«Mittelmässige Preisgerichte wählen mittelmässige Siegerprojekte»

Fünf Akteure aus dem Bauwesen diskutieren über die Vor- und Nachteile des Projektwettbewerbs. Unter welchen Bedingungen leistet er einen baukulturellen Beitrag? Hat er einen wirtschaftlichen Mehrwert? Ein Gespräch zwischen Behördenvertretern, Investoren und Planern.

Judit Solt Fachjournalistin BR, Chefredaktorin TEC21

Cedric van der Poel Co-Leiter espazium.ch

TEC21: Sie alle sind als private bzw. als institutionelle Akteure an Wettbewerben beteiligt. Warum befürworten Sie diese Form der Vergabe?

Pierre Rouault: Der Wettbewerb ist die bewährteste Form der Beschaffung von Architektur- und Ingenieurleistungen. Er ist ein stillschweigender Vertrag zwischen der Gesellschaft und den Planenden. Diese willigen ein, unentgeltlich geistige Leistungen zu erbringen, sofern bestimmte Regeln eingehalten sind: Die Projekte müssen anonym und mehrheitlich von qualifizierten Berufskollegen beurteilt werden, das Verfahren mündet in eine Rangliste und Preise, und der Auftrag geht an die Autoren des Siegerprojekts. Dieses Verfahren beruht auf einer langen Tradition, das Bundesgesetz über das öffent­liche Beschaffungswesen und die Ordnung SIA 142. Es lässt Va­rianten zu, etwa offene Wettbewerbe, mehrstufige Wettbewerbe oder Wettbewerbe mit Präqualifikation.

Philippe Venetz: Im Wallis befürworten die Behörden mehrheitlich den offenen Wettbewerb. Wir weisen die Gemeinden und Investoren auf den Hauptvorteil hin: die Auswahlmöglichkeit. Während sie sich bei Direktaufträgen mit einer einzigen Lösung und bei Studienaufträgen mit einer kleinen Auswahl begnügen müssen, erschliesst der offene Wettbewerb ein Spektrum an Ideen.

Rouault: Diese Auswahl stellt die Qualität sicher. Zudem gibt der offene Wettbewerb jungen Büros die Chance, an Programmen zu arbeiten, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Er ist ein wertvolles Instrument für die Formung des Nachwuchses.

TEC21: Der Wettbewerb gehört zu unserer Baukultur, insofern ist er von Bedeutung für die Allgemeinheit. Private Investoren verfolgen andere Ziele – was haben sie von diesem Verfahren?

Jörg Koch: Auch wir als private Investoren nutzen die Vorteile des Wettbewerbs. Er erhöht nicht nur die städte­bauliche und architektonische Qualität, sondern ermöglicht es uns auch, die Wirtschaftlichkeit unserer Investitionen frühzeitig zu prüfen. Zu unseren Programmen gehört stets eine wirtschaftliche Studie mit den Kosten und der zu erwartenden Rendite. Diese Studie beeinflusst die Art und Weise, wie die Teams ihr Konzept entwickeln, und dient dem Preis­gericht als Leitfaden im Beur­teilungsprozess. Für uns ist die Wirtschaftlichkeit eine wichtige Bedingung, um einen Auftrag zu erteilen; es gibt nichts Trauri­geres, als ein schönes Projekt nicht umsetzen zu können, weil es zu teuer ist oder die Rendite nicht stimmt. Abgesehen davon muss man in gewissen Fällen von Ge­setzes wegen einen Wettbewerb ausrichten. In Lancy GE zum Beispiel entwickeln wir ein Projekt, das den Ersatz von inventarisierten Gebäuden vorsieht, was nur mit einem nach SIA 142 zertifizierten Wettbewerb möglich ist.

François Micheli: Auch uns hat ein Wettbewerb zu einer Ausnahmebewilligung verholfen. Wir berieten private Investoren beim Umbau eines Gebäudes in Genf. Unserer Ansicht nach liessen das Gebäude und seine Umgebung eine Auf­stockung um zwei Etagen zu, was jedoch den gesetzlichen Rahmen gesprengt hätte. In Genf ist es allerdings möglich, eine Ausnahme zu erwirken, wenn man architektonische Argumente geltend macht und die Architekturkommission des Kantons diese bestätigt. Deshalb haben wir einen eingeladenen Wettbewerb veranstaltet und ein gutes Siegerprojekt vorgestellt. Mit einem Direktauftrag hätten wir vermutlich keine Ausnahmegenehmigung erhalten, und wir hätten sicher kein so ehrgeiziges Projekt mit drei Zusatzgeschossen gewagt.

TEC21: Garantiert der Wettbewerb gute Lösungen?

Micheli: Nein. Vieles hängt vom Programm und vor allem von der Jury ab. Mittelmässige Preisgerichte wählen mittelmässige Siegerprojekte, ein hervorragendes Preisgericht dagegen motiviert die Teilnehmenden und ermutigt die Auftraggeber, gute Entscheidungen zu treffen. Ein Wettbewerb ist keine Gewähr für erfolgreiche Bauvorhaben; aber es fällt auf, dass Bauten, die für Auszeichnungen nominiert werden, mehrheitlich auf Wettbewerbe zurückgehen. Das bestätigt, dass diese die architektonische Qualität steigern.

