Später Lohn für gutes Bauen

Siedlungserneuerung

Anders als bei Neubauten sind die gestalterischen Freiheiten für eine Erneuerung im Bestand oft gering. Dass eine Wohnsiedlung dennoch verbessert werden kann, stellt die Zürcher Genossenschaft ­E­igengrund unter Beweis. Das Instandsetzungsprojekt meistert zentrale Nachhaltigkeitshürden, auch dank erhaltener Qualitäten.

Leonid Leiva Fachjournalist, Faktor Journalisten

Die Genossenschaft Eigengrund hat ihre Wohnsiedlung Winzerhalde in Zürich Höngg instand gesetzt und trotz denkmalpflegerischer Vorgaben eine Zertifizierung nach dem Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) angestrebt. Die kammartig angeordnete Wohnsiedlung entstand zwischen 1982 und 1984; das Areal direkt am Limmat­ufer gehört der Stadt Zürich und wurde im Baurecht zur Verfügung gestellt. 1985 wurde ihr die «Auszeichnung für gute Bauten der Stadt Zürich» zuteil. 2013 fand die fast 2 ha grosse Überbauung Aufnahme im lokalen Inventar der schützenswerten Bauten und im Inventar der Gartendenkmalpflege.

Die besondere städtebauliche Qualität – die fliessenden Übergänge zwischen Bau­körpern und Aussenraum – ist sicher ihrer attraktiven Lage zu verdanken. Ein weiteres Markenzeichen der Winzerhalde ist die ausdrucksstarke Fassade mit sichtbarer Betontrag­struktur und rotem Sichtbackstein. Die Vielfalt der Grundrisse und die Vorgärten sorgen aus­serdem dafür, dass die Mietwohnungen nahezu den Charakter von Eigenheimen besitzen.

Die Überbauung haben die Siedlungsgenossenschaft Eigengrund und eine private Immobilienfirma vor 36 Jahren gemeinsam realisiert. Der genossenschaftliche Anteil am Westrand umfasst ein knapp 6000 m2 grosses Grundstück und drei von acht Mehrfamilienhäusern. Ihrerseits belegen die 43 Genossenschaftswohnungen eine Geschossfläche von 8686 m2. Die Ausnützungsziffer liegt bei 1.3.

Mitwirkung der Bewohnerschaft

Vor zwei Jahren hat die Genossenschaft eine Instandsetzung in Angriff genommen. Sie umfasst die Erneuerung von Küche und Bad, eine Sanierung der Haustechnik, energetische Verbesserungen an der Gebäudehülle sowie punktuelle gestalterische Aufwertungen im Innen- und Aussenraum. Der Entscheid, die Eingriffe mit einer SNBS-Zertifizierung zu kombinieren, fiel gleich zu Beginn. «Unser Bekenntnis zur sozialen Nachhaltigkeit deckt sich gut mit dem hohen Stellenwert, der dieser Dimension beim Gebäudestandard zukommt», sagt Eigengrund-Geschäftsführer Christian Zopfi. Dazu wurde ein internes Mitwirkungsverfahren durchgeführt, bei dem die Mieterschaft eigene Wünsche postulieren konnte. Zur Umgestaltung der Küchen wurden zwei bis drei Varianten zur Auswahl gestellt.

Diese Partizipation erhielt in der SNBS-Prüfung zwar gute Noten. Für das Projekt selbst ergaben sich daraus aber auch nachteilige Effekte: Weil sich die Bewohner gegen neue Zugänge im Aussenbereich wehrten, musste die Genossenschaft auf geplante Verbesserungen verzichten.

Die Meinung der Betroffenen fasste man dennoch zu einem Schwerpunkt dieser Instandsetzung ­zusammen: Ein Teil der Geschosswohnungen sollte ­bar­rierefrei werden, was mit einer Neuorganisation von Erd- und Untergeschoss in der Nordzeile verbunden war. Als weitere Kettenreaktion löste der neue, hindernisfreie Zugang im Aussenraum eine Aufwertung des benachbarten Spielplatzes aus. Die Genossenschaft konnte damit wichtige Punkte für das Nachhaltigkeitszertifikat sammeln. Denn an sich ist die Hindernisfreiheit für Gebäudeerneuerungen keine Pflicht. Gemäss Joëlle Zimmerli von der SNBS-Zertifizierungsstelle gilt es hierbei abzuwägen, in welchem Verhältnis der Verbesserungsaufwand steht. «Würde dies zu einer starken Erhöhung der Mietpreise führen, kann man dies auch nicht sozial nachhaltig nennen.»

