LafargeHolcim Award für Nachhaltige Konstruktion

Ende September wurden im MuCem in Marseille die LafargeHolcim Awards 2017 für Europa verliehen. Der Fokus lag auf Projekten, deren Nachhaltigkeit über Einzelmassnahmen hinaus vor allem systemisch und spezifisch sind. Insgesamt elf Projekte wurden ausgezeichnet.

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Der mit 2 Mio. US-Dollar dotierte Wettbewerb richtet sich an Projekte überall in der Welt, die in den Gebieten Technologie, Umwelt, Sozioökonomie und Kultur über die übliche Definition von Nachhaltigkeit hinaus gehen. Bei der Beurteilung der Projekte halfen der Jury die fünf P-Pfeiler: progress, people, planet, prosperity und place. Mit dem Preis soll auf Projekte mit neuen, überraschenden und visionären Ansätzen aufmerksam gemacht werden. Einige der rund 792 eingereichten Projekte haben diesen Anspruch durchaus erfüllt.

Der erste Preis geht an zwei Projekte am Brüsseler Willebroek-Kanal, für den die Stadt einen übergeordneteen städtebaulichen Masterplan erstellt hatte. Beide Projekte schlagen vor, neue oder bestehende Infrastrukur- und Fabrikgebäude in die Innenstadt zu integrieren und sie nicht wie heute oft üblich an den Stadtrand zu verlegen. TETRA architecten führen mit ihrem Vorschlag die Bedürfnisse einer Abfallentsorgungsfirma und des sich entwickelnden Quartiers zusammen: Innerhalb eines riesigen Hofs um das Busparkhaus für die Müllabfuhrwagen bleibt Raum für öffentliche Nutzungen und einen kleinen Wald. Die Bau ist so konzipiert, dass er sich an neue Anforderungen anpassen und Raum für Entwicklung offen lässt (vgl. Video). «Indem die Infrastruktur im Vordergrund steht, führt der Entwurf wirtschaftliche und ästhetische Überlegungen zusammen. So entsteht eine flexible Architektur, die aus Einschränkungen Qualitäten macht», lobte die Jury, zu der unter anderen Anne Lacaton von Lacaton & Vassal Architects, Paris, und Harry Gugger, Professor an der EPFL für Architectural & Urban Design Lausanne, gehören.

Das thematisch ähnlich ausgelegte Projekt von BC architects and studies in Brüssel integriert eine bestehende Betonfabrik in das sich stark entwickelnde städtische Umfeld am Kanal – und verhindert, dass industrielle Stadtsubstanz zerstört wird. Auch hier ist Durchlässigkeit zentral (vgl. Video). «Die Spannweite architektonischer Massnahmen verleiht der Absicht, auf den ersten Blick Unvereinbares zu vereinen, Glaubwürdigkeit: die Koexistenz zweier eigentlich inkompatibler Funktionen», lobt die Jury.  

Das Projekt von ZEDpods aus London, das den Bronze Award erhielt, schlägt vor, über bestehenden, grossen Parkfeldern mittels vertikaler Etagen Wohnraum für Pendler, Studierende und andere Kurzaufenthalter zu schaffen. Diese sollen mit lokal produzierbaren Elementen, die sich schnell von ungelernten Arbeitern zu «Wohnungen auf Stelzen» zusammenfügen lassen, entstehen. Einmal mehr ist die Mehrfachnutzung von Raum bedeutend (vgl. Video). Der Autor des Projekts habe «eine Architekturvision, die sozial verantwortbar, ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich erschwinglich ist», befand die Jury.

Vier Projekte erhielten einen Acknowledgement Prize. Karamuk Kuo Architekten aus Zürich setzen bei ihrem Entwurf eines archäologischen Ausgrabungszentrums für römische Siedlungen in Augusta Raurica in Augst auf ein flexibles strukturelles System (vgl. Video). Mit diesem liessen sich verschiedene Nutzungsmöglichkeiten auch an künftige Herausforderungen anpassen.

Auch in der Next-Generation-Kategorie wurden vier Preise vergeben. Sie richtet sich an Studenten und Berufsleute bis zum 30. Altersjahr und sucht nach visionären Projekten und mutigen Ideen. Ein Preis ging in die Schweiz an Frédéric Bouvier. Er plant eine Struktur, die das Löschen von Waldbränden in der Region Collobrières in Frankreich erleichtern kann und gleichzeitig als Memorial für die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich geholten algerischen Soldaten dient. Die unprätentiöse Verbindung der Funktion und des tieferen Sinns als Memorial ist bemerkenswert subtil umgesetzt.