TEC21: Sie haben den architektonischen Mehrwert und die wirtschaftlichen Vorteile des Wettbewerbs erwähnt. Doch ein Wettbewerbsverfahren ist teurer als ein Direktauftrag, was gerade für kleine Gemeinden ein echtes Problem ist.

Claudine Wyssa: Das ist so. Ich will die Vorteile des Wettbewerbs nicht infrage stellen, aber es stimmt, dass viele kleine Gemeinden sich wegen der Kosten des Verfahrens dagegen sträuben. Der SIA schätzt die Kosten für die Ausrichtung eines Wettbewerbs auf 1 bis 2 % der Gesamtkosten, was angemessen erscheint; doch für kleine Gemeinden mit begrenzten Ressourcen kann die Summierung der Kosten zum Problem werden, wenn über die Kredite abgestimmt wird. Hinzu kommt, dass vielen Gemeinden das Know-how fehlt, einen Wettbewerb auszurichten; sie müssen auf ein externes Büro zurückgreifen.

Venetz: Dieses Argument müssen die Kantonsverwaltungen ernst nehmen. Im Wallis bietet die kantonale Verwaltung den ­Gemeinden kostenlose Hilfestellung bei der Durchführung von Wett­bewerben an. Dieses An­gebot wird sehr geschätzt, weil es die Kosten für die Gemeinden senkt; es ist ein echter Anreiz, Wettbewerbe durchzuführen. 

Rouault: Auch der SIA hilft: Die Sektionen richten zwar nicht direkt Wettbewerbe aus, aber sie beraten und liefern Listen kompetenter Büros, die den Auftraggeber unterstützen können. 

TEC21: Oft wird behauptet, dass Bauten, die aus Wettbewerben resultieren, zu teuer ausfallen.

Rouault: Die Vorstellung, Bauprojekte aus Wettbewerben seien teurer als solche aus Direktaufträgen, gehört ins Reich der Fabel. Ich bin überzeugt, dass der Wettbewerb der wirtschaftlichste Weg ist, einen Bau zu realisieren. Das grösste Sparpotenzial liegt doch ganz am Anfang des Projekts, in den ersten Skizzen, die den Standort und die Form des Bauwerks festlegen und die Räume ordnen. Hier bietet der Wettbewerb eine grösstmögliche Auswahl. Die Einsparungen, die eine gute Lösung erlaubt, wiegen die 1 bis 2 % Zusatzkosten für den Wettbewerb spielend auf! Zudem kann ein öffentlicher Auftraggeber, genau wie ein privater Investor, eine Aufstellung der Kosten und Erträge verlangen und die Wirtschaftlichkeit als wichtiges Beurteilungskriterium definieren. 

Micheli: Das stimmt. Ein Beispiel (Abb.): 2009 startete die UBS einen Wettbewerb für Architekten, Ingenieure und Wirtschaftsfachleute, um einen Block in Genf umzubauen. Umgesetzt wurde das Siegerprojekt des Teams um Richter Dahl Rocha & Associés architectes, zu dem wir auch gehörten. Die architektonische Qualität des Projekts war ein Entscheidungskriterium der Jury, aber auch die wirtschaftlichen Zwänge des Standorts. Die Parzelle liegt im dichten Stadtzentrum, mit entsprechenden Risiken für Mehrkosten und Fristüberschreitungen. Deshalb haben wir eine Lösung gesucht, bei der wir das Untergeschoss gar nicht und den restlichen Bestand möglichst wenig veränderten; das hat die Kosten gesenkt und die Fristen verkürzt, und die UBS hat den Bau 2015 mit einem Rekordgewinn verkauft. Die Anfangsinvestition für den Wettbewerb und den Vergleich der Projekte haben sich ausbezahlt.

Koch: Ein weiterer Vorteil ist, dass wir bei einem Wettbewerb – ob offen oder auf Einladung – Behörden, Nutzer oder Nachbarn in die Jury aufnehmen können. Das vereinfacht das Planungsverfahren. Und die Ausstellungen, Presseberichte und Informationsveranstaltungen erhöhen die Akzeptanz eines Projekts. Insbesondere bei grossen Bauvorhaben ist das ein wichtiger Aspekt, weil man kostspielige Verzöge­rungen eher vermeiden kann.

TEC21: … oder auch abschlägige Ergebnisse bei Volksentscheiden. Soll der Wettbewerb als Mittel der Partizipation eingesetzt werden?

Rouault: Partizipation in der Beurteilungsphase eines Wettbewerbs halte ich für Demagogie. In Machbarkeits- und Planungsstudien sind die Bedürfnisse der Nutzer zu berücksichtigen; das ist selbstverständlich und muss genügen. Bei SIA-zerti­fizierten Wettbewerben muss das Preisgericht mehrheitlich aus qualifizierten Fachleuten bestehen, von denen die Hälfte vom Auftraggeber unabhängig ist. Aber die anderen Mitglieder des Preisgerichts bestimmt der Auftraggeber, und nichts spricht dagegen, Vertreter der Nutzer oder Gegner einzubeziehen.

