Erweiterung Primarschule Gestadeck Liestal

Anonymer Projektwettbewerb im selektiven Verfahren

Sachpreisrichter

  • Daniel Christen (Abteilungsleiter Hochbau)
  • Franz Kaufmann (Stadtrat, Stadtbauamt)
  • Thomas Noack (Bereichsleiter Stadtbauamt)
  • Stephan Zürcher (Bereichsleiter Bildung)
  • Daniel Muri (Stadtrat Bildung)

Fachpreisrichter

  • Bernhard Gysin (Architekt)
  • Werner Hartmann (Architekt)
  • Rainer Klostermann (Architekt, Jurypräsident)
  • Walter Niederberger (stv. Denkmalpfleger Kanton Baselland)
  • Regine Nyfeler (Architektin)
  • Massimo Fontana (Landschaftsarchitekt)
  • Anne Marie Wagner (Anne Marie Wagner, Architektin)
  • Ingo Golz (Landschaftsarchitekt)

Auslober

Stadt Liestal


Ziel des Wettbewerbs

Auf der Parzelle 1559 der Stadt Liestal, im Gestadeck (Wettbewerbsperimeter), sollen bis 2023 genügend Schulräume gemäss Raumprogramm für eine Primarschule mit insgesamt 18 Klassen, 2 Turnhallen sowie 2 Kindergärten bereitgestellt werden. Dabei soll das bestehende Schulhaus aus dem Jahr 1887 erhalten bleiben und weiterhin möglichst gut genutzt werden. Die Umgebung soll für einen Schulbetrieb und die öffentliche Nutzung möglichst attraktiv gestaltet werden. Der städtebauliche Kontext (Nähe zur Altstadt), die Lage an einer Hangkante, Hinweise aus dem ISOS sowie die zonenrechtlichen Bestimmungen sind als wichtige Randbedingungen zu berücksichtigen.

Empfehlung

Die Jury empfiehlt dem Auftraggeber einstimmig, die Verfasser des Projektes «Eins, Zwei oder Drei» mit der Weiterbearbeitung zu beauftragen.

Bei der Weiterbearbeitung sollen folgende Punkte speziell beachtet werden:

- Form Klassenzimmer

Die Klassenzimmer sollen eine Mindestbreite von 8.00 m aufweisen.

- Organisation Gruppenräume

Zwei Klassenzimmer teilen sich einen Gruppenraum.

- Form Aula

Die Form der Aula soll hinsichtlich verschiedener Nutzungsmöglichkeiten überarbeitet werden.

- Verbindung Aula – Bibliothek

Die Verbindung zwischen Aula und Bibliothek muss optimiert und verbessert werden.

- Eingangsbereiche

Die Eingangsbereiche sind nicht gelöst: Sie müssen grosszügiger gestaltet werden.

- Bauliche Flexibilität

Die Raum- und Tragstrukturen müssen aufeinander abgestimmt werden. Im Sinne der Ökonomie (Schalldämmung, Tragstruktur) sollen die beiden Turnhallen übereinander angeordnet werden.

- Erschliessung Lift für Rollstuhlfahrer

Der Zugang für Rollstuhlfahrer zum Lift darf nicht zum Nebeneingang verkommen.

- Parkplätze

Die Situation ist mit einer reduzierten Anzahl Parkplätze zu überarbeiten.

- Pavillonbauten

Die Pavillonbauten müssen bezüglich Inhalt und Position überprüft werden.

Weiter empfiehlt die Jury die Weiterbearbeitung des Siegerprojektes durch zwei Jury-Mitglieder begleiten zu lassen.

Rangierte Projekte

1. Rang «Eins, Zwei oder Drei» (Marco Merz Marion Clauss)

Die städtebauliche Strategie des Verfassers setzt auf die Transformation des Schulhauses Gestadeck zu einem neuen Ensemble. Die Aufdoppelung des bestehenden Schulhauses mit einem rückseitigen Anbau bildet dabei die entscheidende Massnahme. Der Baukörper erhält einen quadratischen Fussabdruck und dadurch geeignete Proportionen für seine zentrale Position. Neu als Quadrat, öffnet sich das zentrale Gebäude zu vier klar definierten Aussenräumen. Die bestehende Hauptfassade hält ihre Bedeutung zum Schulhof und zur Stadt. Die seitliche Anordnung des kleinen Baukörpers am Obergestadeckweg ist stimmig und unterstützt die Ensemblebildung. Die Hauptfassade des Anbaus öffnet sich nach Osten und definiert mit dem neuen Hauptbau am Nonnenbodenweg einen präzisen Eingangsplatz für die Schule und für alle Quartierfunktionen – Turnhalle, Aula, Tagesstruktur. Die seitlichen Fassaden definieren zwei weitere Räume – den Aussensportplatz südseitig und einen Spielplatz hangseitig. Der Eingriff in die Hangkante ist auf den mittleren Bereich um das alte Schulhaus beschränkt und schiebt sich kanzelartig als architektonisches Element in den Ergolzraum.

