Stadtbummel mit einem Museumsdirektor

Rundgang durch Basel mit Andreas Ruby

Unsere Kollegen von TRACÉS waren mit dem neuen S AM-Direktor Andreas Ruby unterwegs durch Basel. Andreas Ruby spricht an den von ihm gewählten Stationen wie dem Tinguely-Brunnen, einem postmodernen Gebäude von Marcus Diener, der grossen Dachterrasse des Universitätsspitals und dem Rathaus über seine Sicht der Stadt am Rhein und seine Vorhaben am S AM.

Cedric van der Poel Co-Leiter espazium.ch

Yony Santos rédacteur on line

Stadtplan: der Spaziergang mit Andreas Ruby im Überblick
 

Station 1: Schweizerisches Architekturmuseum, Theaterstrasse

TRACÉS: Sie sind seit letztem Jahr in Basel. Was sind Ihre ersten Eindrücke?

Andreas Ruby: Ich bin im Mai 2016 von Berlin nach Basel gezogen. Die beiden Städte kontrastieren stark, ich sehe markante Unterschiede. Ganz allgemein gefällt mir an Basel das Verhältnis zwischen seiner Grösse und der Vielfalt der kulturellen Intelligenz, die man hier findet. Der Anteil der Menschen, die im weiteren Sinn in der kulturellen Welt aktiv sind, ist hier höher als in manch anderen, grösseren Städten.
 

Station 2: Tinguely-Brunnen und Historisches Museum Basel (alte Barfüsserkirche)

Andreas Ruby: Hier sind wir an einem Ort, der eine der anziehenden Eigenheiten Basels verkörpert: die atmosphärische Vielfalt. Der Tinguely-Brunnen und das Theater bilden in ihrer topografischen Komposition eine lebendige Landschaft: Wenn man durch die Theaterpassage geht, gelangt man zu einem ruhigeren Raum am Historischen Museum Basel – an der alten Barfüsserkirche entlang – und zu einem Kloster. Ich kannte von Basel nur die Klischees, die man antrifft, wenn man zum Beispiel die Art Basel besucht. Jetzt, weil ich hier lebe und arbeite, entdecke ich beim Spazieren lauter kleine Meisterwerke.
 

Station 3: Haus zum Sodeck (postmoderner Bau von Marcus Diener, 1981), Freie Strasse 74

Andreas Ruby: Ein Gebäude, das mir auf meinen Rundgängen sofort auffiel, ist zum Beispiel dieser Bau von Marcus Diener. Mit der Feinheit seiner Details und seiner Frische ist er eines der wenigen Beispiele postmoderner Architektur, das ich richtig gut finde.


TRACÉS: Sie haben eine Kommunikationsagentur und einen Verlag gegründet, bevor Sie an die Spitze des Schweizerischen Architekturmuseums berufen wurden. Diese Sensibilität für die Kommunikation ist in Ihren öffentlichen Aktionen zu spüren. Ihre Ausstellungen zeichnen sich zum Beispiel dadurch aus, dass sie viele Lesarten zulassen. Damit öffnen sie sich für ein breiteres Publikum. Wie beeinflusst das Ihre kuratorische Praxis oder Methode?

Andreas Ruby: Architektur ausstellen ist per se problematisch, weil es nicht möglich ist, das Werk der Architektur, also das Gebäude an sich zu zeigen. Man kann nur Repräsentationen oder Artefakte davon zeigen wie Pläne, Zeichnungen oder Modelle, also in einer indirekten Weise auf die physische Realität von Architektur verweisen oder darauf anspielen. Eine Architekturausstellung erzeugt deswegen immer auch eine gewisse Distanz zu ihrem Gegenstand, was bei den Besuchern zu Frustrationen führen kann. Man muss dieses Paradox überwinden, wenn man das Interesse einer Öffentlichkeit gewinnen will, die über den Kreis der ohnehin schon Eingeweihten hinausgeht.

Im Allgemeinen werden in Architekturausstellungen Fotos gezeigt oder Pläne, die für einen Grossteil der Besucher leider relativ abstrakt sind. Ich stelle mir deshalb jedes Mal dieselbe Frage: Wie kann man das Erlebnis für den Besucher direkter und konkreter machen? Wie können wir den Besuchern die Unmittelbarkeit der Emotion vermitteln, die ich erlebe, wenn ich ein Gebäude besuche, das mich berührt? Eine der möglichen Antworten, mit der ich seit einiger Zeit experimentiere, ist die Arbeit am Massstab der Darstellung.

