Wohnhaus Letzi in Zürich

Einstufiger Projektwettbewerb mit Präqualifikation

Ausgangslage

Das Entwicklungsgebiet Letzi ist geprägt durch die Umstrukturierung ehemaliger Industriebauten hin zu einem heterogenen Mischgebiet mit unterschiedlichen Baustrukturen und Nutzungen. Es lebt von seinem eigenen Charme, der auf der Verschiedenartigkeit der bestehenden und künftigen Arealinseln beruht und so die urbane Vielfalt und Lebendigkeit unterstützt.

Die Hohlstrasse als bedeutende Verbindungsachse zur Innenstadt sowie die Flurstrasse als urbane Entwicklungsachse in Nord-Süd-Richtung sind die Lebensadern der städtebaulichen und stadträumlichen Entwicklung.

Das «Wohnhaus Letzi» bildet den östlichen Abschluss des Letzibachareals und den Auftakt zu den SBB Werkstätten.

Zielsetzung

Mit dem Projektwettbewerb «Wohnhaus Letzi» wollen die Schweizerischen Bundesbahnen SBB als Grundeigentümerin in Abstimmung mit der Stadt Zürich eine Wohnüberbauung mit Wohnungen im mittleren Preissegment realisieren. Gesucht ist ein bewilligungsfähiges Projekt, das durch seine hohe städtebauliche und architektonische Qualität besticht sowie auch wirtschaftlich und hinsichtlich der Gestaltung der Freiräume überzeugt.

Präqualifikation

Im Rahmen des Präqualifikationsverfahrens nahmen 78 Teams teil. Entsprechend den Ausschreibungsbedingungen wurden die Motivation, die Erfahrung und Leistungsfähigkeit des federführenden Architekturbüros sowie die architektonische und städtebauliche Qualität der Referenzobjekte beurteilt.

Nach eingehender Prüfung der Bewerbungsunterlagen wählte das Preisgericht acht Planerteams zur Teilnahme am Projektwettbewerb aus.

Empfehlung

Das Preisgericht empfiehlt der Ausloberin einstimmig das Projekt «TATI» mit folgenden Projektierungshinweisen zur Ausführung:

• Die Wohnungen sind in Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft zu optimieren hinsichtlich

— der Wohnungsgrösse

— dem hohen Anteil an sanitären Anlagen in Kleinwohnungen

— der Disposition und Tiefe der Loggien

• Das Zwischengeschoss mit den Technik- und Gemeinschaftsräumen wird begrüsst. Die Ausgestaltung der Grundrisse sowie die Nutzung Gästezimmer sind jedoch zu hinterfragen.

• Die Fassade ist hinsichtlich des Brandüberschlags zu überarbeiten. Im Anschlussbereich der Geschossdecke an die Aussenwand sind Massnahmen zu treffen, damit eine Brandausdehnung eingeschränkt wird.

Rangierte Projekte

Tati (1. Rang, Armon Semadeni Architekten)

Das Projekt «Tati» schlägt zwei schlanke, mit einem sechsgeschossigen Sockeltrakt verbundene Wohntürme vor. Auf einen Anbau der vorgelagerten Lagerhalle wird zugunsten eines Durchgangs zwischen Neubau und Halle verzichtet. Mit dieser Konzeption werden die städtebaulichen Setzungen des Nachbarareals Letzibach D geschickt aufgenommen und weiterentwickelt. Die beiden Tati-Hochhäuser orientieren sich in ihrer Grundfläche und in ihrer Höhe am angrenzenden Hochhaus Letzibach D. Die Gebäudeabstände und die Ausrichtung der beiden Hochhäuser sind so gestaltet, dass aus dem geplanten Einzelhochhaus des Nachbarareals ein kompositorisch austariertes Ensemble von drei Hochhäusern entsteht. Der Sockeltrakt nimmt die Regelhöhe der bestehenden Nachbarbauten auf und leichte Volumenauskragungen der Türme schaffen zusätzliche spannende Bezüge zum baulichen Umfeld. Während das ostseitige Hochhaus auf die Stirnfassade der Lagerhalle gefluchtet ist, ragt das westliche Hochhaus leicht über dessen Flucht hinaus, dadurch wird die platzartige Aufweitung des Strassenraums im Mündungsbereich der Flurstrasse räumlich besser gefasst und die Adressbildung der Wohnhochhäuser gestärkt. Das Zurückweichen der Hochhäuser in die zweite Reihe und das Freistellen der Lagerhalle helfen, dass die für diesen Ort typische und identitätsstiftende Abfolge gewerblich genutzter Kleinbauten entlang der Hohlstrasse lesbar bleibt und sich im Innern des Areals eine zusätzliche Wegverbindung in West-Ost-Richtung eröffnet. Auf diese Weise antizipiert das Projekt geschickt eine mögliche künftige Entwicklung des östlich anschliessenden SBB-Werkstättenareals.