Der Vorschlag überzeugt durch eine sehr verhältnismässige Anordnung der Freiräume und den zugeordneten Funktionen. Der vielfältige Betrieb während der Schulzeiten und die Nutzung als Freiraum für die Quartierversorgung sind hier in einer guten gestalterischen und funktionalen Qualität vorstellbar. Die Anordnung der Parkierungsanlage entlang der südlichen Parzellengrenze ist folgerichtig, vermag jedoch in der technischen und gestalterischen Ausprägung nicht zu überzeugen.

Die Transformation des Areals durch Anbau und Neubau erfolgt mit einer klaren architektonischen Strategie. Viele klassische Elemente der bestehenden Gebäude fliessen in die Fassaden der Neubauten ein – Proportionen, Gliederung, Farbigkeit. In Kombination mit grossformatigen Putzflächen und Verglasungen schlagen die Verfasser eine stimmungsvolle, klassische Architektur mit zeitgenössischem Flair vor.

Die Programmanordnung ist klar und überzeugend. Das Gebäude am Obergestadeckweg nimmt die Klassenzimmer der ersten Zyklen mit Kindergarten im Erdgeschoss auf. Die Klassenzimmer der zweiten Zyklen, die Turnhallen und die Tagesstruktur sind im Hauptgebäude untergebracht. Im zentralen Gebäude finden die Lehrerzimmer, die Bibliothek, die Musikzimmer und die Aula Platz.

Typologisch übernehmen die Verfasser die klassische Idee eines dominanten zentralen Treppenhauses. Die Dimensionen der Erschliessungsräume sind dementsprechend grosszügig, wobei die notwendigen Zwischenpodeste fehlen. Leider geht diese Idee teilweise auf Kosten der Proportionen der einzelnen Räume. Insbesondere beschränken die länglichen Klassenzimmer die für den Unterricht wesentliche Bespielbarkeit dieser Räume. Auch im Anbau führt die Priorisierung der Erschliessung zur Anordnung des Lifts in einer separaten Schicht. Diese Lösung mag für den Erhalt des bestehenden Treppenhauses richtig sein, führt aber leider zu ungünstigen Raumproportionen der Aula.

Das statische System ist auf die Tragweite der in den unteren Geschossen angeordneten Turnhallen ausgerichtet. Die Trennwände zwischen Flur und Klassen werden als tragende Scheiben ausgebildet und die Turnhallendecken an diese Träger abgehängt. Die statische Effizienz des Systems ist unbestritten, führt aber zu strukturell unterteilten Klassengeschossen. Die langfristige Nutzung des Gebäudes unter wechselnden Raumbedürfnissen wird dadurch stark eingeschränkt.

Gesamtheitlich überzeugt das Projekt durch die Intelligenz der städtebaulichen Haltung und die präzise Anordnung der Funktionen und Eingänge sowie die gelungenen Aussenbezüge. Damit sichern die Verfasser ein stimmiges Schulensemble im Stadtraum von Liestal.

2. Rang «Zauberwürfel» (Morscher Architekten)

Zwei neue Baukörper ergänzen das heutige Primarschulhaus zu einem stimmigen Schulensemble. Die beiden Volumen reagieren angemessen auf das bestehende Schulhaus und die Hangkante. Sie schaffen mit ihrer unterschiedlichen Prägung und Grösse den Bezug zum heterogenen Stadtkörper und Kontext. Das Turnhallengebäude als Kopfbau der strassenbegleitenden Bebauung auszubilden ist konsequent, bedingt aber zwingend das Näher-/ Grenzbaurecht. Turnhalle und Altbau spannen den neuen Gstadeckplatz auf, der durch die Abfolge von weiteren Aussenräumen ergänzt wird und unterschiedliche Qualitäten für die Bespielbarkeit und die Kinder bieten. Das neue Primarschulhaus spielt sich mit der Stellung und formalen Ausbildung frei und vermittelt mit der durchgesteckten Pausenhalle sowohl Richtung Altstadt im Westen als auch dem Einzugsgebiet im Osten. Die Adressbildung ist gut gelöst, die gedeckte Vorzone und helle Pausenhalle laden zum Eintreten der Kinder ein. Die separate Erschliessung der Turnhalle und ihre Lage ermöglichen eine flexible, externe Nutzung auch ausserhalb der Schulzeiten...

