Ersatzneubau und Instandsetzung Stiftung Bernaville Schwarzenburg

Offener Projektwettbewerb

Sachpreisrichter

  • Dr. Kurt O. Marti (Vorsitz)
  • Vinzenz Miescher (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Andreas Kehrli (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Peter Bregy (Mitglied mit Stimmberechtigung)

Fachpreisrichter

  • Barbara Schudel (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Michael Locher (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Benedikt Schlatter (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Astrid Dettling-Peleraux (Mitglied mit Stimmberechtigung)
  • Rolf Borer (Moderation)

Auslober

Stiftung Bernaville


Ausgangslage

Die Stiftung Bernaville erbringt Dienstleistungen im Bereich Wohnen, Arbeiten und Ausbilden für erwachsene Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (geistiger Behinderung). Im Lauf der Zeit haben sich die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen verändert. Die Selbstbestimmung der Klienten hat heute einen hohen Stellenwert. Die Stiftung Bernaville will ihr künftiges Angebot anpasssen und Betreuungs- und Wohnformen anbieten, die von intensiver Betreuung in spezialisierten Wohngruppen bis zu gering betreutem Wohnen in Wohngemeinschaften reichen.

Aufgabenstellung

Für das Areal Bernaville sollte ein Bebauungsvorschlag mit Erweiterungsmöglichkeiten gemacht werden. Das Projekt umfasst Neubauten und Umnutzungen von zu erhaltenden Strukturen. Das künftige Angebot soll vielfältige Wohnformen für Menschen mit Beeinträchtigung und die Verbesserung der Arbeitssituation in geschützten Werkstätten und Beschäftigungsateliers beinhalten. Das Projekt wird privat finanziert mit einem strikten Kostendach von CHF 30.0 Mio. für die Anlagekosten.

Empfehlungen des Preisgerichts

Das Preisgericht empfiehlt der Stiftung Bernaville das Projekt «Paul et Florence» zur Weiterbearbeitung. Es empfiehlt zudem, das Siegerprojekt in folgenden Punkten zu vertiefen:

- Die Ost-West Durchgängigkeit der Grundrisse sollte im Erdgeschoss konsequent verfolgt werden und die Intensivwohngruppe mit einbeziehen.

- Die Struktur des Gebäudes muss speziell im Hinblick auf die Holzbauweise in verschiedenen Bereichen bereinigt werden.

- Die Lichtführung bei den Wohnungen (Aufenthaltsbereich und Kochen) muss überprüft und verbessert werden.

- Die Belichtung und der Dacheinschnitt im Bereich der Administration müssen hinterfragt werden.

- Die ostseitige Wegführung sollte in der weiteren Bearbeitung beruhigt und wo möglich reduziert werden.

- Die Etappierung muss vertieft bearbeitet werden, um die Auslagerungen von Bewohnerinnen und Bewohnern und das Erstellen von Provisorien möglichst gering zu halten.

Rangierte Projekte

1. Rang «Paul et Florence»

Das Projekt greift in seiner Idee nach bereits Vorhandenem, der Verzahnung von Landschaft und Gebäude. Der zusammenhängende, ost-west-orientierte Längsbau überzeugt in seiner Staffelung und steht selbstbewusst auf dem Sockelgeschoss des Bestandes. Die gut proportionierten Vor- und Rücksprünge verhelfen dem Gebäude zu einer angenehmen Massstäblichkeit und tragen zu einer identitätsstiftenden Adressbildung auf der Ostseite bei. Der südliche Kopfbau als Auftakt des Neubaus wird als markantes Volumen artikuliert, was der Nutzung der halböffentlichen Tagräume Rechnung trägt.

In der Überarbeitung werden die in der ersten Runde bemängelten ortsbaulichen Aspekte revidiert. Die Option Wohnen und die Reserve werden neu als Addition am Nordende des Längsbaus platziert und die Geschosszahl zum Teil auf drei Geschosse erhöht. Die Logik der Gesamtanlage wird so weitergeführt und die Situation gesamthaft deutlich verbessert. Damit wird auch die Konzeptidee von Verzahnung von Landschaft und Gebäude gestärkt.

Das Projekt überzeugt auch nach der Überarbeitung auf konzeptioneller und architektonischer Ebene. Seine Stärke liegt in der wohlproportionierten Staffelung der Gebäude und dem Umgang mit dem bestehenden Sockelgeschoss. So entstehen verschiedene Bereiche im Aussenraum, die in einer für die Nutzer überzeugenden Massstäblichkeit gehalten sind. Das Projekt ist auf die Bewohner und den Ort zugeschnitten und wirkt in seiner sorgfältigen Ausarbeitung für die Stiftung Bernaville identitätsstiftend.

2. Rang «The Jackson Five»

Fünf unterschiedlich grosse, präzis proportionierte Gebäude bilden ein kleines Dorf. Sie definieren einen neuen Dorfplatz. Dabei bleiben sie unabhängig und die Innenräume profitieren von der Aussicht in die umliegende Landschaft. Die unterschiedlichen Volumen ermöglichen die Integration der kleineren Option Wohnungen. Durch die sorgfältige Anordnung und das Übernehmen der Orthogonalität des Sockels entsteht ein allgemeines Gleichgewicht. Diese gleichzeitig nach innen und aussen gerichtete Komposition wird durch die zu allen Himmelsrichtungen orientierten Eingänge unterstrichen. Dies bringt jedoch dem Dorfplatz, der nur durch ein Wegnetz definiert ist, wenig Charakter.

