandidaten Teams mit Generalplanern. Auf Kosten der Anonymität gab es im Lauf des Verfahrens die Möglichkeit, Rücksprache mit Auslobern und Bauherrschaft zu halten und so eventuelle planerische Sackgassen zu vermeiden.

Gefragt war ein Gebäude, in dem neben grossen Büroflächen für die Verwaltung noch ­Detektivbüros, Fahndungsdienste, Einvernahmezimmer und Arrestzellen sowie gesicherte Abstellplätze für Einsatzfahrzeuge Platz finden. Die Wegführung der Kommissariatsbesucher, die sich zum Teil in angespannten Situationen befinden, ist eine wesentliche Aufgabe. Die neuen Räume ­sollen Strukturen für den Umgang mit Tätern und Opfern nach aktuellem Standard ermögli­chen. Weitere Anforderungen an den Bau stellt die stadträumliche Situation: Zwischen Bahnviadukt mit begleitendem Fuss- und Radweg als westlicher Begrenzung, der viel befahrenen Förrlibuckstrasse im Süden und einem L-förmigen Bürokomplex gen Nordosten bestehen vielfältige Interpretations­möglichkeiten für die rund 4500 m2 grosse Fläche. Eine Integration in die umgebende Bebauung mit massiven Investorenbauten und dem prägnanten Toni-Areal gegenüber (vgl. TEC21 39/2014) ist eine gestalterische Herausforderung. Die städtebauliche Prägung der Freiflächen, ins­besondere die Erhaltung und möglichst sogar ­Aufwertung der auto­freien Fussgänger- und Radfahrerachse unter dem Viadukt, bedarf einer aufmerksamen  Formulierung des Baukörpers.

Leicht und elegant

Dies ist dem Entwurf «Investigation» von Penzel Valier vorbildlich gelungen. Das vergleichsweise kleine Volumen steht frei und ist allseitig gestaltet. Die Längsseiten sind jeweils leicht abgeknickt, sodass dynamische Aussenräume entstehen. Der ­Autoverkehr erreicht den Bau von der Rückseite her und führt an der unattraktiven, der Nachbarbe­bauung zugewandten Längsseite zu Parkbereichen im UG – der Bau wird von allen Seiten umflossen und ist Teil des Stadtraums.

Auch die Vertikale wurde aufmerksam gelöst: Mit zunehmender Höhe entfernt sie sich terras­senartig vom Viadukt. Den Bahnreisenden bietet sich ein differenzierter Anblick, zugleich macht der zunehmende Abstand das Gebäude schwerer einsehbar. Als Interpretation der umliegenden Fassaden ziehen sich geschossweise horizontale Bänder um die Fassade. Eine elegante Welle, im Innern als konkaves Element an den Brüstungen zum Atrium wiederholt, verleiht dem Volumen Leichtigkeit.

Der Eingang an der Förrlibuckstrasse wird durch auskragende obere Etagen betont und geschützt. Das Erdgeschoss ist als Hochparterre angelegt und von einem Winkel aus Sitzstufen gefasst, der sich in den Aufenthaltsbereich unter dem Viadukt hineinzieht. So wird die Gleichwertigkeit aller Fassaden betont – eine geschickte Lösung, die gleichzeitig einen Abstand und eine robuste Anbindung des öffentlichen Raums herstellt.

Mit dem Verschieben des Haupteingangs aus der Mitte der Südfassade nach rechts rückt auch die innere Erschliessung ganz an die Seite zum Nachbargebäude. Auf der attraktiven Seite zum Mühleweg entsteht so ein grossflächiger und halböffentlich nutzbarer Innenraum – die Planer schlagen eine Nutzung als Kriminalmuseum vor. Das ringförmige Erschliessungsprinzip und die aussen liegenden Büros bleiben über die Etagen gleich, während sich die innen liegenden Raumvo­lumen unregelmässig verringern und dabei ein vielfältiges Raumangebot schaffen. Zur vertikalen Orien­tierung und zur besseren Belichtung der Flure zieht sich ab dem 1. OG ein Atrium durch die Etagen, das in puncto Sicherheit und Brandschutz noch überarbeitet werden muss. Während die Büroräume im 2. bis 4. OG recht konventionell sind, lösen sich die Strukturen im deutlich schmaleren und kürzeren Dachgeschoss zugunsten einer kollektiv nutzbaren Arbeitsfläche auf. Als Surplus verläuft über die ganze Länge zum Bahndamm eine Dachterrasse.

