SOS Brutalismus – rettet die Betonmonster!

«Save our souls», rufen die grauen Ungeheuer, die sich im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main ein eindrückliches Stelldichein geben. Weltweit wurden sie zwischen 1950 und 1970 aus dem Boden gestampft und stehen nun im Zentrum der Ausstellung.

Evelyn Steiner dipl. Arch. ETH, MA Kunstgeschichte

Staatliche Bauprogramme sowie die boomende Ökonomie bildeten im Verbund mit bautechnischen Erneuerungen die Voraussetzung für den Brutalismus mit seinem gewaltigen Massstabssprung bei Bauten, die zwischen 1950 und 1970 errichtet wurden. Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) ruft nun zur Rettung der Betonmonster auf.

So mancher möchte lieber selbst vor den Betonbauten der Nachkriegszeit gerettet werden und assoziiert diese mit grauen Wohnkomplexen, bei denen die Nutzer­bedürfnisse der Wirtschaftlichkeit zum Opfer fielen. Der Kurator der Ausstellung, Oliver Elser, und sein Team erinnern aber daran, dass eine Vielzahl der Betonmonster nicht nur von hoher baukünstlerischer Qualität, sondern auch vom Aussterben bedroht ist.

Bereits 2015 initiierte das DAM zusammen mit der Wüsten­rot Stiftung den Hashtag und die Onlinekampagne #SOSBRUTALISM.­ Nach dem Vorbild eines Artenschutzprojekts fungiert diese als länderübergreifendes digitales Archiv, das mittlerweile über 1000 Bauten umfasst. Auf einer «roten Liste» befinden sich zurzeit 121 Bauwerke, deren Zukunft ungesichert ist. Darunter auch das Kongresshaus in Biel (1966, Max Schlup), bei dem gerade der Investitionsbedarf für die dringende Sanierung abgeklärt wird. Erweist sich dieser als zu hoch, steht wohl auch in Biel ein Abriss zur Diskussion.

Historische Herleitung

Den Auftakt der Schau macht eine historische Herleitung des Brutalismus. Tatsächlich besteht ein Erklärungsbedarf hinsichtlich der Entstehung des diffusen Baustils. Der Besucher erfährt, dass die ausgestellten Projekte den Nachklang des anfangs der 1950er-Jahre in England lancierten New Brutalism bilden. Dessen Hauptprotagonisten waren eine junge Architektengenera­tion um Alison und Peter Smithson sowie ihre publizistische Vaterfigur Reyner Banham.

Beeinflusst von avantgardistischen Kunstkonzepten des «as found» und des Art brut suchten sie nach einer neuen Sprache, um sich vom englischen Backsteinheimatstil der Nachkriegszeit abzusetzen. Sie plädierten für eine klare Darstellung der Struktur und die Verwendung roher, unbehandelter Materialien. Es galt mit einer neuen Ethik im Bauen auf die wandelnde Gesellschaft einzugehen, das Alltägliche in einer integren Formensprache aufzugreifen, ohne aber die Errungenschaften der Moderne aufzugeben.

Brutalismus, wie sich der Begriff später im deutschsprachigen Raum etablierte, hat nichts mit «brutal» zu tun: Vielmehr stand das französische Wort «brut» Pate, das so viel wie roh oder herb bedeutet. Dies schlägt die Brücke zu Le Corbusier, der mit dem «béton brut» seines Spätwerks die weltweite Entwicklung des Baustils und dessen Vor­liebe für den Beton beeinflusste. Der Brutalismus verselbständigte sich in den Folgejahren in hundertfache Manierismen, der ethische Gedanke wich zunehmend einer reinen Ästhetik.

Zwölf Regionen

Die Schau konzentriert sich ganz auf den internationalen Siegeszug der brutalistischen Architektur. Im Format der Ausstellung beeindruckt die monumentale Überwältigungsrhetorik der Gebäude besonders. Nur schon die riesigen Kartonmodelle lohnen eine Reise nach Frankfurt. Der Besucher darf Monstern wie dem Art & Architecture Building der Yale University (1963, Paul Rudolph) oder auch der Boston City Hall (1969, Kallmann McKinnell & Knowles / Campbell, Aldrich & Nulty) von ganz nah in ihre überdimen­sionierten Rachen blicken.