Neuverglasung statt Wärmedämmung

Mit dem Erneuerungsprogramm waren Fahrländer Scherrer Architekten, Zürich, betraut, die sich dafür in einem Planerwahlverfahren qualifizieren konnten. Als grösste Herausforderung für den begleitenden Zertifizierungsprozess nennt Büromitinhaber Gregor Scherrer den engen gestalterischen Spielraum. Jegliche Verbesserungen waren mit niederschwelligen Mass­nahmen zu erreichen. Sowohl die Denkmalpflege als auch die Bauherrschaft wünschte eine sanfte Sanierung; etwa an der Gebäudehülle: Das Zweischalenmauerwerk mit 5 cm Originaldämmung entsprach nicht mehr den aktuellen Anforderungen an die Energieeffizienz. Aber weil die Fassade integral denkmalgeschützt ist, kamen zusätzliche Dämmschichten nicht infrage. Ausserdem war das Flachdach erst vor etwa zehn Jahren saniert worden, weshalb «keine Verbesserungen vorgenommen werden konnten», sagt Architekt Scherrer.

Stattdessen konzentrierte man sich auf eine Erneuerung der Fenster respektive auf den Ersatz der Verglasung. Man beliess die breiten Rahmen der Kämpferfenster und spannte neue Isoliergläser ein, mit hoher Lichtdurchlässigkeit und tiefem U-Wert. So wird der Verlust von Transmissionswärme minimiert, bei Maxi­mierung des Tageslichteintrags. Im Innern wurden Küche und Bad erneuert. Einige Nasszellen erhielten Duschwannen mit integrierter Wärmerückgewinnung. Insgesamt blieb die Eingriffstiefe der Instandsetzung gering; damit aber gelang es, die Bilanz der grauen Energie zu optimieren und bei diesem Nachhaltigkeitskriterium eine weitere gute Benotung einzufahren.

Ins Auge gefasst wurde ursprünglich auch eine Nutzung des Regenwassers zur Bewässerung der ­Vorgärten. Damit wären die Anforderungen an eine nachhaltige Siedlungsentwässerung erfüllt gewesen. Allerdings hätte man dafür zwei Speichertanks im UG bereit­stellen müssen. Weil die Genossenschaft davon abkam, fiel die Bewertung zwar ungenügend aus. Aber selbst die externen SNBS-Examinatoren hielten diese Massnahmen für unverhältnismässig, weswegen dies ausnahmsweise akzeptiert worden sei, bestätigt Zimmerli.

Zwar verzichtete man auf Versickerung und Retention des Meteorwassers, dafür wurde die Umgebung naturnah umgestaltet und dadurch ökologisch aufgewertet. Vor der Instandsetzung waren die Vor­gärten banale Rasenflächen; nun gedeihen hier Blütenpflanzen. Eine Neubepflanzung musste sowieso in Betracht gezogen werden. Die Abdichtung der darunter liegenden Tiefgarage war zu ersetzen. Weitere Verbesserungen im Aussenraum profitierten von Änderungen im Mobilitätsverhalten der Bewohner. So sind ehemalige Autoparkplätze am Siedlungseingang nun für Velos reserviert. Ebenso konnten unbenutzte Parkfelder in der Tiefgarage in Lager-, Bastelräume oder Veloabstellplätze umgenutzt werden. Die Neugestaltung der Umgebung schlug sich daher auch in der Nachhaltigkeitsbewertung à la SNBS positiv nieder.

Etliche Hürden waren dagegen bei anderen Themen zu meistern, insbesondere bei der Raumluftqualität, beim winterlichen Wärmeschutz und beim Primär­energieverbrauch im Betrieb. Anfänglich konnten die Anforderungen nicht erfüllt werden. Den Durchbruch ermöglichte jedoch ein vereinfachtes Lüftungsprinzip. Es dient der Steigerung des Komforts und der Energie­effizienz, entspricht aber nicht einer konventionellen kontrollierten, mechanischen Lüftungsanlage. Auch hier liessen die SNBS-Prüfer Augenmass walten: Man akzeptierte das präsentierte und im Endeffekt installierte System mit automatisierter Nachströmung.