Micheli: Bei sensiblen Projekten befürworte ich mehrstufige Studienaufträge und regelmässige Präsentationen des Projektstands vor allfälligen Gegnern. Meiner Erfahrung nach tragen Wettbewerbe im Allgemeinen zur Akzeptanz der Projekte bei. Aber grosse Projekte haben fast immer Gegner, und ich glaube nicht, dass öffentliche «Landsgemeinde»­Jurysitzungen das ändern würden. 

Koch: In manchen Fällen liefert die kooperative Planung gute Antworten. Aber der Wettbewerb überbringt der Öffentlichkeit eine andere Botschaft: Die Antworten auf das Programm wurden von einem Gremium aus Fachleuten ernsthaft geprüft und beurteilt. 

Venetz: Der Wettbewerb muss entmystifiziert werden, damit auch Laien seinen Mehrwert erkennen. Im Wallis haben wir dem Fernsehsender Canal9 vorgeschlagen, eine Sendung über die Wettbewerbe zu machen. Das Drehteam hat das gesamte Verfahren des Wettbewerbs gefilmt, von der Vorsitzung bis zur Ausstellung. Das hat gezeigt, welche Arbeit die Jury leistet und wie wichtig eine anonyme Beurteilung ist. 

TEC21: An offenen Wettbewerben nehmen oft Büros teil, die alle ohne Entlohnung arbeiten und deren Projekte alle beurteilt werden müssen. Ist das nicht eine Verschwendung von Ressourcen?

Micheli: Ein Wettbewerbsprojekt kostet die Büros viel Geld. Wenn Sie diese Summe mit der Anzahl Büros multiplizieren, ergibt das eine erschreckende Zahl. Aber die Auslober können auch Wettbewerbe auf Einladung oder mit Präqualifikation ausrichten. Ich finde, dass jedes Wettbewerbsprojekt eine Entlohnung verdient.

Wyssa: Das ist sicherlich ein Problem – nicht bloss für die Architekten, die unentgeltlich arbeiten, sondern auch für diejenigen, die die Projekte beurteilen müssen. Darum veranstalten Gemeinden immer häufiger Studienaufträge.

Venetz: Für offene Wettbewerbe gibt es eine Grenze, wenn man die Qualität der Beurteilung sicherstellen will. Ein erfolgreiches Verfahren braucht zwischen 15 und 55 Beiträge. Falls die Gefahr besteht, dass 90 oder 100 Projekte eintreffen, ist ein Präqualifikationsverfahren zu empfehlen.

Rouault: Im Vergleich zu dem, was wir in den 1990er-Jahren erlebt haben, scheint mir die Zahl der Teilnehmenden heute kein Problem. Mich beschäftigt mehr, dass immer mehr ausländische Büros an offenen Architekturwettbewerben in der Schweiz teilnehmen. Das stellt eine Herausforderung dar, weil die Gegenseitigkeit fehlt: Schweizer Büros können bei Wettbewerben in diesen Ländern kaum oder gar nicht mitmachen.

TEC21: Der 2016 publizierte «Aufruf von Einsiedeln» von 2015 hinterfragt den Wettbewerb in seiner heutigen Form und ruft zur Diskussion auf. Was halten Sie davon?

Venetz: Für manche Aufgaben gibt es geeignetere Verfahren, zum Beispiel für Planungen über ganze Stadtquartiere – etwa die Testplanung, wenn das Programm noch nicht genau feststeht. Anschliessend kann man Wett­bewerbe für die einzelnen Bauten ausschreiben. 

Micheli: Es gibt zahlreiche Beispiele für gelungene Projekte ohne Wettbewerb, und das ist gut so! Der Wettbewerb ist nicht immer zweckdienlich. Entscheidend ist wie gesagt, dass er nicht zu einer Alibiveranstaltung mit ungeeigneten Preisgerichten degradiert wird, wie man es leider allzu häufig sieht.

Rouault: Der Wettbewerb, wie wir ihn in der Schweiz kennen, ist vor allem in der Architektur seit 1877 durch den Berufsstand geregelt. Wir praktizieren ihn seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten! Er wird regelmässig infrage gestellt, war aber stets im-­stande, sich an neue gesellschaft­liche Bedingungen anzupassen. Sein experimentelles Wesen ermöglicht es, neue Ideen zu prüfen und Bestehendes zu hinterfragen. Die Fach­leute können kontinuierlich daran wachsen. Der Wett­bewerb ist ein unverzichtbares Hilfsmittel, das stets weiterentwickelt werden kann – und muss.

Eine ausführlichere, stärker auf die Westschweiz fokussierte Version dieses Gesprächs ist erschienen in: «Concours d’architecture et d’urbanisme. Pratiques en Suisse romande», Sonderheft von TRACÉS im Auftrag des SIA Coordination Romande, 19. Mai 2017.

Verwandte Beiträge

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv