«Was ist wichtig?»

Der SIA übernimmt die Leitung der Kooperation der digitalen ­Transformation des Planungs-, Bau und Immobilienwesens und will eine Basisdiskussion über die Digitalisierung. Dies hat SIA-Geschäftsführer Joris Van Wezemael am Schweizer BIM-Kongress 2018 eröffnet.

Rahel Uster Redaktorin im Team Kommunikation des SIA

Der BIM-Kongress am 8. und 9. November 2018 ging am Freitagmorgen im Panel «Netzwerk Digital – Anwendungshilfen für die Praxis» auf die Arbeit des Netzwerk Digital Schweiz ein, das sich für die übergreifende Digitalisierung im Planungs-, Bau- und Immobilienwesen stark macht. Das Netzwerk wird von folgenden Akteuren getragen: Schweize­rische Zentralstelle für Baurationalisierung (CRB), Bauen Digital Schweiz, Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren (KBOB), Interessengemeinschaft privater pro­fes­­sio­nel­ler Bauherren (IPB) und SIA. Ziel des Netzwerks ist die koordinierte ­Umsetzung der ­Di­gi­talisierung im Schweizer Bau­wesen unter Be­rücksichti­gung inter­na­tionaler Nor­men. Kurz: Es ist die Koordinationsstelle zur digita­len Transformation.

SIA übernimmt die Leitung

«Die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure ist die wichtigste Voraussetzung für die Wertschöpfungskette», stimmte Michael Bohren, Direktor von CRB, die Kongress­teilnehmer auf das Thema ein. «Das Netzwerk Digital will die Geschäftsstelle schlagkräftiger aufstellen. Der SIA hat angeboten, ­diese Aufgabe zu übernehmen. Aus verschiedenen Überlegungen kam der Vorstand des Netzwerks Digital zu dem Schluss, dass seine Geschäftsstelle beim SIA an einem sinnvollen Ort angesiedelt ist. Der SIA spielt eine wichtige ­Rolle – und richtet den Blick nach vorn», meinte Bohren und übergab dem neuen SIA-Geschäftsführer ­Joris Van ­Wezemael das Wort. «Der SIA verfolgt eine Vorwärtsstrategie in der Digitalisierung. Diesen Entschluss hat der Vorstand gefasst. Der SIA übernimmt die Leitung in der digitalen Transformation aller Bereiche des Bauwesens und wird sie koor­di­nieren», fasste Van Weze­mael ­zusammen.

Was ist neu?

Der SIA habe in den vergangenen Jahren zwar viel bezüglich Digitalisierung gemacht. Zu nennen wäre hier ­beispielsweise das Merkblatt SIA 2051 Building Information ­Modelling (BIM) – Grundlagen zur Anwendung der BIM-Methode. ­Dennoch habe der SIA nicht die ­Rolle gespielt, die die ­Branche zu Recht von ihm er­wartet habe, meinte Van Weze­mael. Dem SIA habe eine strin­­gente Digitali­sierungsstrate­gie ­gefehlt. Nun melde sich der SIA ­zurück und über­nehme Verant­­­wortung für die Entwicklung der ­Branche.

Soll die Digitalisierung Durchschlagkraft haben, dann müsse sie auf einer neuen Form von ­Zusammenarbeit fussen. «Im Prozess der Digitalisierung müssen die Akteure kooperieren. Wir müssen lernen, anders zusammenzuarbeiten als bisher», führte Van Wezemael weiter aus. «Für den SIA bedeutet es auch, dass er Kräfte bündeln muss. Da die personellen Ressourcen innerhalb des SIA für ein Themen­gebiet klein sind und sich in den Kommissionen stets dieselben Leute mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzen, müssen zwischen den verschiedenen Akteuren Synergien genutzt werden.»

Die Zeit drängt

Dass die Zeit in der Digitalisierung drängt, sind wir uns immer noch nicht so recht bewusst – wir tun uns mit der Vorstellung einer expo­nentiell verlaufenden Entwicklung schwer. «Die grösste Unzulänglichkeit des Menschen ist unsere Un­fähigkeit, die Exponentialfunktion zu begreifen», zitierte Van Weze­mael den US-amerikanischen Physiker Albert Allen Bartlett. «Dem Moor’-schen Gesetz zufolge hat sich seit 1965 etwa alle eineinhalb Jahre die Rechenleistung unserer Computer verdoppelt. Das heisst, bis heute ­bereits etwa 35-mal. Im gleichen ­Tempo schreitet die Informationstechnologie voran», so Van Weze­mael. Veranschaulichen lässt sich die Dringlichkeit mit dem Wachstum von Seerosen in einem Teich. Sie verdoppeln innerhalb eines ­Tages ihren Bestand. Betrachten wir den Teich, wenn er zur Hälfte mit Seerosen übersät ist, ist uns nicht bewusst, dass er am nächsten Tag bereits zugewachsen sein wird. Überrumpelt sind am darauffol­genden Tag jene, die sich diese Entwicklung nicht vorstellen konnten.