In der ersten Ausstellung, die ich im S AM zeige – «Schweizweit», die bis im Mai läuft –, sind 162 Architekturbüros mithilfe von Bildern ausgestellt, die auf eine 22 m lange, 2.5 m hohe Wand projiziert werden. Sechs Projekte werden Seite an Seite gezeigt, um eine buchstäbliche Vision der Architekturen zu produzieren, die über die ganze Schweiz verteilt existieren. Dieses szenografische Dispositiv liefert eine Gesamtsicht der Schweizer Produktionen, und der architektonische Massstab erleichtert den Besuchern das Eintauchen in die präsentierten Werke.

Station 4: Postgebäude, Rüdengasse

Andreas Ruby: Dieses Gebäude mag ich sehr. Es erinnert mich ein wenig an die Postsparkasse von Otto Wagner in Wien und zwar in seiner Art, eine einfache Funktion mit einer dichten und ungewöhnlichen architektonischen Atmosphäre zu laden. Es hat mit einem architektonischen Konzept zu tun, das ich in meinen Ausstellungen gern anwende, nämlich dem cross-programming von Bernard Tschumi. Ihm zufolge entsteht das Ereignis in der Architektur, der «architektonische Schock», wenn ein Programm auf einen Ort angewendet wird, den wir ihm normalerweise nicht zuordnen. Das typische Beispiel ist eine Bibliothek, die in einem Hallenbad eingerichtet wird. Mit diesem neugotischen Gebäude erleben wir einen ähnlichen Schock: Aussen sieht es aus wie ein repräsentatives Bauwerk, aber innen hat es die völlig banale, alltägliche Funktion eines Postamts.

TRACÉS: Mit diesem Vorgehen kann man auch eine Verfremdung herbeiführen, eine Voraussetzung, um mit einer neuen Bedeutung aufzuladen ...

Andreas Ruby: Genau. Es ist das Konzept, das mir an Bertolt Brechts Verfremdungstheorie so gut gefällt. Ich versuche, mich bei der Gestaltung meiner Ausstellungen davon inspirieren zu lassen. Es lässt oft das Aussergewöhnliche aus dem Alltäglichen hervortreten.

Station 5: Rathaus Basel, Marktplatz 9

Andreas Ruby: Das Rathaus ist ein gutes Beispiel für diese Stadt, die eine avantgardistische Positionierung pflegt und zugleich an einer sehr traditionellen Verwaltung festhält. Ich würde es als «gotisches Pop-Gebäude» definieren. Die Farben – innen wie aussen – und die Texturen stehen in einem Gegensatz zum fast religiösen Fundamentalismus der Deutschschweizer Architektur, die sich im Allgemeinen keine Farben gestattet: Beton muss nackt und roh sein, «no lipstick on the face of a gorilla», um Norman Foster zu zitieren. Hier wurden Farben und Materialien dagegen kühn eingesetzt. Dieses Gebäude zeigt, dass es möglich ist, mit Geschichte und Tradition nicht nostalgisch umzugehen, sondern lebendig und informell.

In diesem Sinn symbolisiert es die produktive Schizophrenie Basels: Die Stadt erscheint in ihrer urbanen Komposition immer noch mittelalterlich und durch ein stark in der Vergangenheit verankertes Bürgertum definiert, aber sie wird von der hochtechnologischen Pharma-Branche genährt und ist als eines der internationalen Zentren für zeitgenössische Kunst anerkannt. In meinen Augen macht gerade die Reibung zwischen diesen beiden Massstäben und Realitäten die Stadt so spannend und bewahrt sie vor einer gewissen Provinzialität.
 

TRACÉS: Widersprüche akzeptieren heisst Unterschiede akzeptieren. Vielleicht ist das eine der urbanen Bedingungen: Nicht nach Homogenität streben, sondern eher nach Vielfalt?

Andreas Ruby: Ja, sicher. Aber ich bin auch empfänglich für diesen Widerspruch, denn ich wurde nicht in Basel geboren, ich bin ein «legal alien». Diese Distanz – eine Art natürliche Fremdheit – sensibilisiert meine Wahrnehmung da automatisch.

Station 6: Martinskirchplatz

Andreas Ruby: Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre. Wir haben uns aus dem Getümmel auf den Marktplatz zurückgezogen und befinden uns etwas abseits, beim Staatsarchiv. Hier ist es weniger laut und weniger belebt. Ich liebe diese Mikro-Ambiancen. Basel kann diese verschiedenen Stimmungen und unterschiedlich intensiven Kulissen gut «synchronisieren» und inszenieren. Die Stadt ist dicht und konzentriert, aber auf meinen Spaziergängen kann sie mich echt überraschen.
 