Auch das Freiraumkonzept nimmt die Charakteristik des Ortes auf und unterscheidet in einen urbanen, differenziert und sorgfältig ausgestalteten Stadtplatz und eine eher ruderal geprägte Promenade direkt am Gleisraum. Die Gleisuferpromenade erscheint durch die vielen flankierenden Vegetationsinseln leicht überinstrumentiert, ansonsten überzeugt die Freiraumgestaltung. Die Beziehung der Erdgeschossnutzungen zum Aussenraum ist schlüssig. Die Zufahrt in die Tiefgarage ist in den Baukörper integriert. Die Eingänge zu den Wohnhochhäusern und zu den Atelierwohnungen im Verbindungstrakt liegen gut auffindbar am grosszügig bemessenen Durchgang zwischen Lagerhalle und Neubau. Über diesen Durchgang sind auch die publikumsorientierten Gewerbenutzungen in der Lagerhalle zugänglich, wobei diesen zusätzliche Zugänge an der Hohlstrasse zur Verfügung stehen, was deren Anbindung an den Strassenraum stärkt. Das für den Ausbau der Lagerhalle vorgeschlagene «Haus im Haus» Thema erscheint plausibel, allerdings wirkt die Darstellung im Querschnitt etwas beengt.

Die 157 Wohnungen werden über zwei kompakte, in den beiden Türmen vierspännig ausgebildete Treppenhäuser erschlossen. Das Wohnungsangebot ist qualitativ hochwertig und facettenreich. Während im Verbindungstrakt nebst den Maisonette-Atelierwohnungen primär kleinere, gegen Süden ausgerichtete Laubengangwohnungen angeordnet sind, befinden sich in den beiden Türmen die Mehrheit der 2 ½ bis 4 ½ -Zimmerwohnungen. Diese sind allesamt über Eck angeordnet und profitieren durch ihre attraktive zweiseitige Ausrichtung. Insgesamt sind die Wohnungen eher etwas zu gross und bei einem Teil der Wohnungen ist die Situierung der Küchen nicht ideal, ansonsten überzeugt die Qualität der Wohnungsgrundrisse. Der Vorschlag, im 7. Obergeschoss ein Zwischengeschoss für Technik- und Gemeinschaftsräume mit gemeinschaftlich nutzbarer Dachterrasse einzurichten, wird begrüsst. Die Grundrissausgestaltung vermag aber noch nicht vollumfänglich zu überzeugen und ist im Dialog mit der Bauherrschaft anzupassen.

Nebst einer hohen Wirtschaftlichkeit überzeugt das Projekt auch durch eine sorgfältige, den industriellen Charakter des Ortes wiederspiegelnde Materialisierung. Als Hauptreferenz dienen die bestehenden Werkhallen auf dem Areal der SBB-Werkstätten. Es gelingt den Verfassenden die Stimmigkeit des Ortes auf beeindruckende Art und Weise in Form, Material und Farbe umzusetzen.

Das Projekt «Tati» basiert auf einer präzisen Analyse und Interpretation des Ortes und besticht durch eine hohe städtebauliche und architektonische Qualität. Trotz der hohen baulichen Dichte wirkt das Projekt entspannt und schafft es, die bestehende Holzlagerhalle und die benachbarte Überbauung Letzibach D auf beeindruckende Art und Weise einzubinden und sich selber überzeugend in Szene zu setzen...

Perron (2. Rang, Boltshauser Architekten)

Die Projektverfassenden setzen anstelle der erhaltenswerten Halle eine prägnante Wohnscheibe unmittelbar an die stark vom Verkehr belastete Hohlstrasse und verschieben die erhaltenswerten Elemente der Halle in die Tiefe des Areals. Damit weichen sie zwar in vieler Hinsicht von den gängigen städtebaulichen Prinzipien entlang der Hohlstasse ab, gleichzeitig schaffen sie mit dieser Setzung und Verschiebung überraschend viele städtebauliche sowie freiräumliche Vorteile.