 

Die Siegerprojekte Europa im Überblick

LafargeHolcim Awards Gold ex aequo 2017 Europa 

Logistics Framework: Anpassungsfähige Struktur für eine Abfallbeseitigungsfirma, Brüssel, Belgien
Ausgezeichnet wird der Entwurf für eine flexible Abfallsammelanlage, der sich dafür einsetzt, dass logistische Infrastruktur im städtischen Kontext erhalten bleibt. 
Von Ana Castillo, Lieven de Groote, Jan Terwecoren, Annekatrien Verdickt, TETRA architecten, Brüssel, Belgien.

LafargeHolcim Awards Gold ex aequo 2017 Europa

Mix-City: Städtische Integration einer bestehenden Betonmischfabrik, Brüssel, Belgien
Das Projekt verbindet eine bestehende Betonmischfabrik mit einer städtischen, industriell geprägten Umgebung. 
Von Wes Degreef, Ken De Cooman, Nicolas Coeckelberghs, Laurens Bekemans, Jasper Poesen, BC architects and studies, Brüssel, Belgien.

LafargeHolcim Awards Bronze 2017 Europa 

Air Rights: Null-(Fossil-)-Energie-Wohneinheiten über Parkplätzen, London, Grossbritannien
Das Konzept für nachhaltige Wohneinheiten über bereits existierenden öffentlichen Parkplätzen bietet eine raffinierte Antwort für Londons Wohnraumknappheit. 
Von ZEDpods Ltd, London, Grossbritannien.

LafargeHolcim Awards Acknowledgement prize 2017 Europa
Back-Alley Front Stage: Erstes unabhängiges Theater, Bukarest, Rumänien
Ein unabhängiges Theater – das erste in der Stadt seit 1946 verwandelt ein heruntergekommenes Gebäude in ein Kulturlokal. 
Von Chris Simion-Mercurian und Tiberiu Mercurian, Ascociata Culturala Grivita 53; Codrin Tritescu und Petre Frangulea, Architecture Office Codrin Tritescu, Bukarest, Rumänien.

LafargeHolcim Awards Acknowledgement prize 2017 Europa 
Bio-Palimpsest: Ein ökologischer Zugang zu archäologischen Ausgrabungsstätten, Pontevedra, Spanien
Dier geplante Landschaftspark mit einfachen Mitteln und vielschichtigen Interpretationen lässt sich für verschiedene archäologische Ausgrabungsstätten adaptieren. 
Von Joaquín Pérez-Goicoechea, AGi architects, Madrid, Spanien.

LafargeHolcim Awards Acknowledgement prize 2017 Europa 
Radical Archaeology: Ausgrabungszentrum für die römische Siedlung Augusta Raurica, Augst, Schweiz
Der Bau bietet mit einem flexiblen strukturellen System verschiedene Nutzungsmöglichkeiten. 
Von Ünal Karamuk und Jeannette Kuo, Karamuk Kuo Architekten, Zürich, Schweiz.

LafargeHolcim Awards Acknowledgement prize 2017 Europa 
Stacking Sports: Nachbarschafts-Freizeitanlage, Bordeaux, Frankreich
Der Bau vereint verschiedene Sportanlagen und macht Sport so zum sozialen Kondensator. 
Von François Chas, Nicolas Guerin, Fabrice Long, Paul Maître-Devallon und Ana Miscu, NP2F, Paris, Frankreich.

LafargeHolcim Awards Next Generation 1st prize 2017 Europa 
Ecommunity: Umwandlung einer Fabrik in Wohnraum, Lodz, Polen
Das Projekt mit dem Titel “ecommunity” wandelt eine existierende Fabrik in gemeinschaftlichen Wohnraum um. 
Von Malgorzata Mader, Lodz University of Technology, Lodz, Polen.

LafargeHolcim Awards Next Generation 2nd prize 2017 Europa 
Modern Sanctuary: Umwandlung eines Klosters in eine Einrichtung zur Rehabilitation von Menschen mit Verhaltensstörungen, Otyn, Polen
Entwurf für ein Rehabilitationszentrum auf den Ruinen eines Klosters ist von hoher Qualität und sozialem Wert. 
Von Jakub Grabowski, Gdynia, Polen.

LafargeHolcim Awards Next Generation 3rd prize 2017 Europa 
Liquid Era: Raumkonzepte für eine Stadt der Zukunft, Kazan, Russland
Die Autorin erkundet ein neues architektonisches Vokabular für eine Stadt der Zukunft in einer Zeit, die ebenso von der Körperlichkeit der Dinge wie von der Ungreifbarkeit der digitalen Welt geprägt ist. 
Von Anna Andronova, UCL Bartlett School of Architecture, London, Grossbritannien.

LafargeHolcim Awards Next Generation 4th prize 2017 Europa 
Slow Burn: Wasserzisterne und Waldunterstand, Collobrières, Frankreich
Ein Wassertank, welcher der Bekämpfung von Waldbränden dient, ist ein attraktiver Blickfang in der Landschaft. 
Von Frédéric Bouvier, Renens, Schweiz.

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