SIA: Echo auf die Charta «Faire Honorare»

Ende Februar 2015 hat der SIA die Charta «Faire Honorare für kompetente Leistungen» an seine Mitglieder verschickt. Die grosse Resonanz übertraf die Erwartungen der Initiatoren und legt es nah, nun weitere Massnahmen folgen zu lassen.

Der SIA war mit einem klaren Ziel in die Kampagne gestartet: Es geht darum, die Branche für das Thema faire Honorare zu sensibilisieren. Welche Reaktionen den Verein nach dem Versand der Charta erwarteten, war jedoch ungewiss – vom Worst Case «keine Rückmeldungen» bis zum Anstossen einer differenzierten Diskussion war alles denkbar. 

Rückblickend zahlte sich die Entscheidung aus, die Charta nicht nur – wie es die Partnerverbände ­taten – zu verschicken, sondern die Mitglieder auch um unterzeichnete Rücksendung zu bitten. Dadurch konnte sich der SIA über ein reges Echo und zahlreiche briefliche Statements der Basis zum Thema freuen: Bis Mitte Juni sind 2596 unterzeichnete Chartas eingetroffen, 2112 kamen von Einzel- und 375 von Firmen­mitgliedern. (Die Differenz zum Gesamttotal setzt sich zusammen aus den erhaltenen Unterschriften des SIA-Vorstands, der Studierenden und der Nichtmitglieder.)

Bei rund 16.000 Mitgliedern ist das, gemessen an der kurzen Zeit seit Anlaufen der Kampagne, ein beträchtlicher Rücklauf. Ein erster, wichtiger Schritt ist damit getan: Die SIA-Mitglieder stehen gemeinsam für faire Honorare und in Konsequenz für die gesellschaftliche Wertschätzung ihrer Dienstleistungen ein. 

Rückmeldungen stossen SIA auf Handlungsfelder 

Wie geht der SIA nun mit den ge­sammelten Unterschriften um? Die Namen der Unterzeichnenden werden nicht veröffentlicht. Wie schon im Artikel von Mike Siering in TEC21 11/2015 ausgeführt, sieht sich der SIA in der Honorarfrage nicht in der Rolle eines Polizisten. Er stellt den Mitgliedern mit einem Logo (als E-Mail-Signatur), Postkarten und einem Poster jedoch Mittel zur Verfügung, mit denen sie öffentlich für die Charta einstehen können. Das Hauptanliegen war, an die Selbstverantwortung, Kollegialität und auch das Selbstbewusstsein der Planer zu appellieren. 

Das ausdrückliche Bekenntnis für angemessene Honorare durch die Unterschrift unter die Charta kann aber nur ein erster Schritt sein. Das sehen auch viele Unterzeichner so; die Bestrebungen müssen jetzt fortgesetzt werden, sowohl auf Seiten der Unterzeichner als auch auf Vereinsebene. Das legen die vielen bei der Geschäftsstelle eingegangenen, vorwiegend positiven Reaktionen nah. So berichten Mitglieder zum einen von Erfahrungen mit Lohndumping; zur Sprache kamen zum anderen auch Themenfelder, in denen sie starken Handlungsbedarf sehen. 

Grössere Wertschätzung für Planerleistungen

Es erreichten uns viele Schreiben, die mehr Solidarität im Kampf gegen tiefe Honorare einfordern. Die Berufskollegen sollten auch bei schlechter Auftragslage faire und damit auskömmliche Offerten einreichen. Ein Architekt aus Luzern, der bittere Erfahrungen mit entgangenem Honorar gemacht hat, glaubt nicht, dass Solidarität der Architekten allein ausreicht: Baukultur müsse allem voran «durch die Bauherrschaft und die Gesellschaft getragen» werden. Viele Berufsleute sehen dagegen zunächst den Anbieter in der Pflicht, realistische Angebote zu unterbreiten und den Dienstleistungskatalog so zu vereinbaren, dass bei der Ausführung grösstmögliche Qualität garantiert werden kann. 

Damit Planer die geforderten auskömmlichen Honorare auch durchsetzen können, müsse dem Auftraggeber der Wert der intellektuellen Dienstleistungen bewusst sein. Hier sei «Imagearbeit» konkret gegenüber dem Auftraggeber, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene gefordert, die den Mehrwert sorgfältiger Planungen und ihrer Zeitbudgets verständlich macht. 

