Innovationswettbewerb «Fifties Reloaded»

appli-tech 2018

Auslober

Schweizerischer Maler- und Gipserunternehmer-Verband | Messe Luzern


Jury

Sachpreisrichter

- Mario Freda (Präsident Zentralvorstand des SMGV und Präsident des Messekomitees der appli-tech)

- Ursula Gerber (Messeleiterin appli-tech, Messe Luzern)

Fachpreisrichter

- Stefan Cadosch (Präsident SIA Schweiz, Cadosch & Zimmermann GmbH)

- Johannes Käferstein (Hochschule Luzern – Technik & Architektur)

- Jonathan Sergison (Accademia di architettura Mendrisio, Sergison Bats Architekten, London und Zürich)

- Judit Solt (Architektin ETH, Chefredaktorin TEC21)

- Barbara Schwärzler (Präsidentin BSFA, Bund Schweizer FarbgestalterInnen in der Architektur)

- Walter Schläpfer (eidg. dipl. Gipsermeister, Bereichsleiter Technik Gipser SMGV)

Experten

- Pinar Gönül, blgp architekten, Luzern

- Hartmut Göhler, BGM ARCHITEKTEN, Basel

Ausgangslage und Ziel

Gestalterisches Potenzial bei der Sanierung von Bauten aus den 50er-Jahren ausloten

Die wenigsten Gebäude in der Schweiz entsprechen dem energiepolitischen Ziel der Energiestrategie 2050. Daraus erwächst eine der anspruchsvollsten künftigen Aufgaben für Handwerk und Planung: die energetische Modernisierung der bestehenden Bausubstanz.

Angesichts der wachsenden Komplexität am Bau ist die Arbeit in interdisziplinären Teams heute eine unentbehrliche Voraussetzung. Um das Potenzial dieser Zusammenarbeit aufzuzeigen und qualitativ hochstehende Projekte in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken, lancierte der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmer-Verband SMGV unter dem Dach der appli-tech zum zweiten Mal gemeinsam mit der Messe Luzern einen Innovationswettbewerb. Gemischte Teams aus Handwerkern und Planern waren eingeladen, innovative Lösungen für die Modernisierung bestehender Putzfassaden einzureichen. Wichtige Aspekte sind Farbgestaltung, Verputztechniken und Wärmedämmung – jene Themen, denen sich die Messe appli-tech widmet.

Die Auslober wollen damit bewusst die Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Planung fördern. Die alte Idee der «guten Form» und des Miteinanders zwischen Industrie, Handwerk und Kunst, wie sie vor 100 Jahren zu Beginn des Schweizerischen Werkbunds 1913 postuliert wurde, erfährt damit eine gegenwarts- und zukunftsbezogene Wiederbelebung. Die Fokussierung auf die Modernisierung bestehender Bausubstanz entspricht dabei den Erfordernissen unserer Zeit.

Aufgabenstellung

Im Team sollte ein Sanierungsvorschlag ausgearbeitet werden, bei dem die drei Werkstoffe Farbe, Putz und Wärmedämmung auf innovative Weise zum Tragen kommen. Gefragt waren Fachwissen und Mut zum Experiment. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Oberflächenbearbeitung, der Anwendung spannender Verputztechniken sowie dem kohärenten Zusammenspiel von Architektursprache und Oberflächengestaltung gelten.

1. Rang «Zeitgeist»

Farbenplanung.ch | Einwohnergemeinde Zuchwil | Mombelli & Co. | Lüthi Gebäudehüllen AG | EnerHaus Engineering GmbH | Viktor Wyss AG | Sägesser Fenster AG

Das Gemeindehaus von Zuchwil ist ein Paradebeispiel öffentlicher Bauten aus den 50-er Jahren. Der dreigeschossige Skelettbau entspricht mit seiner Rasterfassade, Glasbausteinen und weitem Dachvorsprung sowie der unaufgeregten funktionalen Raumbildung dem Geist dieser Zeit.

Den Verfassern gelingt es, den Charakter des Hauses mit seinen feingliedrigen Fassaden zu erhalten und gleichzeitig an die energetischen Anforderungen anzupassen. Die Analyse des Hauses arbeitet die bestehenden Qualitäten gut nachvollziehbar heraus und führt folgerichtig zu einem sehr subtilen und angemessenen Sanierungskonzept, bei dem zugunsten des Erhalts des äusseren Erscheinungsbildes auf eine Aussenwärmedämmung verzichtet wird.

