Minergie wird zum Kontrollsiegel

Erweiterung der Labelpalette

Ab 2018 gelten neue Spielregeln für das Minergie-Zertifikat: Wärme und Strom werden zusammengefasst bilanziert, Gebäude dürfen in Etappen erneuert werden, und die Qualitätssicherung wird ausgebaut. Die kommenden zwölf Monate werden ausserdem zur Erprobung flexiblerer Umsetzungskonzepte genutzt.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Redaktor TEC21

Der Verein Minergie ist 1998 gegründet worden; in diesem Jahr hat er die Volljährigkeit erreicht. Und wie für pubertäre Phasen üblich, wurde zuletzt Grundsätzliches hinterfragt. Die Trägerschaft war selbst skeptisch geworden, ob das Gebäudelabel weiterhin unersetzlich sei – oder wie gross das Steigerungspotenzial für mehr Energieeffizienz im Gebäudebereiche effektiv ist. Etliche Vorstandssitzungen und mehrere personelle Wechsel später wagt man nun jedoch eine Art Neuanfang und korrigiert den laufenden Kurs. Inhaltlich wird der bisherige Fokus auf die Wärmebilanz zur Betrachtung der Gesamtenergieeffizienz erweitert, und formal wird das Zertifizierungsverfahren flexibilisiert.

Die Minergie-Organisation selbst nähert sich dem Markt und der öffentlichen Hand: Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Energie am Bau der Fachhochschule Nordwestschweiz wurde aufgelöst; stattdessen wird das technische Know-how neu durch eine Energieberatungsfirma sichergestellt. Ausserdem werden, gemeinsam mit kantonalen Energiefachstellen, mehrere Pilotprojekte lanciert. Wie an der Fachveranstaltung «Minergie 2017» anlässlich der Bau- und Energie-Messe in Bern zu erfahren war, hoffen vor allem die Kantone, dass das freiwillige Gebäudelabel den Baumarkt frühzeitig auf absehbare Gesetzesänderungen vorbereiten kann.

Gemäss Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meier Primavesi startet ab Januar ein Übergangsjahr: «Die aktuellen Zertifizierungsregeln gelten mindestens bis im Sommer; die neuen Nachweisverfahren sind jetzt schon anwendbar.» 

Update für grössere Gebäude

Die Standards Minergie, Minergie-Eco, Minergie-P und Minergie-A bleiben erhalten. Teilweise werden aber Kriterienkataloge und Berechnungsarten angepasst. Erstmals eingeführt wird eine gemeinsame Bilanzierung von Wärme und Strom, erläutert Armin Binz, stellvertretender Minergie-Geschäftsleiter. Zudem soll das Gros des Update-Pakets speziell für grössere Wohn- oder Zweckbauten wirksam werden.

Neu wird der Spielraum für eine Zertifizierung fossil beheizter Gebäude stark eingeschränkt. Und eine energetische Erneuerung kann auch dann zertifiziert werden, wenn die bauliche Umsetzung in Etappen erfolgt. Christian Stünzi, Leiter Technische Agentur Minergie, betont, dass nun ein Zeitrahmen von fünf Jahren akzeptiert wird.

Die Minergie-Kennzahlen 2017 werden auch in Zukunft die Messlatte für jedes zertifizierte Gebäude setzen; sie sind aber mit den bisher verlangten Grenzwerten nicht direkt vergleichbar. So muss ein Minergie-Wohnhaus ab 2017 den spezifischen Gesamtenergiebedarf von 55 kWh/m2 einhalten können. Für das Minergie-P-Zertifikat werden sogar 5 kWh/m2 weniger verlangt, und die Minergie-A-Kennzahl sinkt auf 35 kWh/m2. Gemäss Armin Binz sind die quantitativen Vorgaben so definiert, dass das aktuelle Gesetzesniveau um 25 % unterschritten wird respektive der Aufwand für den Wärmeschutz identisch wie für die auslaufende Minergieversion ist.

Bilanz für Wärme und Strom

Am stärksten verändert wurde die Berechnungsformel für die Energiebilanz, die neu sowohl den Wärmebedarf als auch den Stromkonsum erfasst. Letzterer meint diejenige Energie, die für Beleuchtung, Haustechnik und Haushaltsgeräte benötigt wirdb. Allerdings kann im Gegenzug die Effizienzverbesserung bei Warmwassersystemen angerechnet werden. Weiterhin zwingend ist der kontrollierte Luftwechsel; gemäss Stünzi sollen aber vermehrt flexible, raumbezogene Lüftungsvarianten anerkannt werden. Demgegenüber wird im Minergie-Standardnachweis ein Nachweis zum Dichtheitskonzept verlangt.

Weitere Änderungen sind: Bei einem Minergie-A-Haus wird nicht mehr auf die graue Energie geschaut. Eine Bilanzierung wird nur noch für den Zusatzantrag «Eco» fällig.

Prüfen des Betriebszustands

Im Vergleich zu den kantonalen Energievorschriften zielt die Minergie-Reform darauf ab, mehr erneuerbare Energien einzusetzen. Als Zusatzeffort wird zudem eine Überprüfung der Energieeffizienz im Betriebszustand angestrebt. Unter anderem sollen systematische Qualitätskontrollen und ein mehrjähriges Energiemonitoring vorausgesetzt werden, bevor eine definitive Zertifikatsübergabe erfolgt. Dazu will der Verein Minergie jedoch zunächst noch einen Pilotversuch gemeinsam mit mehreren Kantonen lancieren.

Informationen zur Version Minergie 2017 ab Januar auf www.minergie2017.ch

 

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