Ergänzt von Betongüssen, 3-D-Gipsdrucken sowie sorgfältig ausgewähltem Bildmaterial gibt die Schau erstmals einen globalen Überblick. In zwölf Regionen aufgeteilt, entfaltet sich das breite Kaleidoskop des Brutalismus von Europa bis nach Ozeanien. «SOS Brutalismus» reüssiert besonders in der Verdeutlichung der agilen Adaptationsvorlage des Baustils, der vor allem für öffentliche Gebäude und soziale Wohnbauprojekte eingesetzt wurde: Während er in den entkolonialisierten Staaten Afrikas als Symbol der Unabhängigkeit galt, stand er im kriegsversehrten Europa für den Zukunftsoptimismus des Wiederaufbaus. Mancherorts überformten gar lokale Bautraditionen die Betonriesen, wie beispielsweise das Regierungsgebäudes der Präfektur Kagawa (1958, Kenzo Tange) in seiner Transformation traditioneller Holzbauweisen illustriert.

Imageproblem beheben

Verschiedene Themengebiete ergänzen die geografische Erkundung. Ein Kapitel widmen die Ausstellungsmacher dem grossen Erfolg der brutalistischen Architektur in den sozialen Medien. Während sich das breite Publikum noch wenig für brutalistische Bauten begeistert, setzt sich eine immer grösser werdende Fangemeinde via Twitter, Facebook oder Instagram für ihren Erhalt ein. Mit #SOSBRUTALISM knüpft das DAM an diese Rettungskampagnen an und vernetzt die Initiativen. Zunehmend schwappt die Brutalismus­welle auch über den virtuellen Raum hinaus: Dutzende neuer Coffeetable Books bevölkern den Markt, Betonge­bäude dienen als Kulisse für Modeshootings und dystopische Filme.

Auch weitere Ausstellungen bemühen sich darum, das Imageproblem des Brutalismus zu beheben: Jüngst zeigte das Museum am Bellpark in Kriens die Bilder des Londoner Fotografen Simon Phipps, der die britische Nachkriegsarchitektur in reduziert gehaltener Schwarz-­Weiss-Ästhetik einfängt. Das Bruta­lismus-Revival nur auf seine Fotoge­nität und auf den Distinktions­drang einer selbsternannten Geschmacksselite zurückzuführen wäre jedoch zu kurz gegriffen. Vielleicht widerspiegelt es vielmehr ein Sehnen nach dem Soliden und Monumentalen im ephemeren digitalen Zeitalter? Oder geht es um das neu erweckte Interesse an gesellschaftlich relevanter Architektur, die meistens mit der Absicht einer hierarchiefreien Gesellschaft entstand?

Während darüber nur spekuliert werden kann, besteht zweifelsohne eine grosse Dringlichkeit für eine vertiefte, denkmalpflegerische Auseinandersetzung mit dem Brutalismus. Die Ausstellung und der hervorragende, umfangreiche Begleitkatalog appellieren deshalb an die Herausarbeitung von Strategien der Denkmalerhaltung. Es gilt, exzellente brutalistische Bauten gegen die kaum zu zählenden, trivialen Brutalismus-Beispiele differenziert und argumentativ zu verteidigen. Angesichts der roten Liste auf #SOSBRUTALISM kommt die Schau auf jeden Fall zur richtigen Zeit: Sie leistet wertvolle Vermittlungsarbeit und steigert die Wertschätzung dieser architektonischen Epoche ausser­halb der digitalen Sphären. Mögen die Hilfeschreie der Betonmonster auch dort möglichst bald auf Gehör stossen!

SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!
Ausstellung bis 2. April 2018
DAM Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main
Weitere Infos: www.dam-online.de

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