Durch die Setzung der Scheibe direkt an die Strasse geschieht eine interessante Raumbildung mit einer schachbrettartigen, spannungsvollen Abfolge von freiräumlichen Plätzen und wichtigen Durchsichten. Die Bildung einer Torsituation wird zu Gunsten einer Ensemblewirkung der verschiedenen Hochpunkte mit ähnlicher Höhenentwicklung entlang der Hohlstrasse vermieden. Der grosse Abstand der Scheibe zum Projekt Letzibach D sowie der räumliche Versatz zum benachbarten Hochpunkt generierte eine grössere räumliche Distanz der beiden Hochpunkte zueinander und ist ein grosser Vorteil für die Ausblicke aus den Wohnungen beider Wohnhochprojekte. Gleichzeitig ist diese Setzung aber auch Auslöser städtebaulicher Defizite auf Erdgeschossebene: Zum Einen wirkt die zu dominante Sichtachse von der Flurstrasse her auf die Gleise zu ausgedehnt und räumlich zu wenig gefasst. Zum Andern wird mit der Setzung der Scheibe unmittelbar an die Hohlstrasse eine starke Verengung der Strasse in Kauf genommen ohne eine Antwort auf der Erdgeschossebene der Scheibe zu geben...

Mallet (3. Rang, BS + EMI Architektenpartner)

Die Verfasser des Projekts «Mallet» verstehen die bestehende Halle städtebaulich und formal als konstituierendes Element der gesamten neuen Anlage. Durch den direkten Anbau zweier Volumina – einem achtgeschossigen, die Halle begleitenden Längsbau und einem vierundzwanziggeschossigen Turm an der zur Stadt gelegenen Stirnseite – entsteht ein dichtes Konglomerat. Dieses überzeugt sowohl als kompositorische Setzung als auch als Fortführung der vorgefundenen Abfolge von höheren und tieferen Baukörpern entlang der Geleise. Durch die grosse Distanz des Turms zum projektierten Hochhaus des Teilareals Letzibach D gelingt eine entspannte Gegenüberstellung. Die Kürzung der Halle um drei Achsen entspricht dem konzeptionellen Ansatz und scheint auch aus Sicht der Denkmalpflege folgerichtig. Die Masse des Konglomerats und die Höhe des Turms werden von der Jury im Kontext aber als zu wuchtig und zu hoch empfunden.

Zwischen der neuen Überbauung und dem projektierten Hochhaus entsteht ein gut dimensionierter, mit Bäumen bestandener Platz am Gleisfeld, der allerdings nur auf den Längsseiten gefasst ist und räumlich keinen gültigen Abschluss der Flurstrasse bildet. Die Zufahrt zur Einstellhalle liegt am richtigen Ort, der kleine Anbau vermag die starke Komposition aber nicht wie von den Verfassern erhofft zu komplettieren, vielmehr erscheint er in seiner Dimension und Position als störendes Element...

Leo (4. Rang, EM2N | Mathias Müller | Daniel Niggli Architekten)

Die Verfasser schlagen die simple Setzung eines langen, die bestehende Halle begleitenden Volumens vor. Die etwas nähere Position zur Hohlstrasse im Vergleich zum projektierten Turm des Teilareals Letzibach D und die mit 15 Geschossen deutlich geringere Höhe – die sich an den Türmen des Teilareals C anlehnt – ermöglicht eine überzeugende Fortsetzung der grossräumlichen städtebaulichen Figur entlang des Gleisfelds. Die Holzlagerhalle erscheint vor der neuen Dimension des Neubaus jedoch als etwas isoliertes Relikt. Auch der gleisseitige zweigeschossige Anbau wirkt zu schwach um die von den Verfassern propagierte Verankerung mit dem Gleisareal zu leisten.

In der Fortsetzung der Flurstrasse entsteht ein angenehm definierter Platz mit guter Aufenthaltsqualität und diagonaler Beziehung zur gegenüberliegenden Seite der Gleise. Ein ähnlich ausformulierter Platz an der anderen Stirnseite der Halle weist räumlich noch nicht die gleiche Qualität auf und ist von der weiteren Entwicklung der angrenzenden Grundstücke abhängig...