TRACÉS: Kommen wir auf Ihre Arbeit als Kurator zurück. Hat die Reibung unter den Massstäben und zeitlichen Bauperioden Basels, zwischen Lokalismus und Globalismus, einen Einfluss auf die Art, wie Sie das S AM sehen und es propagieren werden?

Andreas Ruby: Das ist eine gute Frage. Die erste Aufgabe, die ich mir vorgenommen habe, ist die Neuausrichtung des Museum auf die Schweiz. 1984 hat eine engagierte Gruppe von Gleichgesinnten das Architekturmuseum (AM) gegründet und es während rund 20 Jahren geführt. 2006 wurde das Museum auf den Namen Schweizerisches Architekturmuseum (S AM) umgetauft. Meiner Meinung nach wurde es aber nie klar in diesem Sinn neupositioniert. Ich habe mich dieser Aufgabe jetzt angenommen.

Welchen Einfluss kann der Name Schweizerisches Architekturmuseum für unsere Programmgestaltung, unsere Themen und unsere Ausstellungen haben? Wie ist die «Swissness» dieser Institution zu definieren? Und schliesslich: Was ist Schweizer Architektur? Das waren die ersten Fragen, die ich mir gestellt habe. Die erste Antwort liefern wir mit der Ausstellung Schweizweit, mit der wir eine Art visuellen Atlas der Schweizer Architekturszene anlegen, oder besser gesagt: der Schweizer Architekturszenen. Wir wollen zeigen, dass sie mannigfaltig und oft regional organisiert sind.

TRACÉS: Sie wollen also mit einer Introspektion der Schweizer Bauproduktion beginnen?

Andreas Ruby: Ja, genau. Mit diesem Ziel haben wir eine Reihe von drei Ausstellungen geplant. Die erste, eine Videoinstallation der beiden Zürcher Architekten Mateja Vehovar und Stefan Jauslin auf der Fassade des Museums im November 2016, ist eine Interpretation von Kurzfilmen, die auf einen Aufruf aus unserem Publikum eingegangen sind. Mit diesem 22-minütigen Video wollte ich zeigen, dass das S AM auch ein Museum ist, das sich in den urbanen Kontext von Basel einfügt, und dass die Architektur nur der schönste Vorwand ist, um die Stadt zu präsentieren. Zudem wollte ich zeigen, dass das Publikum nicht nur aus den Menschen besteht, die sich jetzt schon für diese Kunstform begeistern.

Meine Arbeit besteht auch nicht darin, autoritär meinen Standpunkt durchzusetzen, sondern einen verständlichen Diskurs über die Raison d’Être der Architektur und über die Art auszulösen, wie sie sich auf den Alltag aller Einwohner auswirkt. Die zweite Ausstellung «Schweizweit», über die wir schon gesprochen haben, und die dritte, die im Sommer 2017 eröffnet wird, handeln vom Schweizer Architekturexport. Was produzieren Schweizer Architekten im Ausland? Bauen sie Werke, die sie in der Schweiz nicht realisieren können? Und inwiefern beeinflusst diese ausländische Produktion ihre Arbeit in der Schweiz?
 

Station 7: Pfalz

Andreas Ruby: Von der Pfalzterrasse sieht man über den Rhein und seine Ufer. Das rechte Ufer ist ein stark besuchter öffentlicher Raum, das linke liegt höher und ist in privaten Händen. Man hat hier eine sehr schöne Sicht auf den Roche Tower, der die Aussage der bevorstehenden dritten Ausstellung perfekt illustriert: Dieser Turm ist meines Erachtens das Resultat von Arbeiten, die Herzog & de Meuron im grossen Massstab im Ausland realisiert haben. Die Tatsache, dass sie Gebäude dieser Grössenordnung ausserhalb der Landesgrenzen erstellen konnten, hat den Weg für den Roche Tower geebnet, dessen Massstab und Ausdruck nicht lokal, sondern international sind. Das bringt uns wieder auf die Basler Dichotomie.
 

TRACÉS: Haben Sie keine Angst, das S AM mit diesen drei Ausstellungen auf ein Architekturmuseum zu reduzieren, das sich auf die nationale Produktion zurückzieht?

Andreas Ruby: Wir wollen kein Museum über die Schweiz, sondern eines für die Schweiz. Wir möchten auch einen allgemeinen Diskurs über die aktuellen architektonischen Fragen führen. Zum Beispiel halte ich es für sehr wichtig, die städtische Entwicklung anzuschauen, die urbanen Dynamiken der Städte in Ländern mit starkem demografischem Wachstum, insbesondere in Afrika oder in Asien. Wir bereiten für 2017 eine Ausstellung über die Architektur in Bangladesch vor, und später wird es weitere geben, die sich mit Kontexten befassen, die mit der Schweiz wenig zu tun haben.
 

