Sgraf­fi­to – ges­tern, heu­te, mor­gen

Editorial

Publikationsdatum
21-12-2018
Revision
21-12-2018

Mit dem Tätowieren verglich Jo­hannes Florin von der Bündner Denkmal­pflege bei unserem Gespräch zu dieser Ausgabe die Sgraffitotechnik. Tatsächlich gibt es einige Gemeinsamkeiten: Bei beiden Anwendungen werden Motive in die Haut geritzt – einmal in die menschliche, einmal in jene eines Gebäudes. Beide Kunst­formen erheben Anspruch auf Dauerhaftigkeit, auch wenn die menschliche Lebensdauer nicht annähernd an jene eines soliden Engadiner ­Bauernhauses heranreicht. Und beide Darstel­lungs­­formen sind in Verbreitung und Motivik modischen Strömungen unterworfen. Doch während Tätowierungen heute fast schon zum persönlichen Optimierungsstandard gehören, geriet das Sgraffitohandwerk in Vergessenheit.
Dafür gibt es technische, administrative und auch ästhetische Gründe. Industriell hergestellte zementbasierte Putze verdrängten die aufwen­diger zu verarbeitenden mineralischen Produkte. Planbarkeit auf der Baustelle, Herstellergaran­tien und nicht zuletzt der gestalterisch motivierte Verzicht auf Verzierungen an der Fassade taten ein Übriges. Dabei passen Sgraffiti perfekt in ­unsere Zeit: Sie bieten individuelle Ausdrucks­möglichkeiten im gesamten Spektrum zwischen Handwerk und Kunst. Und mit ihrer technischen Komplexität, die einfach wirkt, doch viel Er­fahrung voraussetzt, bedienen sie unsere Sehn­­sucht nach Authentizität und Entschleunigung. Zeit also, die vergessene Technik wiederzubeleben.

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