«Die Informationstechno­logie durchdringt und beeinflusst unser gesamtes menschliches Dasein», meinte Van Wezemael. «Unser gesamtes Leben ist einem immer rapideren Wandel unterzogen.» Die Architekten und die Ingenieure sind diejenigen, die – wenn sie vorausschauend sind – die Bühne für dieses sich rasant ändernde Leben erdenken und gestalten können. ­Deshalb ist es unerlässlich, dass der SIA als Verein der Schweizer Planenden die Leitung der Kooperation im Transformationsprozess übernimmt.

Aber nicht nur deshalb: Normen und Ordnungen im Bauwesen sind das Hauptgeschäft des SIA. Für die Umsetzung der Europäischen Normen ist der SIA verantwortlich. Daher ist es einleuchtend, dass der SIA die Leitung der Kooperation und die ­Koordination in der Standardisierung und Normierung, aber auch darüber hinaus im Bereich Digi­ta­lisierung des Planungs-, Bau- und Immobilienwesens übernimmt.

Zentrale Rolle von ­Standards und Normen

Dieser Digitalisierungsprozess gehe weit über BIM hinaus. Die Digitali­sierung stelle die Branche vor grosse Herausforderungen, die nur gemeinsam und koordiniert bewältigt ­werden könnten. Deshalb würden Standards und Normen eine zen­­tra­le Rolle ­einnehmen, um eine gemeinsame Verständigung zu schaffen, so Van Wezemael.

Die Nationale Normierung sei dabei, sich mit den internatio­nalen Normierungsaktivitäten vom Europäischen Komitee für Normierung (CEN) und der Internationalen Organisation für Normung (ISO) ­abzustimmen. Daher sei ein Blick über die Landesgrenze hinaus unabdingbar, denn die Schweiz ist ­verpflichtet, europäische Normen (EN) zu übernehmen. Ausserdem würde in den kommenden Jahren die Normierung der BIM-Methode prospektiv durch CEN und ISO ­vorangetrieben, um den Fortschritt aktiv zu fördern. Dies sei ein deutlicher Bruch mit der Tradition, da bis anhin retrospektiv normiert wurde.

Die Digitalisierung verän­dere massgeblich Prozesse und ­werde auch den Bereich tangieren, in dem es um Qualitatives, Narratives, ­Bedeutung und Interpretation gehe – etwa um die Fragen «Was will der Bauherr mit seinem Haus zeigen, erleben, welche Geschichte will er oder sie erzählen?». Die Ordnungskommissionen würden eine Standortbestimmung machen und etwa die SIA-Wettbewerbstradition bewusst in eine digitale Zukunft fortschreiben müssen.

Koordination bestehender Ressourcen

Die federführenden Schweizer Organisationen sind nun gefordert, die nötigen Normen und Standards für die digitale Transformation zu ­erarbeiten. Dies in enger Abstimmung mit den Kommissionen und Tätigkeiten des CEN und der ISO. Dazu existieren bereits Struk­turen in Form von CH-­Be­gleit­kommissionen, die je nach The­men­gebiet die internationale Normierung verfolgen und natio­nale In­­te­ressen vertreten. «Es gilt nun die bestehenden Ressourcen zu ­nutzen, wo nötig auszubauen und zu koordinieren, damit dies gelingt. Wo die Handlungsfähigkeit noch fehlt, soll sie hergestellt werden», sagte Van Wezemael.

So solle im Gebiet der Geomatik – der geografischen Infor­ma­tionen, die ebenfalls Teil der Di­­gi­tali­sierung seien – die nötige Struktur aufgebaut werden, damit die Schweiz ihre Vorreiterrolle im Feld der Geografischen Infor­ma­tions­systeme (GIS) sichern könne.

Gestaltung und Technik

Die Digitalisierung betrifft auch die Aus- und Weiterbildung, Lehre und Forschung. Wie werden die Berufsbilder von Ingenieuren und Architekten mit zunehmender Digitalisierung aussehen? Auch hier wird der SIA in Zusammenarbeit mit den Partnern im Netzwerk Digital und mit den Planenden gefordert sein, die Fähigkeiten, die nur der Mensch besitzt – nämlich etwas Sinn und Bedeutung zu verleihen, seinen Wohn- und Lebensraum zu gestalten und damit Kultur zu schaffen –, im Berufsbild so zu verankern, dass sich die Qualitäten der Planenden mit der Technik sinnvoll kombinieren lassen.

Selbstbestimmtheit und Konkurrenzfähigkeit

Warum ist es wichtig, dass der SIA Verantwortung übernimmt? Letztlich geht es um die Selbstbestimmtheit des Schweizer Planungs-, Bau- und Immobilienwesens und um seine Konkurrenzfähigkeit im internationalen Umfeld. Hierzu ist die Zusammenarbeit aller wichtigen Schweizer Akteure nötig, das Gärtchendenken und Verfolgen kurzfristiger individueller Nutzen nicht zielführend. «Was ist wichtig?» ist die Frage der Stunde. Das gesetzte Ziel soll gemeinsam verfolgt werden.
 

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