Dieser Entscheid begründet eine Folge logischer Massnahmen, die konstruktive und energetische Bedingungen zu einer räumlichen Erfindung zusammenführt, die als Innovation verstanden werden kann: Die Innendämmung aus Kalziumsilikatplatten, die auch die angrenzenden Wände sowie Boden und Decke mit einbezieht, bildet entlang der Fassaden einen friesähnlichen Rahmen. Dieser fasst die Fensterfront ein und führt sie als Raumschicht ca. 1,50 m nach innen. Es entsteht eine neue räumliche Qualität, die die bestehenden Büroräume differenziert und bereichert. Geschickt werden die energieeffiziente LED-Beleuchtung und der versenkte Kabelkanal in den Fries aus Dämmplatten integriert. Das Konzept vereinfacht zudem den Umbau, da sämtliche Sanierungsarbeiten in dem Streifen entlang der Fassade durchgeführt werden können, während die Büros weiter genutzt werden.

Die Jury lobt ausdrücklich die Idee, dass mit der Wahl der Sanierungsmassnahme gleichzeitig auch ein innenräumlich starkes architektonisches Konzept umgesetzt wird.

Die Subtilität im konstruktiven Entwurf setzt sich im Farbkonzept fort. Anstatt auf den typischen Farbkanon der 50-er Jahre zurückzugreifen, orientieren sich die Projektverfasser an den dezenten Grautönen eines Opel Olympia Rekord, Baujahr 1956. Nur mit wenigen Farbakzenten wird die Fassadengliederung unterstützt. Die Fassaden werden von epochenfremden Farb- und Materialschichten befreit und mit mineralischen Putzen und Farben saniert. Der Einsatz der Farben folgt der tektonischen Logik der Fassadenkonstruktion. Deren Feingliedrigkeit wird durch die Farbgebung – vertikale und horizontale Gliederungen hell, Füllungen dezent dunkler – verstärkt. Das Potenzial des Betonrasters, ein feines Spiel von Licht und Schatten an der Fassade zu erzeugen, wird in das Farbkonzept einbezogen.

Insgesamt handelt es sich bei dem Projekt um eine sehr eigenständige Arbeit, in welcher der Spagat zwischen dem Erhalt des typischen Charakters der 50-er Jahre und energetischer Sanierung gelungen ist. Es besticht durch die Ausgewogenheit der gestalterischen und energetischen Massnahmen und seine Rücksichtnahme auf das Bestehende. Altes und Neues fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild, welches dem Bestand eine neue Qualität verleiht. «Zeitgeist» ist somit ein vorbildliches Beispiel für die zeitgemässe Sanierung eines öffentlichen Bauwerks der 50-er Jahre.

2. Rang «chonva e chaltschina»

farbkanzlei GmbH | Joannes Wetzel | Casa las Calglias | Ek Energiekonzepte AG | Sonja Walthert

Die Verfasser dieses Projekts sahen sich mit der heiklen Aufgabe konfrontiert, ein Bauwerk von internationaler Bedeutung des renommierten Bündner Architekten Rudolf Olgiati energetisch und betrieblich zu renovieren. Intensiv wurde auch in der Jury diskutiert, wie weit man bei einem Bauwerk mit diesem ausgeprägten baukulturellen Erbe gehen kann und ob die durch den Schöpfer des Werks bewusst minimalistisch gehaltenen konstruktiven Details und Anschlüsse, die in kurzer Zeit Verschmutzungen oder gar Beschädigungen aufweisen können, weitgehend übernommen werden sollen. Oder aber ob man den allgemeinen Regeln der Baukunde Genüge tun soll, was aber zwangsläufig dazu führen würde, dass das Bauwerk in seiner gestalterischen Gesamtqualität massiv beeinträchtigt würde.

Sowohl die Projektverfasser wie auch die Jury kamen einhellig zum Schluss, dass man Gebäude mit dieser hohen ästhetischen Qualität nicht durch reine Effizienzmassnahmen ihrer Seele berauben darf. Dies führte die Planer zur Konklusion, dass gewisse Kältebrücken zugunsten der Gesamtwirkung bewusst in Kauf genommen werden. Intensiv haben sich Architekten und Unternehmer mit den vorgefundenen Anforderungen auseinandergesetzt. Sorgfältig wurde die Philosophie von Rudolf Olgiati analysiert und im Kontext der traditionellen Bündner Bauernhäuser hinterfragt. Der durch Olgati selber präferierte Kalkputz wurde konsequent wiederverwendet, angereichert mit innovativem und ökologischem Gedankengut, wie etwa der Verwendung von Hanf im Verputz und der festen Absicht, mit regionalen Unternehmungen und Materialien zu arbeiten. Die Innovation liegt fast verborgen in der Rezeptur der Verputzarten, aber auch in der sorgfältigen Detaillierung und der konsequenten Ausrichtung auf den Originalzustand. An wenigen ausgezeichneten Orten wie etwa am Terrassensturz wird das Aufsetzen der als Dämmputz fungierenden neuen Aussenschicht wie ein Zitat abgebildet, was dem verständigen Betrachter zeigt, dass hier eine neue Schicht eingeführt wurde, ohne die Gesamtordnung des Hauses zu beeinträchtigen.