Und die Bauherren? 

Viele kritische Rückmeldungen zur Charta betreffen das öffentliche Vergabewesen und damit den Auftraggeber Öffentliche Hand. Es sei ärgerlich, schreibt ein Bauingenieur aus dem Raum Bern, dass sich die öffentliche Bauherrschaft hinter der «Submissionsverordnung mit dem sog. wirtschaftlich günstigsten Angebot versteckt und dabei nicht zugeben will, dass der Preis auch etwas mit Leistung zu tun hat». Weiche Leistungskriterien wie Kenntnisse der Umgebung etc. würden bei der Offertbewertung regelmässig eine zu geringe Gewichtung erfahren. Gefordert wurde auch eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Rolle der Total- und Generalunternehmen im ganzen Prozess der Honorarvergabe. Der Tenor der Rückmeldungen lautet: die Bauherren stärker in die Pflicht nehmen.

Der SIA hat von Bauherren – von öffentlicher wie privater Seite – positive Signale zur Charta erhalten. Als ermutigender Zuspruch von Bauherrenseite erreichte uns etwa das Schreiben eines Ingenieurs, der auf die Auftraggeberseite wechselte und nun zur Qualitätssicherung der Dienstleistung beiträgt, indem er die teilweise jungen und unerfahrenen Auftragnehmer mit der Gewährung von korrekten Rahmenbedingungen unterstützt. 

Damit einher geht auch die Forderung nach einem fairen Vergabeverfahren. «Ich bin überzeugt, dass das Engagement für die Qualität des Architekturwettbewerbs wie auch für eine korrekte Honorierung der Planerleistungen bei uns Architekten liegen muss», schreibt ein Mitglied aus Basel. «Ich erwarte aber auch, dass wir in unseren Bestrebungen, sofern das Anliegen gutgeheissen wird, auf vollste Unterstützung durch die Fachverbände zählen können.»

Der SIA ist sich dieser Verantwortung bewusst und diesbezüglich bereits aktiv. So hat er im vergan­genen Jahr eine Strategie zum Vergabewesen verabschiedet. Mit der Bildung eines Fachrats und der Einstellung eines Verantwortlichen Vergabewesen in der Geschäftsstelle wurden erste Massnahmen ergriffen, weitere werden folgen. Erst durch das Mitdenken und Mitwirken der Planergemeinschaft sind tiefgreifende Änderungen umsetzbar.

Bewusst von Unter­zeichnung abgesehen 

Es erreichten uns auch Rückmeldungen von Mitgliedern, denen faire Honorare zwar ein Anliegen sind, die sich aber bewusst gegen die ­Unterzeichnung entschieden haben. Aus Sektionen in den Randregionen – vor allem aus Genf und dem Tessin – erhielt der SIA einige recht kritische Reaktionen, teils einherge­hend mit der Forderung nach einem deutlich weiter gehenden Schutz der Profession, etwa durch ein Architektengesetz: Allein ein solches sei ein wirkungsvolles Mittel zum Schutz des Berufsstands sowie zur Qualitätssicherung der Dienstleistungen und damit auch Handhabe, um ein faires Honorar einzufordern. 

Ein weiteres Argument der Skeptiker: In ihrer Region bzw. ihrem Marktsegment liessen sich die Charta-Leitsätze kaum ohne Auftragseinbussen umsetzen – diese Aussage kam vor allem von kleineren Büros sowie Büros in Grenzregionen. 

Die zahlreichen Rückmeldungen verdeutlichen, dass die Charta eine überfällige Diskussion angestossen hat. Sie sind für den Vorstand des SIA wertvoll, da sie unverschleiert die aktuellen Bedürfnisse und die wirtschaftliche Situa­tion von Ingenieuren und Archi­tekten widerspiegeln und Hinweise für die Stossrichtung weiterer ­Massnahmen in dieser komplexen Thematik geben. 

In seiner Sommerklausur wird der SIA-Vorstand die Rückmeldungen analysieren und über weitere Schritte und Konsequenzen beraten; über die Ergebnisse der Gespräche werden die Mitglieder informiert.

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