Castor & Pollux (5. Rang, Graber Pulver Architekten)

Die Projektverfassenden von «Castor & Pollux» schlagen ein Ensemble aus zwei schlanken, 74m hohen Wohntürmen, der Holzlagerhalle und einem flachen Erweiterungsbau vor. Die Lagerhalle wird im Osten um zwei Achsen gekürzt. Zusammen mit dem benachbarten 61m hohen Wohnturm des Areals Letzibach D soll der Knotenpunkt der wichtigen Achsen Hohl- und Flurstrasse akzentuiert werden. Mit einer Situierung der Wohntürme quer zur Hohlstrasse wird der Durchlässigkeit des Quartiers in Nord-Süd-Richtung und der Lärmschutzthematik bei der Ausbildung der Wohnungsgrundrisse Rechnung getragen. Die beabsichtigte Ensemblebildung wird begrüsst, aber die relativ niedrige Halle und der nördlich anschliessende eingeschossige Erweiterungsbau erscheinen als Bindeglieder zu flach, um eine Ensemblewirkung generieren zu können. Im weiteren irritiert die Dualität der beiden Hochhäuser, diese erschwert eine dialogische Einbindung des benachbarten Hochhauses Letzibach D. Auch die Situierung der Hochhäuser in Bezug zur Halle und zum stadträumlichen Kontext mag nicht vollumfänglich zu überzeugen. Durch die leicht nach Osten gerückte Position des westlichen Wohnturms resultiert eine zu grosse Lücke zum Hochhaus Letzibach D. Der Abschluss der Achse Flurstrasse wird somit zuwenig gefasst. Die Position des östlichen Hochhauses schottet die Lagerhalle gegen Osten hin ab, was deren Beziehung zu den übrigen, ähnlich dimensionierten und materialisierten Industriebauten des SBB-Werkstättenareals schwächt...

Falco (6. Rang, Guagliardi Ruoss)

Zwei unterschiedlich hohe Wohntürme auf einem siebengeschossigen Sockel bilden durch das nahtlose Zusammenfügen mit der erhaltenswerten Backsteinhalle ein kompaktes Ensemble.

Der Westturm hat eine polygonale Grundfigur und wirkt relativ massig. Seine Längsachse ist gegenüber dem orthogonal strukturierten städtischen Kontext um fünfundvierzig Grad abgedreht. Seine Abmessungen sind durch Übernahme der Gebäudefluchten vom Siegerprojekt «Mira» des Areals Letzibach D bestimmt und mit der polygonalen Geometrie auf den Sockel sowie den Ostturm umgeleitet. Der siebengeschossige Sockel nimmt die Regelhöhe der Nachbarbauten auf. Indem das westliche Hochhaus über die Gebäudeflucht der Flurstrasse hinausgeschoben ist, wird der Strassenraum im Mündungsbereich der Flurstrasse gegenüber dem offenen Gleisefeld gestoppt. Zwischen dem Projekt «Mira» und dem Westturm entsteht ein in der Dimension angemessener Zwischenraum. Dem erweiterten Platzraum vor dem Projekt «Mira» wird ostseitig Halt gegeben. Die Freiraumgestaltung ist nicht überladen, sondern einfach und klar. Mit dem Weiterführen des Freiraumkonzeptes gelingt es den Platzraum zusätzlich zu stärken. Die Erschliessung der Tiefgarage erfolgt über den Platz, ist aber problemlos. Die Einfahrt wird ins Gebäude integriert. Die Fussgänger- und Veloverbindungen werden sinnvollerweise entlang den Gleisen weitergeführt. Den Freiraum rund um das Ensemble einheitlich zu gestalten, ist schlüssig zumal er sich auf der Nordseite nochmals zu einem kleinen Platz ausweitet, an dem sich zwei Eingänge befinden, die zur Halle führen.

Der Umgang mit der Halle ist einfach und klar. Die beiden rückseitigen Erschliessungen und der längsgerichtete Einbau ermöglichen ein flexibles Bespielen der Halle. Der Gedanke, sie für publikumsorientierte Marktnutzungen zu gebrauchen, die einen direktem Bezug zum östlichen und westlichen Platzraum haben, ist interessant und könnte sich für die Belebung des Aussenraums positiv auswirken. Für den Erhalt der Halle ideal ist, dass sie weiterhin mit einem Zwischenklima bespielt werden kann. Einzig die Räume unter der Galerie sind als kleinteilige beheizte Dienstleistungsräume konzipiert...



(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)

Weitere Informationen auf www.konkurado.ch

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