Der ortsbauliche Lösungsansatz mit Einzelbauten, die auf dem bestehenden Sockel nachvollziehbar angeordnet werden, wird durch das Projekt überzeugend repräsentiert. Es ist auf allen Massstabsebenen sehr sorgfältig bearbeitet. Im Vergleich bleibt der Charakter des Projektes aber auch nach der Überarbeitung weniger spezifisch in Bezug auf den konkreten Ort. Die Identitätsstiftung für die Bewohner der Stiftung Bernaville ist begrenzt. Durch die Verteilung der Nutzungen, speziell der Wohngruppen, sind wiederkehrende Mehraufwendungen im Unterhalt und im Betrieb zu erwarten.

3. Rang «Papillon»

Die vier länglichen, gleichartigen Baukörper auf dem bestehenden Sockel bilden einen gemeinsamen Siedlungsinnenraum. Er öffnet sich auf vier Seiten und bewirkt so eine gute Verknüpfung mit der Umgebung. Die Option Wohnen ist folgerichtig platziert.

Auch mit der Überarbeitung bleiben die Ausrichtungen der Gebäudevolumen und der dadurch entstehende innere Siedlungsraum die Stärke des Projektes, wenn auch die Umwandlung der vier Baukörper in vier Gebäudepaare konzeptuell und ortsbaulich unverständlich wirkt.

Die vier eigenwillig ausformulierten Gebäudepaare des Projekts vor der Überarbeitung liessen eine gut gelungene ortsbauliche Einpassung erwarten. Leider ist es den Verfassern nur teilweise gelungen, die thematisierten betrieblichen und technischen Mängel (Brandschutz) ausreichend zu beheben. Insbesondere die kubische Ausformulierung, die ortsbauliche Einpassung und teilweise die architektonische Gestaltung der Bauten ist zu Ungunsten des gesamten Erscheinungsbildes weiterentwickelt worden.

4. Rang «Üses Dorf»

Das Projekt schafft mit konsequent an den Rand des bestehenden Sockels gesetzten Baukörpern eine klare städtebauliche Situation. West- und südseitig wird ein Siedlungsrand definiert, während im Osten die Landschaft in einer parkartig gestalteten Umgebung zwischen den neuen Häusern aufgefangen wird.

Die in sich ähnlichen, im Grundriss zweiflügligen, aber von Gebäude zu Gebäude skalierten Volumina irritieren im ersten Moment. Die geschickte Vermittlung des zentralen, zweigeschossigen Gemeinschaftsgebäudes macht das Nebeneinander der unterschiedlich grossen Volumina aber möglich.

Die vorgeschlagene Erweiterung verlässt die südwestliche Arealkante, ordnet sich aber dennoch gut in die städtebauliche Logik ein.

Das Projekt überzeugt vor allem auf städtebaulicher Ebene mit seiner eigenständigen Lesart und präzisen Setzung. Das Ensemble der Stiftung Bernaville erhält einen neuen und überraschenden Charakter mit sehr ansprechenden, sowohl aussen- wie innenräumlichen Qualitäten.

Leider ist das Projekt aber im Detail nicht in derselben Tiefe bearbeitet, was sich auch im architektonischen Ausdruck niederschlägt.

Zudem weist das Projekt grosse Probleme in Bezug auf die Einhaltung der Brandschutzrichtlinien auf und in einer Weiterbearbeitung müsste mit einer Vergrösserung des Bauvolumens gerechnet werden.

5. Rang «Eine Hand voller Sterne»

Das Projekt akzentuiert mit einer Gruppe von Einzelgebäuden die topographische Lage der Stiftung Bernaville, indem kompakte Baukörper auf der Geländekuppe überzeugend angeordnet werden. Neben einem Empfangsgebäude, das den bestehenden Sockelbau weiterentwickelt, werden die übrigen Funktionen auf sechs Baukörper (inkl. Option) verteilt. Die Anordnung ermöglicht einen vielfältigen Bezug der Wohnungen zur Landschaft und zu den Aussenräumen der Anlage. Das grundsätzliche ortsbauliche Konzept überzeugt in seiner Disposition, wobei zu überprüfen wäre, ob eine etwas kompaktere Anordnung der Gebäude die räumliche Wirkung nicht verstärken würde.

Das Projekt überzeugt durch seine klare ortsbauliche Haltung, die überzeugende räumliche Qualitäten entstehen lässt. Die Flexibilität der Grundrisstypologie ist vielversprechend und der formale Ausdruck setzt die konstruktiven Absichten stringent um. Insgesamt ist mit verhältnismässig hohen Erstellungskosten zu rechnen. Die Planung der Fluchtwege und die Lage der Intensivwohngruppe entsprechen nicht den Anforderungen.

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