Prix Lignum 2015: Holz etabliert sich

Alle drei Jahre zeichnet der Prix Lignum in fünf Grossregionen der Schweiz zukunftsweisende Arbeiten in Holz aus. Aus den regionalen Gewinnern wurden am 24. September im Kornhausforum in Bern drei nationale Preisträger gekürt.

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Die 437 zum Prix Lignum eingereichten Projekte vermitteln ein überraschend vielfältiges Gesamtbild des aktuellen Holzbaus in der Schweiz. Die Bauten könnten unterschiedlicher nicht sein: Der filigrane, elegante Gastropavillon für das Zürcher Strandbad Mythenquai von Malevez + Spiro Ganten­bein Architekten mit Schärholzbau oder der archaische, mächtige Blockbau in Andelfingen, den die Architekten Rosetti Wyss mit Lüchinger + Mayer Bauingenieure per Computergame entwarfen, sind nur zwei der variantenreichen Beispiele. 

Eine neue Freiheit

Bis vor wenigen Jahren schien die moderne Holzbauweise noch in den Kinderschuhen zu stecken. Vor allem manche der grösseren Ele­mentbauten, soweit es sie gab, wirkten umständlich verkleidet und unproportioniert. 

In jüngster Zeit jedoch konnten Architekten und Bauherren, Holzbauer und Ingenieure reichlich Erfahrungen mit dem Material sammeln. Viele der Projekte zeigen ein stilistisch und bautechnisch präzises Bild. Hilfreich war dabei sicher auch die Weiterentwicklung von Werkstoffen, Verbindungen und Behandlungsmethoden für Oberflächen. 

Der Umgang mit Holz ist tendenziell zwangloser geworden. Die damit verbundene gestalterische Freiheit äussert sich unterschiedlich – in gelungenen Farbkombi­nationen, Details, ausgewogenen Proportionen und über­zeugenden baulichen Konzepten. So sind neben sichtbarem Holz lackierte oder eingefärbte Oberflächen vermehrt ein Thema. Der Silber-Gewinner, das Mehrgenerationenhaus Gesewo, oder das Einfamilienhaus Husistein von Husistein & Partner mit Schärholzbau sind gelungene Beispiele dafür.

Verarbeitungstechnisch differenzierte Bauteile reichen von rauen, nach handwerklichem Vorbild hergestellten Formen bis zu dreidimensionalen typografischen Mustern, die von computergesteuerten Fräsen ins Holz gekerbt wurden.

Laubhölzer erweitern seit Kurzem die Palette der Holzarten, die sich fürs Bauen eignen. Durch ihr besseres Tragverhalten ergeben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber Nadelholz. Unter der Trägerschaft des Aktionsplans Holz des Bundesamts für Umwelt wurden dieses Jahr erstmals zwei nationale Laubholz-Preise aus 72 eingereichten Projekten auserkoren.

Keine unnötige Rhetorik

Den ersten Preis erhielt das Depot des Museums für Kommunikation in Tännlenen (Abb.). Der Bau, der 75 Postautos und andere Fahrzeuge be­herbergt, liegt in den Feldern und Wiesen der Hügellandschaft um Schwarzenburg. Er sieht einem Landwirtschafts­bau nicht unähnlich, seine Seitenfassaden sind aber durch Brise-Soleil aus Wellblech verdeckt, und das Dach scheint zu schweben. «Die Architekten haben Form und Ausdruck aus den Anforderungen der Aufgabe entwickelt und nicht mit Rhetorik überspielt. Holz setzen sie dort ein, wo das ­Material ökonomische und konstruktive Vorteile bringt …», beurteilt die Jury die Arbeit. 

Farbig und integral 

Silber erhält das Mehrgenerationenhaus Gesewo (Abb.). Der mehrgeschossige Wohnbau mit der roten Holzfassade auf dem ehemaligen Sulzerareal in Winterthur ist bis auf die Treppenhäuser und das Untergeschoss eine Holzkonstruktion. Der Bau zeigt, wie Holz in grösserem Massstab eingesetzt werden kann, und verkörpert den genossenschaftlichen Gedanken direkt und anschaulich: Architektur, Ökologie und soziale Aspekte entstanden in enger Zusammenarbeit mit der ­Bauherrschaft. So dienen die umlaufenden Loggien sowohl als Wetterschutz für die Fassade als auch als verbindende Kommunikationsplattform für die Bewohner.

Die Frage, was mit der bestehenden Bausubstanz in Bergdörfern geschieht, stellt sich nach Annahme der Zweitwohnungsinitiative dringender denn je. Dass Veränderungen in diesem Umfeld keinen Alpenkitsch mit sich bringen müssen, zeigt der Umbau Sarreyer (Abb.). Ein alter Heuschober und ein Neubau auf dem Fussabdruck des benachbarten Vorgängerbaus wurden zu einem Wohnhaus zusammengefasst. Die Häuser sind formal und konstruktiv verwandt. Während der alte, denkmalgeschützte Holzbau integral erhalten bleibt, übernimmt das neue, innenliegende Haus die Gesetzmässigkeiten des bestehenden Skelettbaus. Die Architekten verwenden regionale Baustoffe und setzen auf traditionelles Handwerk, das sie in die heutige Zeit übersetzen.

Beim diesjährigen Prix Lignum wurden fast ein Drittel mehr Pro­jekte eingereicht als im Jahr 2012. Leider gehen die Gebrauchsgegenstände und Kunstobjekte aus Holz in der stattlichen Zahl an eingereichten Bauprojekten etwas unter. 

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Auszeichnungen Gold: Depot Museum für Kommu­nikation, 2013, Tännlenen, Schwarzenburg BE; Patrick Thurston Architekten, Bern; Indermühle Bauingenieure, Thun. Silber: Mehrgenerationenhaus Gesewo, Giesserei, 2013, Neuhegi/Winterthur; Galli Rudolf Archi­tekten, Zürich; Indermühle Bauingenieure, Thun. Bronze: Umbau Holzhaus, 2011, Route de la Croix, Sarreyer VD; Bosshard Vaquer Architekten, Zürich; Conzett Bronzini Gartmann, Chur. Laubholzpreise: ETH-Bürogebäude des House of Natural Resources, 2014, Zürich; Meyer Moser Lanz Architekten, Zürich; Häring, Eiken.
Scheiterturm, bei der Kartause Ittingen, 2014, Tadashi Kawamata.
Jury Peter Eberhard, Architekt, erem. Prof. Zürcher Hochschule der Künste
Andres Herzog, Architekt und Redaktor bei «Hochparterre», Zürich
Bruno Abplanalp, Geschäftsführer/ Verwaltungsratsdelegierter, neue Holzbau AG, Lungern
Jörg Boner, Designer, Zürich
Astrid Staufer, Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld; Prof. TU Wien und ZHAW, Winterthur
Andrea Bernasconi, Prof. FH Westschweiz; Ingenieurbüros Borlini & Zanini, Lugano
Claudia Cattaneo, Kuratorin  Wanderausstellungen zeigen die Preisträger in allen Landesteilen. Die erste nationale Ausstellung ist vom 26.11. bis 29.11.2015 an der Bau+Energie-Messe in Bern zu sehen. Weitere Ausstellungen folgen in der ganzen Schweiz.  Weitere Infos gibts auf www.prixlignum.ch

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