Neuüberbauung Mürtschen- / Oberseestrasse, Rapperswil-Jona

Anonymer Projektwettbewerb im offenen Verfahren

Sachpreisrichter

  • Christian Grünenfelder (Stv. Direktor GVA, Vorsitz)
  • Renato Resegatti (Direktor GVA bis Ende September 2017)
  • Markus Häne (Dipl. Architekt HTL, VR-Mitglied GVA)

Fachpreisrichter

  • Helmut Dietrich (Architekt Dipl.-Ing., Bregenz)
  • Silvio Ragaz (Dipl. Architekt ETH/BSA/SIA, Bern)
  • Martin Hitz (Dipl. Architekt ETH/SIA/SWB, St.Gallen)
  • Regula Hodel (Landschaftsarchitektin BSLA/SIA, Wetzikon)
  • Barbara Burren (Dipl. Architektin ETH/SIA/BSA, Zürich)

Auslober

Gebäudeversicherung des Kantons St. Gallen (GVA)


Organisation

ERR Raumplaner

9004 St. Gallen

Ausgangslage

Die heutige Siedlung auf dem Areal Oberseestrasse / Mürtschenstrasse wurde in den 1940er Jahren konzipiert und genügt den heutigen Anforderungen nicht mehr. Der Sanierungsbedarf für einen Erhalt der bestehenden Bauten wäre zu gross. Es betrifft dies insbesondere den nicht zeitgemässen Standard der Wohnungen, den grossen Sanierungsbedarf und die aus heutiger Sicht vorhandene Unternutzung des gut erschlossenen Areals.

Im Rahmen der Ortsplanungsrevision 2007-2011 wurden die Grundstücke im Sinne der Innenentwicklung von der seinerzeitigen Wohnzone W2b, der Wohnzone W3 zugeschieden. Die Eigentümerin beabsichtigt nun, im Rahmen der heutigen Zonierung, die bestehenden Mehrfamilienhäuser nach den Grundsätzen der Innenentwicklung und der Möglichkeiten eines Sondernutzungsplans durch eine zukunftsgerichtete, energetisch hochwertige und wirtschaftliche Wohnüberbauung zu ersetzen.

Gefragt sind attraktive, zeitgemässe und nachhaltige Lösungen im Wohnungsbau. Es sollen Mietwohnungen für alle Altersgruppen und Lebensformen (Junge, Ältere und Singles, Paare, Familien) entstehen.

Empfehlung des Preisgerichtes

Das Preisgericht empfiehlt der Veranstalterin einstimmig, die Projektverfasser des Projekts «In den Lauben» mit der Weiterbearbeitung und Ausführung des Projektes zu beauftragen.

Siegerprojekt «In den Lauben»

Fünf relativ grosse, typenähnliche Gebäude mit leicht unterschiedlichen Dimensionen und Grundrissen besetzen zusammen mit dem bestehenden Mehrfamilienhaus den Rand des Grundstücks und formen in ihrer Mitte einen zusammenhängenden, offenen Freiraum für alle. Auf verblüffend einfache Weise gelingt es dabei, das vorläufig zu erhaltende Wohnhaus als gleichberechtigten Partner und ohne Präjudiz für künftige Entwicklungen in die Gesamtanlage zu integrieren.

Die zweiteiligen Bauten stehen in vielfältiger Geometrie sowohl parallel zur Strasse wie auch als freie Form zum Hof und beziehen sich so geschickt auf die spezifische Lage zwischen Stadt und Grünraum. Überraschend schlüssig wirkt die raffiniert austarierte Form auch bei den Eckgebäuden, die sich trotz ihrer Sonderstellung problemlos in die Gesamtform integrieren. Einzig das Gebäude an der Kreuzung von Schönbodenstrasse und Oberseestrasse genügt in der Ausbildung des Erdgeschosses dem erhöhten Öffentlichkeitsgrad des Ortes nicht ganz.

Allen Häusern gemeinsam ist eine sehr schöne Eingangssituation, welche sich gleichzeitig zur Strasse wie zum Hof hin öffnet und jeweils zwei Treppenhäuser erschliesst. Gut in die Bebauung integriert ist die Zufahrt zur Einstellhalle, welche alle Bauten direkt erschliesst und die trotzdem eine glaubhafte Bepflanzung des Hofes mit Bäumen erlaubt.

Die Wohnungsgrundrisse sind vielfältig und interessant, aber - wie auch die anspruchsvollen geometrischen Vorgaben - noch nicht in allen Teilen gleich gut bewältigt. Weitergehende Ideen bezüglich der von der Veranstalterin gewünschten Angebotsdifferenzierung werden leider nicht nachgewiesen. Einzelne Loggien und Schlafzimmer sind bei den Hauseingängen ungeschickt platziert. Trotz unterschiedlicher Ausrichtung des gleichen Gebäudetyps kann der Anteil orientierungsmässig benachteiligter Wohnungen bemerkenswert klein gehalten werden.

Die Häuser sind konsequent als Holzkonstruktion angedacht, was angesichts der freien Geometrie als möglich, aber nicht als zwingend erachtet wird. Der Holzbau zeigt sich auch gegen aussen, was in der vorgeschlagenen Form zu einem sympathischen, identitätsstiftenden Ausdruck führt. Wieweit die Holzfassaden und insbesondere die exponierten Holzstützen angesichts des fehlenden baulichen Schutzes langfristig auch den Kriterien der Nachhaltigkeit genügen würden, wird unterschiedlich diskutiert. Sowohl im Ausdruck wie im Nutzen schön sind die grossen geschützten Loggien.

Im Aussenraum führen zahlreiche Verbindungswege durch den grosszügigen Grünraum der durch Gebäudevorsprünge gegliedert wird. Am Kreisel kennzeichnet ein Vorplatz den Zugang zur Siedlung. Es werden Orte für verschiedene gemeinschaftliche Nutzungen geschaffen. Der vorgeschlagene Gemeinschaftsraum wird positiv beurteilt, man wünscht ihn sich aber eher integriert im Erdgeschoss eines Gebäudes denn als freistehenden Pavillon im Hof. Wege und Plätze werden teilweise von Kleingehölzflächen begleitet, die einen räumlichen Filter zu den privaten Aussenräumen schaffen. Vor den 30 cm höher liegenden EG-Loggien liegen von allen nutzbare Wiesenflächen.

Der Vorschlag zur Nachverdichtung mittels Aufstockung ist möglich, aber trotz den an sich im Holzbau günstigen Voraussetzungen etwas aufwendig. In wirtschaftlicher Hinsicht bringt das Projekt mit nur fünf relativ grossen Gebäuden sehr gute Voraussetzungen.

Gesamtwürdigung

Gesamthaft bietet das sorgfältig erarbeitete Projekt mit wenigen, klugen Entscheiden viele Qualitäten und eine gute Massstäblichkeit. Mit dem grossen Grünraum, der klaren Anbindung an Strassen und Höfe sowie der überzeugenden Adressbildung jedes Hauses bietet es qualitativ hervorragendes Wohnen im Grünen mit Bezug zur Stadt.

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv