Nichtoffener Wettbewerb «Öffnung des Flughafengebäudes Tempelhof – Tower THF»

Die Geschichte der Geschichte
:mlzd aus Biel gewinnen den Wettbewerb für Umnutzung des Kopfbaus am Berliner Flughafen Tempelhof. Ihr Entwurf schafft den Spagat zwischen Gestaltungsfreude und Respekt vor der Historie.

Fachpreisrichter

  • Jörg Springer (Vorsitz, Architekt, Berlin)
  • Ursula Hüffner (Architektin, Berlin)
  • Werner Lorenz (Tragwerksplaner, Berlin)

Resultat

Als im Oktober 2008 der Flughafen Tempelhof den Flugbetrieb einstellte, endete nicht nur die zivile Luftfahrt mitten im Zentrum von Berlin. Es war zugleich der Schlusspunkt einer Epoche: In dem monumentalen Bau, den die Nationalsozialisten 1936–1942 errichtet hatten, war bis 1993 die U.S. Air Force stationiert. Hierhin reichte die Luftbrücke, die Berlin während der Blockade 1948/49 versorgte und den Flughafen international bekannt machte. Seit 2010 ist das Rollfeld als Freiraum für alle offen, die 355 Hektar gelten als eine der interessantesten Freiflächen Europas. Der Flughafenbau hingegen ist derzeit nur im Rahmen von Veranstaltungen und Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit rund 300 000 m² Bruttogeschossfläche und sieben Hangars gehört er zu den grössten Bauwerken Europas. Viele Ideen für seine Weiternutzung, vom Filmstudio bis zum Krankenhaus, wurden in den letzten Jahren publik. Aktuell soll ein neues Quartier für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft entstehen. Auch ein Besucherzentrum und der Einzug des AlliiertenMuseums sind geplant.

Auf dem Dach des Kopfbaus West ist eine Aussichtsterrasse geplant. Dabei soll der ehemalige Tower zugänglich gemacht werden. Die Terrasse und ihre Erschliessung sind der Auftakt für eine 1.3 km lange Geschichtsgalerie, die Besucher über die ursprünglich als Tribüne konzipierten Dächer des Flughafengebäudes führen soll. Von hier lassen sich das Gelände und ein grosser Teil Berlins überblicken, hier sollen Geschichte und stadträumliche Einbindung des Orts erzählt werden.

Komplexer Rahmen

Die 15 geladenen Teilnehmer des Wettbewerbs hatten vor allem logistische und denkmalpflegerische Fragen zu beantworten: Wie werden die Besucher durch den Treppenturm über sechs Geschosse zur Dachterrasse geführt? Wie wird im OG des Kopfbaus West eine Ausstellung eingerichtet? Und wie begegnet man dem denkmalgeschützten Bestand mit seinen vielen Zeitschichten?

Ohne Ortskenntnis war die Aufgabe nicht zu lösen: Der Treppenturm hat derzeit keinen barrierefreien Eingang auf Strassenniveau, zudem ist die zum Teil zweiläufige, zum Teil zentralläufige Treppe nur zur Hälfte für die Erschliessung ausgebaut; die andere Hälfte, durch eine Wand getrennt, ist mit Haustechnik verbaut. Drittens braucht die künftige Treppenanlage einen zusätzlichen Fluchtweg.

Auch Überlegungen für die Verstärkung der Betondecken waren gefragt – sie wurden nach dem Krieg mit einfachen Mitteln gebaut, sollen künftig aber bis zu 400 Personen tragen. Ausserdem muss die Terrasse barrierefrei erschlossen werden, ohne aber der Dachsilhouette mit dem Tower durch einen Fahrstuhlausgang Konkurrenz zu machen. Im Dachgeschoss war zu ­klären, inwiefern die Ausstellungsetage an die ursprüngliche Mittelgangerschliessung der Büroetage erinnert und ob die Deckenkon­struktion im Rohbau sichtbar bleibt.

Während viele der in der Vorrunde ausgeschiedenen Arbeiten Stege aus Metall oder Beton vorschlagen und vergleichsweise grosse Dachaufbauten visualisieren, lässt der siegreiche Vorschlag von mlzd: Respekt vor dem Bestand und Gestaltungsfreude zugleich erkennen. Dem dominierenden Beton setzen die Architekten Holz und Stahl entgegen, zudem erzählen sie eine kleine gestalterische Geschichte: Sie beginnt mit einer skulpturalen Stahltreppe, die die Besucher vom Strassenniveau ins 1. OG bringt. Dort werden sie mit einem Holzteppich abgeholt, durch den in voller Breite geöffneten Treppenturm in die 6. Etage, durch die Ausstellung und schliesslich aufs Dach geführt, wo der restaurierte Tower zum Exponat wird. Ein Holzbelag formt eine Landschaft mit Sitzstufen und einer Rampe für Rollstuhlfahrer, die zum Tower weist. Indem die Architekten den Austritt der Fluchttreppenhäuser in die Etage darunter verlegen, vermeiden sie Dachaufbauten. Den unvermeidlichen Liftschacht auf dem Dach zeichneten sie nur dezent in ihre Pläne. Der Jury missfiel die «kraftvolle Zeichenhaftigkeit» der Stahltreppe; von der «hohen Aufenthaltsqualität» der Terrasse, dem «offenen Raumkonzept» der Ausstellung und den «vielversprechenden Lösungswegen im Umgang mit dem hochkomplexen und vielschichtigen Bestand» hingegen war sie begeistert.

Die Zeit drängt

Für die Umsetzung des Projekts hat die Stadt Berlin über 6 Mio. Euro aus dem Bundesprogramm «Nationale Projekte des Städtebaus» eingeworben. Wegen der Förderungsbedingungen muss die Dachterrasse des Towers bis Ende 2018 fertiggestellt sein. Dann sollen auch die weiteren Abschnitte der Geschichtsgalerie auf den Dächern des Hangars in Angriff genommen werden.

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