Verbindend oder identitätsstiftend

Ersatzneubauten für die Zentren für Alterspsychiatrie- und Krisenintervention (Baselland)

Die Psychiatrie Baselland will ihren Campus in Liestal um zwei Gebäude für Alterspsychiatrie und Krisenintervention erweitern. Eine schwierige Aufgabe in einem anspruchsvollen Gelände mit sperrigem Bestand.

Jean-Pierre Wymann Architekt ETH SIA BSA, Mitglied der Wettbewerbskommission des SIA

Mit vielfältigen Ange­bo­ten für Erwachsene und Jugend­liche erfüllt die Psychiatrie Baselland eine wichtige gesellschaft­liche Funktion. Sie ist auf mehrere Standorte aufgeteilt – der grösste befindet sich in Liestal – und beschäftigt rund 1000 Mitarbeitende. Als Grundlage für die zukünftige Planung wur­de der Masterplan Campus Lies­tal entwickelt.

Der Gebäudebestand ver­ursacht immer mehr Kosten für ­Unterhalt und Betrieb, und viele Raum­strukturen eignen sich nicht für eine zeitgemässe und zukunftsgerichtete psychiatrische Betreuung. Deshalb sollen alte und sanierungsbedürftige ­Gebäude durch neue ersetzt werden. Sanierungsbedürftig sind insbesondere das Haus B mit dem Zentrum für Alterspsychiatrie (ZAP) und das Haus D mit dem Zent­rum für Krisenintervention (ZKI). Für beide Nutzungen sollen Ersatzneubauten in den Bereichen «Im Wald» für die Alterspsychiatrie und «Am Hügel» für die Krisenin­tervention erstellt werden.

Beide Bereiche schliessen im Westen der Anlage an das Haus B von Burck­hardt + Partner aus dem Jahr 1970 an, das Zentrum der gesamten Anlage. Der grosse Sockel beinhaltet die Infrastrukturzentrale. Von hier aus werden die übrigen Gebäude mit Essen, Wäsche und Energie ­versorgt. Im Erdgeschoss befindet sich das Personalrestaurant mit der Cafe­teria. Auf dem Sockel sitzt ein Turm mit Psychiatrieabteilungen, die ­wegen der ungünstigen Raum­struktur zu Büros und Tagesstrukturen umgebaut werden sollen.

Für die Erweiterung schrieb die Psychiatrie Baselland einen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren aus. Teilnahmeberechtigt waren Planerteams aus den Bereichen Architektur, Gesamtleitung/Bauleitung und Landschaftsarchitektur. Von den 42 eingereichten Bewerbungen lud die Jury 12 Teams zum Projektwettbewerb ein. Anspruchsvoll war die Aufgabe wegen der schwierigen Topografie und der unterirdischen Verbindungen für die Infrastruktur mit dem bestehenden Haus B.

Verbindend

Die Jury empfiehlt einstimmig den Beitrag «Forel» von Burkhard Meyer Architekten zur Weiterbearbeitung. Die Grundrisse der beiden Zentren für Krisenintervention und Alters­psychiatrie basieren auf auf ähnlichen Dispositionen. Sie gruppieren sich in beiden Gebäuden um drei Innenhöfe. Geschickt werden zwei Halbgruppen um je einen Innenhof angeordnet, während die zudienenden Räume den dritten Innenhof umschliessen. Sie können vom Patientenbereich abgetrennt werden, so ist die Abteilung nachts einfacher zu überwachen. Im Zentrum befindet sich das Stationsbüro. Die Grundrisse sind einbündig organisiert, alle Räume orientieren sich gegen aussen.

Die natürlich belichteten Gänge um die Höfe sind von hoher Aufenthaltsqualität. Sie weiten sich immer wieder zu Begegnungszonen aus und münden in Gemeinschaftsräume, die an den Ecken der Gebäude den Bezug zur Umgebung herstellen. Die Eingänge zu den Zimmern befinden sich in Nischen und werden so akzentuiert.

Das Zentrum für Krisenintervention liegt auf einer Hügelkuppe und schliesst als zweigeschossiger Flachbau an das Haus B an. Es sitzt auf einer Stützmauer, ein Geschoss über dem neuen Dachgarten des bestehenden Nachbargebäudes. Neubau und Bestand sind auf verschiedenen Ebenen miteinander verbunden. Eine Rampe zur Bienentalstrasse verbindet das Erdgeschoss des Gebäudes B mit dem Neubau für die Alterspsychiatrie, das auf der anderen Seite der Strasse Im Waldrand liegt. Im Erdgeschoss befinden sich dort das Ambulato­rium und die Therapie­räume, in den Obergeschossen jeweils eine Abteilung. Der Dachgarten mit Heil- und Duftpflanzen bietet einen willkommenen zusätzlichen Bereich für den Aufenthalt im Freien.