Die Aufgabe, die hier darin bestand, möglichst wenig zu zerstören, wurde mit Bravour gelöst. Dass in energetischer und konstruktiver Hinsicht Kompromisse eingegangen werden mussten, liegt unter dieser Prämisse auf der Hand. Es zeigt sich aber, dass mit Innovationskraft und beachtlichem technischem und gestalterischem Fachwissen sehr viel mehr Spielräume ausgelotet werden können, als dies auf den ersten Blick möglich erscheint.

Architekten und Unternehmer brachten ihr ganzes Fachwissen und viel Liebe zum Detail ein, um möglichst wenig der bestehenden Qualitäten zu verunklären oder zu zerstören. Diese Haltung verdient hohe Anerkennung. Sie wird dem Vorbildbauwerk helfen, auch die nächsten 60 Jahre in Wind und Wetter in ursprünglichem Glanz bestehen zu können.

2. Rang «luminoso»

Kevin Dröscher Architektur | Manuel Burkhardt | Kadur Rohner Architektur und Design GmbH | L10mm.ch

Das Projekt luminoso zeugt von einem feinfühligen, pragmatischen und innovativen Umgang mit der Bausubstanz der 50er-Jahre – drei Eigenschaften, die sich vorerst auszuschliessen scheinen. Die Hälfte eines bescheidenen, abgetreppt in einen Hang gesetzten Doppeleinfamilienhauses wurde innen sanft umgebaut: Küche und Bad wurden erneuert und der ehemals kalte Estrich zum Galeriegeschoss transformiert. Dabei wurde die Hülle des gesamten Doppelhauses erneuert und heutigen Standards angepasst.

Die Architekten wählten bewährte Lösungen und Standardprodukte, setzten sie aber auf ungewohnte Weise ein. Das bestehende Mauerwerk der Fassaden wurde aussen mit 18 cm Wärmedämmung EPS versehen und verputzt; auf den Grundputz mit Netzeinbettung kam ein mineralischer, mit Stachelwalze bearbeiteter und mit Silikatfarbe grau gestrichener Strukturputz (im Sockelbereich Perimeterdämmung XPS und ein mit dem Schwamm strukturierter, ebenfalls grau gestrichener Sockelputz).

Diese Verdickung der Fassade nach aussen verkleinert den Dachvorstand, was beim feingliedrigen Volumen eine erhebliche Veränderung der Proportionen darstellt. Den daraus resultierenden, südländisch anmutenden Charakter verstärkten die Architekten, indem sie die neuen Fenster in die äusserste Fassadenschicht setzten und ein Modell wählten, das sich nach aussen öffnet. Durch das Fehlen von Laibungen, den Verzicht auf Fensterläden und das Öffnen nach aussen sind die Fenster optisch präsenter, gleichzeitig treten auch die muralen Teile stärker hervor; das ganze Volumen erscheint einfacher, abstrakter und kubischer. Als verstärkender Kontrast wirken die Einschnitte der Türen: Diese sind in der ursprünglichen Position angeschlagen, was ihre Laibungen nach aussen vertieft. Das neu isolierte Dach wurde mit Solarelementen bestückt, die von unten nicht sichtbar in die Dachebene integriert sind.

Bemerkenswert ist, wie treffsicher die Architekten aus bauphysikalischen Notwendigkeiten und banalen Standardlösungen neue, sensible entwerferische Antworten generierten. Die Verzerrung der Proportionen wegen der Aussenisolation, die sich in der filigranen Architektur der 50er-Jahre oft verheerend auswirkt, wurde zum Entwurfsthema gemacht; das Haus wirkt nicht wider Willen eingepackt, sondern scheint sich selbstbewusst aufzublähen, bis selbst die Verglasungen nach aussen gedrückt werden – und das, obschon die Gesamtwirkung gleichzeitig ruhiger und einfacher geworden ist. Die Formensprache ist zurückhaltend mit einer Andeutung von mediterranem Charme; sie ist zeitgenössisch, ohne die Bescheidenheit der Nachkriegszeit zu verleugnen.

Ebenso sehr erfreut, dass all dies nicht mit teuren Speziallösungen, sondern marktüblichen Produkten und Systemen erreicht wurde. Herausragend sind nicht die technischen Lösungen, die bekannt sind – und stellenweise, etwa beim Fehlen von aussen liegendem Sonnenschutz bei den Fenstern, auch Fragen aufwerfen. Herausragend ist aber die gelungene Interpretation von Standardlösungen als Gestaltungsmittel. Das Projekt zeigt exemplarisch, dass es aus mit einfachen Mitteln möglich ist, aussergewöhnliche Ergebnisse zu erzielen.



(Auszug aus dem Jurybericht)

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