Ungewohnt unkämpferisch

Die Hauptausstellung der Architekturbiennale Venedig 2018 polarisiert. Die Ausstellungsbauten sind ins beste Licht gerückt, und viele Exponate fallen durch ihre Schönheit auf. Doch die Konzentration auf ästhetische Fragen führt stellenweise zu einer gewissen Belanglosigkeit.

Judit Solt Fachjournalistin BR, Chefredaktorin TEC21

Die Kuratorinnen der Architekturbiennale 2018 in Venedig, Yvonne Farrell und Shelley McNamara, haben die Veranstaltung unter das Motto «Freespace» gestellt. Das szenografische Konzept für die Hauptausstellung wurzelt in ihrem Selbstverständnis als Entwurfsarchitektinnen: Die Bauten, in denen die Schau stattfindet, interpretieren sie als den Kontext ihres Eingriffs, den Eingriff selbst als eine Antwort auf diesen Kontext.

Tatsächlich kann man die wichtigsten Biennale-Bauten – die Corderie und die Artiglerie im Arsenale sowie der Hauptpavillon in den Giardini – dieses Jahr so direkt erleben wie schon lang nicht mehr. Die Kuratorinnen räumten sie frei, entfernten Einbauten und enthüllten die historische Bausubstanz. In den endlos langen, von Säulen und Öffnungen rhythmisierten Räumen der Corderie ist das Zusammenspiel von Licht und Baukörper besonders eindrücklich: Die Exponate sind hinter den Säulen in den Seitenschiffen aufgereiht, während der mittlere Gang offen bleibt. Aber auch der Hauptpavillon erscheint mit seinem grossen Oberlicht ungewohnt hell und luftig, und die reich verzierte Kuppel im Eingangsraum kommt wieder zur Geltung.

Im Gegensatz zu dieser formalen Stärke erscheint die inhaltliche Aussage der Ausstellung etwas unbestimmt. Die thematische Relevanz wird sehr unterschiedlich beurteilt, was angesichts der sehr vagen – und meist ohnehin nicht spürbaren – politischen Botschaft zunächst erstaunlich erscheint. Doch die Polarisierung findet nicht auf der Ebene der Aussagen statt; sie ist im Kontrast zwischen formaler Stringenz und inhaltlicher Unbestimmtheit begründet. 

Nabelschau der Kreativen

Nicht nur die Ausstellungsräume selbst, auch die Beiträge der Exponenten aus aller Welt, die Farrell und McNamara eingeladen haben, zeichnen sich durch einen ausgesprochen «architektonischen» Zugang aus. Das Objekt herrscht vor, dargestellt in Zeichnungen, Präsentationsplänen, kunstvollen Fotos, handwerklich perfekten Modellen, Installationen und Mock-ups. Erdige Töne und natürliche Materialien wie Backstein, Holz und Textilien dominieren. Die Exponate laden zum Studium ein und erzeugen ein harmonisches Gesamtbild. Die Stimmung ist ruhig, konzentriert und gepflegt.

Diese Konzentration auf die Gestaltung hat allerdings zur Folge, dass die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Dimensionen der Architektur kaum zur Sprache kommen. Als Vorbereitung für die Ausstellung haben die Kuratorinnen ein Manifest vorgelegt, in dem sie den Begriff «Freespace» definieren. Der Fokus liegt dabei auf sehr allgemeinen gestalterischen Themen wie räumliche Grosszügigkeit, Sinnlichkeit, Haptik, Materialisierung. Einige Teilnehmende verknüpfen die von den Kuratorinnen angesprochene Freiheit nicht mit den Produkten ihrer Architektur – zum Beispiel mit physischen Räumen, die den Menschen Freiheiten eröffnen –, sondern mit dem Prozess von deren Entstehung: Sie erforschen ihren eigenen, persönlichen Umgang mit den geistigen Freiräumen des Entwerfens.

Das ist zwar spannend, aber auf die Dauer wirkt die Aneinanderreihung so ausschliesslich selbstreferenzieller Darstellungen irritierend. Gibt es wirklich keine wichtigeren Themen für eine internationale Schau als das Kreisen um die eigene Kreativität? Nur einzelne Teilnehmende haben die Stichworte «demokratisch» und «unprogrammiert» aufgegriffen, die im Manifest durchaus auch enthalten waren, und sich ernsthaft die Frage gestellt, welchen gesellschaftlichen Beitrag ihre Architektur leisten könne.

Objektbezogene Beiträge

Die Schweiz ist in der Hauptausstellung sehr präsent, vertreten vor allem durch Exponenten der Accademia di Architettura di Mendrisio, an der auch die beiden Kuratorinnen lehren. Gerade bei diesen Beiträgen ist die Aufmerksamkeit für das Objekt und dessen Konstruktion augenfällig. 

Einige eröffnen zwar grössere Denkräume. «Reuse, Black Yellow Red» von Elisabeth und Martin Boesch beispielsweise verweist auf die Notwendigkeit, jeden baulichen Eingriff als historisch eingebetteten baukulturellen Beitrag zu begreifen; der Film von Sergison Bates Architects über den Zusammenhang von Forschung und Baupraxis enthält vielschichtige Gedanken (denen zu folgen vor dem akustischen Hintergrund im Arsenal allerdings schwierig ist); und wenn Aurelio Galfetti die Aufzeichnung eines Vortrags zeigt, in dem er die Entstehung seines Ferienhauses in Griechenland erläutert, knüpft er dies immerhin an allgemeine Überlegungen zum Kontext. 

Andere Installationen dagegen lassen ratlos zurück. Unklar bleibt zum Beispiel, was Mario Botta mit den studentischen Arbeiten, die er in einer eigens gebauten Folly präsentiert, eigentlich vermitteln will. Ebenso sind die als Palimpseste gestalteten Pläne des Schulhauses in Thal von Angela Deuber zwar grafisch attraktiv, aber wenig aufschlussreich. Peter Zumthor zeigt im Hauptpavillon einige Präsentationsmodelle von Projekten der letzten drei Jahrzehnte – eine schöne Darstellung seines Schaffens, die jedoch genauso gut anderswo zu sehen sein könnte. Valerio Olgiati wiederum kontrastiert mit einer Installation aus glatten weissen Zylindern die patinierten Säulen des Arsenals.

Als einer von wenigen Ausstellern geht Gion A. Caminada auf die volle Dimension des Begriffs Freespace ein: Anhand der Entwicklung von Vrin seit den 1980er-Jahren exemplifiziert er am konkreten Beispiel, wie man mit kleinen, aber präzisen materiellen Eingriffen grosse immaterielle Wirkungen erzielen und neue Freiheiten für die Zukunft schaffen kann.
 

Weitere Artikel zur 16. Architekturbiennale Venedig finden Sie hier.

Folgende Architektinnen und Architekten mit Büros in der Schweiz sind an der Hauptausstellung präsent: Michele Arnaboldi, Mario Botta, Bearth & Deplazes, Elisabeth & Martin Boesch, Burkhalter Sumi, Gion A. Caminada, Caruso St John, Angela Deuber, Aurelio Galfetti, Miller & Maranta, Valerio Olgiati, Sergison Bates und Peter Zumthor.​

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