Unerwünschte Reminiszenz

Am Beitrag «Rubin» von Bob Gysin + Partner Architekten lobt die Jury das flexible und über die Anforderungen hinausgehende Raum­angebot für Büroflächen. Dieser Vorzug geht allerdings auf Kosten der architektonischen Qualität des ­Baukörpers, der sich als viergeschossige Kammfigur unauffällig in die Umgebung einfügt. Der zweigeschossige Sockel ist wie die ab­schliessen­de sechste Etage leicht eingerückt und isoliert das grosse Volumen der Büroetagen von der Umgebung. Die dadurch gewonnene Aussenfläche wird locker mit Pappeln bepflanzt, die das Volumen zum Eisenbahnviadukt hin vertikal abgrenzen. Die vorgeschlagene Rhythmisierung der Fassaden durch stehende Betonrippen und horizontale ­Bänder weckt Assoziationen an die Bauten der 1960er-Jahre – und leider auch an vergitterte Fenster.

Schönes Innenleben

Das von Berrel Berrel Kräutler eingereichte Projekt «Förrlock Holmes» besteht aus zwei gegeneinander verschobenen Längsriegeln, die parallel zum Viadukt liegen. Das EG des in die Förrlibuckstrasse ragenden Balkens funktioniert als offener, aber geschützter Bereich vor dem Gebäudeeingang. Die gewünschte Verschränkung von öffentlichen und nach innen gewandten Flächen ist hier gelungen. Drei entwurfsprägende runde Oberlichter zwischen den beiden Versorgungskernen brechen im Innern das orthogonale Raster der Fassaden. So werden die grösseren Räume und Bereiche für Besprechungen, die im Gebäude vorgesehen sind, schön belichtet. Fast alle Büroräume ziehen sich an den Fassaden entlang und können modulartig zusammengeschaltet werden. Kritikpunkte der Jury waren die fehlende individuelle Gestaltung des Baukörpers und die schwache Einbindung ins Quartier.

Einfach und überzeugend

Der Entwurf von Penzel Valier ist zu Recht zur Weiterbearbeitung empfohlen. Neben der Lösung der anspruchsvollen Wegführung innerhalb und ausserhalb des Gebäudes entsteht ein eigenwilliger Baukörper, dessen städtebaulich einfühlsame Setzung überzeugt.

 

Weitere Informationen über den Neubau der Kriminalabteilung Stadtpolizei Mühleweg finden Sie unter der Rubrik Wettbewerbe.

 

Teilnehmer

«Investigation» (Weiterbearbeitung): Penzel Valier, Zürich; Erne Bauunternehmung, Frick; Beglinger + Bryan, Zürich; Gruner Gruneko, Basel; Hefti. Hess. Martignoni, St. Gallen

«Rubin»: Bob Gysin + Partner Architekten, Zürich; S + B Bau­management, Olten; Basler & Hofmann, Zürich; Vetschpartner Landschaftsarchitekten, Zürich; W + P Engineering, Zürich; Hefti. Hess. Martignoni, Zug; EK Energiekonzepte; Zürich

«Förrlock Holmes»: Berrel Berrel Kräutler, Zürich; Erne Holzbau, Stein; Projektleitung: Henning Schünke; Ulaga Partner, Basel; ASP Landschaftsarchitekten, Zürich; Amstein + Walthert, Zürich

«Tausendfüssler Blau»: Annette Gigon / Mike Guyer, Zürich; Anliker Generalunternehmung, Emmenbrücke; Schnetzer Puskas ­Inge­nieure, Zürich; Fontana Landschaftsarchitektur, Basel; Bakus Bauphysik & Akustik, Zürich; Ernst Basler / Partner, Zürich

«Einseinssieben»: Caruso St John Architects, Zürich; HRS Real Estate, Zürich; Ferrari Gartmann, Chur; Antón & Ghiggi Landschaft architektur, Zürich; Amstein + Walthert, Zürich; Gruner, Zürich; Lemon Consult, Zürich; SBIS Schweizerisches Büro für Integrale Sicherheit, Olten

Jury

Jeremy Hoskyn, Architekt, Amt für Hochbauten (Vorsitz), Zürich;
Julia Sulzer, Architektin, Amt für Städtebau, Zürich;
Franziska Manetsch, Architektin, Zürich;
Andy Senn, Architekt, St. Gallen;
Astrid Staufer, Architektin, Frauenfeld

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