Verdichten heisst nicht, den Bebauungsindex erhöhen

Editorial aus Archi 4/2015

«...Eine Stadt muss ihren Menschen Sicherheit und Glück zugleich bieten.» (Camillo Sitte, 1889)

Die grossen, an den Ecken geöffneten Türen geben den Blick frei auf die besondere Höhe des Erdgeschosses in dem von Müller Sigrist Architekten geplanten Block im Züricher Stadtviertel Aussersihl. Im Innenraum des Gebäudes in der Kalkbreitestrasse befindet sich ein Depot der blauen Strassenbahnen, denen man sonst auf den Strassen der Stadt begegnet. Das Flachdach des Depots bildet einen grossen offenen Innenhof, um den herum andere Betriebe und Wohnungen auf verschiedenen Höhen liegen. Dieser Hof befindet sich mitten in der Stadt, ist aber vor Lärm geschützt und so ausgestaltet, dass die Bewohner aller Altersgruppen, die sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben, ihn intensiv erleben können.

Ein Teil der Wohnungen, die alle unterschiedlich gross sind, ist als Cluster organisiert. Dabei handelt es sich um Gruppen von Einzimmerwohnungen mit Kochecke, die um gemeinschaftliche Wohn- und Essbereiche herum angeordnet sind. Dies ist eine moderne Form des Cohousing, in der ältere und jüngere Menschen zusammenleben. Der Kalkbreitebau hat die Komplexität der Stadt, die auf die Überlagerung verschiedener Aktivitäten und ihrer Wechselwirkungen sowie die Präsenz unterschiedlicher Generationen zurückgeht, erhöht. Auch das aus logistischen Gründen im Stadtzentrum untergebrachte Strassenbahndepot wurde verwendet, um «Stadt zu machen».

Kalkbreite ist aufgrund des ungewöhnlichen Erscheinungsbilds ein Ausnahmefall, aber die anderen in diesem Archi-Heft vorgestellten Fälle sind im Hinblick auf die gesellschaftlichen Ziele und die räumliche Wirkung genauso vorbildhaft. Kraftwerk 2 von Adrian Streich Architekten liegt im Züricher Quartier Höngg. Es handelt sich um ebenfalls um einen genossenschaftlichen Bau, der von der Terrasse commune geprägt wird. Sie verbindet alle Stockwerke und Wohneinheiten miteinander. Die Schlafzimmer liegen im hinteren Bereich.

Das Hunziker-Areal von Duplex Architekten in Zürich-Leutschenbach ist ein echtes Stück Stadt. Es besteht aus dreizehn genossenschaftlich gebauten Gebäuden mit Wohneinheiten, Kindergarten, Restaurants und Ateliers. Hier sind die Cluster-Wohneinheiten Satelliten eines grossen gemeinschaftlichen Bereichs. Die städtische Blockstruktur wird durch die Grösse der Innenräume aufgegriffen. So wird die Differenz zwischen geschützten Privaträumen und offenen gemeinschaftlichen Räumen aufgelöst.

Der Lieu intergénérationnel von Dar Architectes in Genf-Meinier bietet eine Begegnung zwischen alten und jungen Menschen in einem kleineren Rahmen, der dem kleineren Ort entspricht. Das Thema ist klar: Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung nimmt aufgrund der höheren Lebenserwartung und der geringeren Geburtenrate stetig zu. Im Kanton Tessin sind bis zu 30% des Gebäudebestands Einfamilienhäuser, die jedoch zu 40% von Menschen über 65 Jahren bewohnt werden. Dort werden Menschen so von der Gesellschaft isoliert, dass ein Umzug in ein Seniorenheim die einzige Lösung ist.

Die in diesem Heft vorgestellten Beispiele zeigen einen anderen Weg auf: eine Wohnpolitik, die das garantiert, was Giovanni Bolzani als «hohen Wert des aktiven Alterns» bezeichnet. Dazu dienen vielfältig zusammengesetztes, gemeinschaftliches Wohnen, durchmischte Wohnräume für alle Generationen, zusammen mit Angeboten im Bereich Bildung, Handel und Kultur, durch die neue und experimentelle Formen eines solidarischen Gemeinwesens rekonstruiert werden, die seit Jahrzehnten durch die Zersiedelung beeinträchtigt werden.

Den Städten Zürich und Genf ist es gelungen, die «Rückkehr in die Stadt» durch verdichtete Wohnlösungen zu fördern, in denen private Wohnräume und gemeinsame soziale Aktivitäten unter einem Dach untergebracht werden. In diesen Städten wohnt ein Grossteil der Einwohner zur Miete, während im Tessin bezüglich des privaten Charakters des eigenen Heims eine andere Mentalität vorherrscht. Aber im Tessin sollte die objektiv schwierigere Situation die Kreativität für eine innovative soziale und räumliche Planung von Wohnlösungen beflügeln.

Die «Verdichtung» ist in aller Munde, sie kann jedoch sicherlich nicht nur durch Erhöhung der Bebauungsindexe erzielt werden. Wenn die Wohnkultur und die entsprechende räumliche Planung unverändert bleiben, führt die Erhöhung der Bebauungsindexe zu paradoxen Katastrophen, da alleinstehende Einfamilienhäuser aneinander angenähert werden und sich die Anzahl der Stockwerke neuer Gebäude so erhöht, dass die bereits fehlenden öffentlichen Räume vollkommen vernichtet werden.

Eine rein quantitativ erhöhte Dichte verändert die sozialen Beziehungen nicht, kann jedoch die äusseren Bedingungen verschärfen. Die Zersiedelung und ihre Gründe müssen anerkannt werden. In den Zwischenräumen und den noch freien Bereichen müssen öffentliche Räume und neue Gebäude geschaffen werden, die komplexe und überzeugende Wohnalternativen bieten. Paradoxerweise erscheint sich die Umsetzung in den kleineren Kommunen, in denen Kommunalpolitiker und Experten sich des besonderen Charakters ihres Gebiets bewusst sind und Massnahmen einfacher umsetzen können als in den Städten, einfacher zu gestalten.

Ein Beispiel ist die Kommune Coldrerio: Sie hat einen Wettbewerb ausgelobt, um auf einem Grundstück im Dorfzentrum einen Komplex zu errichten, der ein Seniorenheim, eine Kindertagesstätte, Unterrichtsräume, Handelsflächen, Wohnungen und eine Bibliothek beinhalten soll. So wird ein intergenerationelles Quartier geschaffen.

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