In den offenen Wiesenflächen stehen grössere und dichte Baum­gruppen. Hainbuchhecken schützen die ­Privatsphäre der Patien­ten des Zentrums für Kriseninterventionen. Der bestehende Wald wird so auf vielfältige Weise mit Garten und Park zu einem ­grosszügigen Parkwald verbunden. Sowohl die Aus­sen- als auch die ­Innenräume über­zeugen mit einer einheitlichen Gestaltung und gehen doch mit spezifischen Modifikationen auf die unterschiedlichen Anforderungen der beiden Bereiche Krisenintervention und Alterspsychiatrie ein.

Identitätsstiftend

Auch der Beitrag «Transitions» von Burckhardt + Partner nimmt die orthogonale Ausrichtung des Bestands auf, setzt sich aber gleichzeitig mit einer expressiven Holzfassade von ihm ab. Vor den Fenstern ist als ­Sonnenschutz eine Schicht aus Holzrollläden angeordnet, die für das Zentrum für Krisenintervention zusätzlich mit Pflanztrögen ausgestattet ist. Diese Schicht, auf die auch der Projektname «Transitions» anspielt, formuliert nicht nur eine Übergangszone von innen nach ­aus­sen, sondern dient auch Reinigungs- und Wartungsarbeiten.

Im Gegensatz zu den Fassaden sind die Grundrisse der beiden Zentren ganz unterschiedlich ausgebildet. Das Gebäude für die Krisenintervention ist zweigeschossig angelegt und schwebt über dem ­Hügel, sodass die Topografie weitgehend unberührt bleibt. In diesem gedeckten Raum unter dem Gebäude befinden sich ein kleines Parkhaus und ein Aufenthaltsbereich, von dem eine attraktive Aussenraumverbindung von Westen nach Osten führt. Der Neubau für die Alterspsychia­trie ist ein fünfgeschossiger kompakter Baukörper, der die Räume zweibündig um die beiden Innen­höfe gruppiert. Innenräumlich wirkt das Gebäude beengend und unübersichtlich. Die beiden Höfe sind zu klein dimensioniert, um die angrenzenden Räume ausreichend zu belichten. Positiv bewertet die Jury die Aufent­haltsqualität der Zimmer und Gemeinschaftsräume.

«Transitions» überzeugt durch die einfachen Baukörper, die sensible Einbettung in das Gelände und die betriebliche Verknüpfung mit dem Bestand. Die Fassade verspricht wohnliche Innenräume für die Bewohner und weist viel Potenzial als «identitätsstiftendes Erkennungsbild der Psychiatrie Baselland» auf. Aus der Poleposition mit einer überzeugenden Gebäudehülle gestartet, fällt das Konzept wegen der innenräumlichen Defizite beim Gebäude für Alterspsychiatrie am Schluss doch deutlich ab.

Selbstverständlich

Gewonnen hat mit dem Beitrag ­«Forel» ein Entwurf, der auf die komplexe Situation mit einer schlüssigen integrativen Strategie antwortet. Alt und Neu stehen gleichberechtigt ­nebeneinander und verbinden sich ganz selbstverständlich. Innenräumlich wartet der Beitrag mit einem überraschenden Konzept auf. Die noch etwas schematisch dargestellten Fassaden ordnen sich gut in den Bestand ein. Alles an ­diesem Projekt ist solid: Städtebau, Grundrisse, Schnitte und Fassaden. Eine stille Architektur, deren Qualität erst nach und nach zum Vorschein kommt, um dann umso mehr zu überzeugen.

 

Weitere Informationen finden Sie unter der Rubrik Wettbewerbe.

 

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Forel»
Burkhard Meyer Architekten, Baden

2. Rang / 2. Preis: «Transitions»
Burckhardt + Partner, Basel

3. Rang / 3. Preis: «Der Weg entsteht im Gehen»
ARGE Meier Leder Architekten, Aeschlimann Hasler Partner Architekten, Baden

4. Rang / 4. Preis: «Zapzizki»
ds.architekten, Base

Organisation

Proplaning Architekten

Fachjury

Jürg Berrel, Architekt (Jury­präsident); Marco Frigerio, Architekt, Kantonsarchitekt BL; Hanspeter Müller, Architekt; Christoph Gschwind, Architekt; August Künzel, Landschaftsarchitekt

Sachjury

Hans-Peter Ulmann, CEO PBL; Fabian Keller, Leiter Betrieb PBL, Stv. CEO PBL; Prof. Dr. med. Joachim Küchenhoff, Direktor Erwachsenenpsychiatrie PBL; Elena Seidel, Direktorin Pflege PBL

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