Die Tragstruktur des Schulhauses ist mit dem gewählten Stützraster wirtschaftlich und gut umsetzbar. Nur kleine Anpassungen wären bei den Brandschutzmassnahmen notwendig. Zu der Haustechnik werden kaum Aussagen gemacht. Die Vollverglasung ist hinsichtlich Tageslichtnutzung und Überhitzung nachteilig.

3. Rang «Das fliegende Klassenzimmer» (Gschwind Architekten)

Zwei neue, unterschiedliche Baukörper ergänzen das bestehende Schulhaus und gliedern den Aussenraum der Schulanlage in Bereiche unterschiedlicher Prägung. Der kleinere Baukörper, mit seiner Nutzung für Tagesstruktur, Bibliothek und festlicher Aula als möglichst breit und auch öffentlich nutzbare Nutzungseinheit, ist folgerichtig auf die Seite zum Stedtli gesetzt. Der grosse Baukörper mit den beiden Turnhallen und allen Klassen- und Lernbereichen schliesst das Schulareal gegen Osten ab. Ein breiter Durchgang, der als offener gedeckter Pausenplatz dient, ermöglicht den Zugang von Osten in das Schulareal. Der sich aus den Höhenentwicklung von Turnhallen und Schulräumen ergebende Niveauunterschied wird als gliederndes und dem Aufenthalt dienende Sitzstufen- und Tribünenanlage aus dem Innern der grosszügigen Eingangshalle in den Aussenraum geführt.

Problematisch und gestalterisch unglücklich gelöst ist der Übergang der Hangkante zum eingeschossigen Sockel auf der Nordseite des Neubaus. Durch das sichtbare Untergeschoss wirkt der Neubau an diesem Ort hoch und nicht stimmig proportioniert...

Die ökonomische Ausgangslage mit vergleichsweise hohen Gebäudevolumen, Geschossflächen und Baukosten ist anspruchsvoll. Vorteilhaft erscheint für eine Weiterentwicklung die interessante und attraktive Mehrfachnutzung von Aula, Turnhalle und Aussenanlagen...

4. Rang «hic et nunc» (ahaa)

Die Gesamtanlage liest sich aus einer Aufteilung in vier Quadranten, die in einem Spiel von Aussenräumen und Bauten zusammenwirken. Gegen Osten abgeschlossen von einer baumbepflanzten Hangkante. Dadurch entsteht eine mehrseitige, attraktive Zugänglichkeit, die sich an der teilweise gedeckten Hauptachse von Kantinenweg bis zum Obergestadeckweg orientiert. An dieser Achse liegt ein Turnhallengebäude, das neben den Hallen sogar mit einem bespielbaren Dach aufwartet. Ob dieses Angebot auch wirklich angenommen wird, bzw. sinnvoll ist, müsste sich weisen.

Das neue Schulgebäude sucht den organisatorisch räumlichen Einbezug mit dem Altbau. Die Verbindung auf mehreren Ebenen und die damit verbundene Eingangssituation sind die Konsequenz, wirken allerdings formal etwas angestrengt. Auch wird hier eine optimale Nutzung schwierig. Der Neubau selbst lässt sich sehr gut organisieren und hat in seiner klaren Form und Präsenz eine gute massstäbliche Wirkung. Das Freiraumkonzept umschreibt vier klar voneinander räumlich getrennte Teilbereiche: der grosse Pausenplatz mit direkter Anbindung an den Obergestadeckweg, einer gestapelten Allwetterplatzanlage auf dem Turnhallengebäude, ein Rasenspielfeld am südöstlichen Arealrand zum Kantinenweg und einer baumbestandenen Parkierungsanlage am Nonnenbodenweg.

Die harte, weit über die Hangkrone auskragende Platz- und Neubaufigur wird begleitet durch eine grosse pergolaartige Baute, die den Pausenplatz begrenzt. Der Konzeptbeitrag hat in seinen Grundzügen der räumlichen Anordnung seine Qualitäten. Es bleiben aber zu viele Fragen unbeantwortet. So sind die Rückzugs- und Spielorte nicht erkennbar. Die Stapelung der Allwetterplätze bleibt eine interessante Idee, ist aber bezüglich Nutzung unverständlich, entsteht doch so ein Raum, der kaum atmosphärische und funktionale Qualitäten aufweist. Insgesamt genügt dieser Beitrag nicht, für eine attraktive und vielseitige Schulumgebung...

(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)



Weitere Informationen zum Wettbewerb auf www.konkurado.ch

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