«Natur ist die Basis des Lebens»

Interview mit Nnimmo Bassey, Environmental Rights Action
Als Vorstandspräsident der Environmental Rights Action (ERA) setzt sich Nnimmo Bassey für die Opfer der Erdölverschmutzung in Nigeria ein und wehrt sich gegen die Abbaupraktiken der internationalen Ölfirmen. Seine Arbeit wurde 2010 mit dem alternativen Nobelpreis, dem «Right Livelihood Award», gewürdigt.

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

TEC21: Was bedeutet Umweltschutz in Nigeria? Inwiefern unterscheidet er sich von dem, was wir in Europa darunter verstehen 
N. B.: Umweltschutz hat überall auf der Welt das Ziel, Leben vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Die Natur ist die Basis des Lebens. Menschliche Eingriffe haben Konse-
quenzen auf den ganzen Planeten. Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Weil viele Gemeinschaften in Nigeria sehr naturnah leben, bedeutet der Schutz der Umwelt hier aber auch ganz direkt, das Überleben der Menschen und ihrer Kultur in einer sicheren Um-
gebung zu gewährleisten. 
Die Tätigkeiten von Ölgesellschaften haben auf die Umwelt Nigerias negative Auswirkun-
gen. Ein Beispiel ist die Verschmutzung von Ogoniland im Südosten des Landes durch die Firma Shell1. Zwar wurde 1993 die Ölproduktion gestoppt, um die Folgen der Ver-
schmutzung hat sich jedoch nie jemand gekümmert. Die Regierung von Nigeria beauf-
tragte die United Nations Environment Programme (UNEP), die Schäden zu begutachten und danach die zur Sanierung der Landschaft notwendigen Arbeiten einzuleiten. Die UNEP händigte einen Bericht an den Präsidenten von Nigeria aus, aber dann geschah nichts mehr.

TEC21: Wie arbeitet die ERA  Steht die Informationsstrategie im Vordergund? Oder gibt es daneben konkrete Projekte 
N. B.: Als nigerianisches Anwaltskollektiv hat die ERA sich die Aufgabe gesetzt, Umwelt-
verstösse zu verfolgen. Unsere Arbeit besteht darin, einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt seitens der Regierung und von Firmen zu fordern. Zudem informieren wir die Bevölkerung über ihre Rechte und lancieren Kampanien. Wir bieten den von der Umweltverschmutzung Bedrohten unser Wissen und unser Netzwerk an. Wir scheuen auch nicht davor zurück, die Namen der Verantwortlichen öffentlich bekannt zu machen.  

TEC21: Was kann man ausserhalb Afrikas von der Zerstörung der Natur in Nigeria lernen  
N.B.: Beim Ölabbau in Afrika folgen die Firmen nicht den gleichen Regeln wie in der übrigen Welt. Man sollte sich dieses doppelten Spiels bewusst sein. Immer wieder spricht man von der Korruption der afrikanischen Regierungen, aber auf der anderen Seite profitieren auch die Ölfirmen davon. Ausserdem beschönigen sie ihre Berichte über ihr soziales Engagement in Afrika. 
Wo und wieviel Öl ausläuft, wird meist nicht gemeldet. Wenn es doch geschieht, werden die Tatsachen in der Regel verharmlost und bleiben konsequenzenlos. In Nigerias Abbau-
gebieten laufen jährlich ebenso grosse Mengen an Öl aus, wie bei der Katastrophe der EXXON-Valdez2 im Jahre 1989. Ausserdem wird das Gas, das bei der Förderung austritt, verbrannt. In Europa muss es weiterverwertet werden. Dabei gehen 2.5 Milliarden Dollar pro Jahr verloren. Die Auswirkungen auf die Gesundheit ist unermesslich. Das Verbren-
nen des Erdgases, das sogenannte «Flaren», verursacht Asthma, Bronchitis, Hautkrank-
heiten und Leukämie. Die UNEP Studie besagt, dass in Ogoniland das Wasser bis zu einer Tiefe von 5m stark durch Kohlenwasserstoff verseucht ist. Die Behebung der Schäden dauert gemäss der Studie bis zu 30 Jahren. Das klingt nach einem extrem grossen Auf-
wand, wir sind aber der Meinung, dass man damit unverzüglich beginnen muss. Tatsache ist, dass heute Öl in ganz Afrika gesucht wird. Die Firmen beginnen mit dem Abbau in den Naturreservaten im Kongo und im Rift Valley in Uganda. Dort geht die  Umweltzerstörung weiter. 

TEC21: Sie sind Architekt. Fliesst Ihr Engagement für die Umwelt auch in Ihre Bauprojekte ein 
N. B.: Ich glaube, dass Architektur über den Gebrauch des Raums die Gewohnheiten formt. Ein Architekt beeinflusst das soziale Leben indem er ganz bestimmten Räumen gegenüber anderen den Vorzug gibt. Die Tatsache, ob jemand vermögend ist oder nicht, sollte keinen Einfluss darauf haben, ob er in einer menschenwürdigen Behausung lebt – das ist nicht vom Geld abhängig. 
Bauten sollten so gemacht sein, dass sie ein Minimum an Ressourcen brauchen und energieeffizient sind. In Nigeria wird wegen des warmen Klimas die meiste Energie benötigt um die Innenräume kühl zu halten. Also sollten sie so konzipiert sein, dass sie ohne Klimaanlagen auskommen und die natürliche Durchlüftung gewährleistet ist. Bei meinen Projekten lege ich auch Wert darauf, ortsübliche Materialien zu verwenden, um lange Transportwege zu vermeiden und so die CO2-Emission auf ein Minimum zu redu-
zieren. 

Anmerkungen
1 Shell wird Mitschuld an schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen in Nigeria vorgeworfen. Derzeit läuft in den Niederlanden ein Verfahren gegen das Unterneh-
men. Ende 2010 sind in Nigeria wieder 40’000 Barrel Rohöl ausgelaufen. Es handelt sich um die grösste Ölkatastrophe seit Jahrzehnten. 
2 Der Öltanker Exxon Valdez fuhr unter der Flagge der Vereinigten Staaten und lief 1989 vor Alaska auf Grund. Das Unglück löste eine der grössten Umweltkatastro-
phen der Seefahrt aus. Bei dem Unfall liefen 37’000t Rohöl aus, die 2000km Küste verschmutzten.

NNimmo Bassey

Nnimmo Bassey wurde 1958 geboren. Seit den 1980er-Jahren engagiert er sich für die Menschenrechte. 1993 war er Mitbegründer und ist heute Geschäftsführer der NGO «Environmental Rights Action (ERA)», die sich um umweltpolitische Menschen-
rechte kümmert. ERA ist Mitglied bei «Friends of the Earth International», einem internationalen Zusammenschluss von Umweltschutzorganisationen, vertreten in 76 Ländern mit 2 Mio. Mitgliedern.   Natur 2012Die Messe NATUR ist die grösste Schweizer Plattform für nachhaltigen Konsum und zukunftsfähige Lebensstile. Nnimmo Basseys Vortrag findet am 13. April 2012 um 16.30 Uhr statt.
Datum 13. bis 16. April 2012
Ort Messe Basel, Halle 4
Weitere Informationen: www.natur.ch

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