TRACÉS: Bleiben wir bei dieser lokal-globalen Logik. In der Schweiz entwickeln sich zahlreiche Architekturzentren: die CUB in Lausanne, der Pavillon Sicli in Genf, das Théâtre de l’Architecture und das i2a im Tessin ... Wie sieht die Strategie des S AM aus: Wollen Sie Zentralisierung versuchen oder mit der Suche nach Partnerschaften und Vernetzung auf Dezentralisierung setzen?

Andreas Ruby: Es gibt hier eine konzeptuelle Verschiebung, die in unserer Arbeit eine produktive Reibung erzeugt: die Dialektik zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung. Die Schweiz ist ein Land ohne Zentrum, mit der Kultur eines zurückhaltenden Bundesstaats und Kantonen mit grosser Autonomie. Ein entscheidendes Element dieser Dezentralisierung bildet das SBB-Netz, das praktisch das gesamte Landesgebiet erschliesst. Eine Institution, die sich mit der ganzen Schweiz befasst und sich an die ganze Schweiz wendet, ist kaum vorstellbar.

Ich möchte diese lokale Begrenzung unseres Museums überwinden, indem ich Kontakte mit anderen Städten und Architekturzentren knüpfe. Das S AM ist zuerst ein Produktionsort, ein strategisches Zentrum für Ausstellungen, die hier geplant und anderswo in der Schweiz oder in einer Art Filialen des S AM aufgebaut werden könnten. Unsere Tätigkeit geht über das Museum als solches hinaus, und ich denke über Strategien nach, um über unseren physischen Standort Basel hinauszuwachsen.
 

TRACÉS: Und haben Sie schon eine Idee oder eine Strategie, um die Grenzen des S AM zu sprengen?

Andreas Ruby: Ja, eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, besteht darin, im Massstab 1 : 1 und im Kontext mit der Schweizer Architektur zu arbeiten. Ich glaube, dass ein Architekturmuseum sich nicht auf den Museumsraum beschränken muss. Es hat vielmehr die luxuriöse Freiheit, hinauszugehen, spazieren zu gehen und die Architektur da draussen zu entdecken, wo sie am Werk ist.

Man könnte die ganze Schweiz als Erweiterung des S AM ausserhalb seiner Mauern betrachten und die Gebäude, die man hier findet, als Ausstellungsobjekte – nicht als Repräsentationen, sondern eben als Präsentationen ihrer selbst. Wir sind dran, eine Web-App zu entwickeln, die unser Publikum beim Entdecken wichtiger Architekturbeispiele, Infrastrukturen und öffentlicher Räume in der städtischen und ländlichen Landschaft anleiten wird. Mit dieser App möchten wir der Definition der Schweizer Architektur oder der Schweizer Architekturen mehr Tiefe geben. Es wird also nicht nur um architektonische Werke mit grossem A handeln, wie man sie in führenden Publikationen wie Wallpaper findet, sondern auch um einheimische, provozierende Bauwerke.
 

Station 8: Pharmazeutisches Institut Dach des Universitätsspitals Basel, Spitalstr. 26

Das Ziel ist, eine Seite der Architektur und des Gebauten bekannt zu machen, die manchmal weniger beachtet wird. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir stehen hier vor dem Pharmazeutischen Institut des Basler Spitals, das in den 90er Jahren von Herzog & de Meuron gebaut wurde. Dieses Gebäude wird in der App besprochen, aber es wird auch auf das zentrale Spitalgebäude direkt gegenüber hingewiesen. Auf dem Gebäude von Hermann Baur, das zwischen 1937 und 1945 entstand, liegt eine grossartige öffentliche Dachterrasse. Sie ist etwa 200 m lang und bietet Besuchern einen überraschenden Ausblick auf Basel. Das Ziel der App ist es, ihnen solche Entdeckungen nahezubringen. Ikonische Architektur wird zum Köder für Orte, die von den Medien weniger beachtet werden. Sie genügt sich nicht mehr selbst, sondern belebt die Stadt und die anderen Werke.

Die Idee ist, eine Architektursammlung ausserhalb des Museums zu schaffen und den Nutzern die Möglichkeit zu geben, die Sammlung nach einem in der App definierten Raster zu ergänzen. Die Idee ist auch die eines Museums, das nicht nur Werke etwa aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert sammelt und konserviert, sondern auch die Gegenwart dokumentiert.
 

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