Anpassen der Standardvorgaben

Wie flexibel der SNBS-Standard mit den Anforderungen an eine gute Raumluftqualität umgeht, zeigte sich in der Winzerhalde ein weiteres Mal: Weil die Aussenluft in Höngg mit viel Feinstaub belastet ist, sollte an sich so wenig davon wie möglich in die Innenräume gelangen. Insofern wäre ein kontrolliertes Lüftungssystem mit Zuluftfilter erforderlich gewesen, um den Grenzwert einzuhalten. Allerdings wäre eine solche Installation mit einem verhältnismässig hohen Aufwand verbunden gewesen. Man einigte sich, auch angesichts der grünen Wohnlage, auf einen Kompromiss und akzeptierte die effektiv ausgeführten Lüftungsmassnahmen für eine genügende Note.

Demgegenüber kämpft die Genossenschaft noch um eine befriedigende Energielösung. Zur Reduktion des Primärenergiebedarfs wird ein Wärmeverbund mit der Siedlungsnachbarschaft angestrebt. Ein gemein­samer Anschluss an das klimafreundliche Energienetz der städtischen Abwasserreinigungsanlage Werd­hölzli soll die bestehende Ölheizung ablösen. Diese Umstellung kann in der SNBS-Zertifizierung allerdings erst bewertet werden, wenn die Wärmelieferverträge unterzeichnet sind. Weitere solche Pendenzen werden ebenfalls abgearbeitet. So fehlt der Nachweis, dass die Radongrenzwerte eingehalten sind; die Messungen in den Wohnungen sind aber kurz vor dem Abschluss.

Instrument für die Projektsteuerung

Grundsätzlich wird für ein SNBS-Zertifikat verlangt, dass alle Nachhaltigkeitsdimensionen mit der Mindestnote 4 erfüllt werden können. Doch bei Erneuerungen wie der Wohnsiedlung Winzerhalde sind Abwei­chungen zulässig. Dazu zählen neben dem hindernisfreien Bauen weitere die Themen wie Nutzungsflexibilität, Tageslicht oder Schallschutz. Und auch sonst scheint Verhandlungsspielraum zu bestehen, wenn es Aufwand und Nutzen einzelner Massnahmen zu beurteilen gibt. Eine positive Erfahrung für Architekt Scherrer war daher auch die Zusammenarbeit mit den SNBS-Prüfern: «Die Umsetzung ist mit gewisser Flexibilität erfolgt.»

Zusammenfassend empfiehlt er, den Zertifizierungsstandard als Steuerungsinstrument zu nutzen und die Kriterien unbedingt ab Planungsstart anzuwenden. «Vor allem eine ungünstige Lage, eine niedrige Qualität der Gebäudesubstanz oder Einschränkungen bei den Eingriffsvarianten können eine gute Bewertung grundsätzlich verunmöglichen.» Ebenso gibt es Verbesserungsbedarf: «Die Struktur des Standards ist kompliziert, und der Aufwand darf nicht unterschätzt werden.»

Welche Projektverbesserungen speziell der SNBS-Zertifizierung zu verdanken sind, lässt sich gemäss Eigen­grund-Geschäftsführer Zopfi im Nachhinein nur bedingt abschätzen, «da wir den Standard schon in einer frühen Planungsphase eingesetzt haben». Höchstwahrscheinlich hätte man auf Radonmessungen verzichtet und wohl auch nicht mehr Veloparkplätze eingerichtet, als die Stadt bereits von sich verlangt hat. Insofern hat die Genossenschaft Eigengrund im Prinzip übererfüllt; als schöne Belohnung winkt nun aber die erstmalige Nachhaltigkeitszertifizierung für eine erneuerte Wohnsiedlung.
 

Am Umbau Beteiligte

Bauherrschaft
Siedlungsgenossenschaft Eigengrund, Zürich

Architektur Original
Fischer Architekten, Zürich

Architektur Instandsetzung
Fahrländer Scherrer Architekten, Zürich

Landschaftsarchitektur
Umland, Gestaltung städtischer und ländlicher Freiräume, Zürich

Bauphysik
Architektur Ingenieur Kollektiv, Zürich

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