Neue Ader für das Herz der Insel

Masterplan des Berner Inselspitals

Das Intensiv-, Notfall- und Operationszentrum INO gilt als das Herz des Inselspitals Bern. Eine unterirdische Verbindungsader sorgt für den richtigen Anschluss an das neue Organ- und Tumorzentrum.

Peter Seitz Bauingenieurwesen, Redaktor TEC21

Zwischen dem menschlichen Körper und komplexen Gebäuden bestehen Parallelen. Sind die Adern eines Menschen nicht intakt, führt dies zu Problemen. Sind Wege zu lang – etwa die der Nervenbahnen –, vergeht für Reak­tionen wertvolle Zeit, die für das Überleben entscheidend sein kann. Für ein Krankenhaus, das gern mit einem lebenden Organismus verglichen wird, gilt dies entsprechend.

Durchschnittlich legt ein Patient während einer Behandlung im Berner Inselspital 1.1 km innerhalb der Klinik zurück. Ein weiter Weg, bedenkt man den meist an­geschlagenen Gesundheitszustand eines Patienten. Zukünftig soll sich dies auf der Insel, wie das Spital in Fachkreisen bekannt ist, ändern. Für einen Masterplan, der die zweckmässige Anordnung von Neubauten auf bereits bestehende Strukturen abstimmt, wurden die Abhängigkeiten der Kliniken untereinander und deren Logistik genau untersucht. Die Umsetzung dieses Masterplans bis ins Jahr 2025 wird stark vernetzte Klinikbereiche baulich näher und logischer ­zusammenführen, soll dadurch laufende Kosten sparen helfen und letztlich die Leistungsfähigkeit des Spitals auch in Zukunft gewähr­leisten. 750 Mio. Fr. sind hierfür veranschlagt.

Gruppierung um das Herz

Als Kernstück bleibt das Intensiv-, Notfall- und Operationszentrum INO bestehen. Diesem wird zukünftig das neue Organ- und Tumorzentrum (Baubereich 6.1) im Nord­westen angegliedert. Südöstlich des INO beginnen derzeit die Bauarbeiten des Baubereichs 12. Hier entsteht das neue Spitalgebäude «Cœur de ­l’ Île» mit schweizerischem Herz- und Gefässzentrum und Zentren der Fachkliniken, entworfen von der Berner Architektengemeinschaft GWJArchitektur / IAAG / Astoc. Nach dessen Fertigstellung wird das nebenan gelegene Bettenhochhaus, das derzeit markanteste Gebäude der Insel, abgerissen.

Die Gebäude rücken jedoch nicht nur räumlich zueinander, auch ihre Ebenen werden konzeptionell aufeinander abgestimmt. Auf Erdgeschossebene aller drei Klinikgebäude werden die Ambulatorien mit Diagnose und Bildgebung eingerichtet. Eine Ebene darüber kommen die Operationssäle und Interven­tionsräume zu liegen. Oberhalb ­davon entstehen die Intensiv- und Tageskliniken. Die Pflegestationen und kernprozessnahe Büroräumlich­keiten sind in den darüber befindlichen Stockwerken angeordnet.

Medien in der Ader

Die Anbindung des Baubereichs 6.1 an das INO erfolgt mit einem zweistöckigen, 72 m langen und 4 m breiten Verbindungstunnel unterhalb der Ambulatorienebene. Zu einer Besichtigung der laufenden Bauarbeiten dieses mit Gesamtkosten von 13.3 Mio. Fr.  veranschlagten, in Tagebauweise erstellten Verbindungsprojekts lud die Schweizerische Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen usic Medienvertreter 2017 ein.

Das untere Geschoss des Tunnels ist für die Logistik der Gebäude vorgesehen. 20 Medien wie Wasser, verschiedene Gase, Strom etc. werden dort geführt. Ausserdem wird die Versorgung der Kliniken mit den benötigten Materialien, die mittels Elektrofahrzeugen transportiert werden, sichergestellt. Das obere Geschoss des Verbindungsgangs dient der Besucher- und Patientenlenkung. Die Erstellung bei lau­fendem Spitalbetrieb und die Baugrubensicherung direkt neben den Klinikbauten waren aufwendig. Davon zeugen auch die Rohbaukosten, die mit etwa 102 000 Fr. pro laufendem Meter immens sind.

Unterfangung in Etappen

Zum grossen Teil führt der Tunnel direkt entlang der Aussenflucht des INO. Die Tunnelsohle lag jedoch etwa 7 m tiefer als die Fundation des bestehenden Notfallzentrums; deswegen musste das Gebäude unterfangen werden. Die Baugruben­sicherung und Unterfangung erfolgte in Etappen. Zur Aufnahme des Erddrucks setzte man Spriesse, die zumeist als HEB 400 ausgeführt ­waren. Auf Fundationsebene des INO angekommen, wurde das Gebäude mittels Presspfählen abgefangen. Hierzu legte man im Abstand von etwa 2.50 m die Unterkante des Fundaments frei. Die Presse wurde an dieser verankert und trieb Stahlrohre in Schüssen in den Boden. Die Stahlrohre wurden bis zur nächsten Etappentiefe freigelegt und einbetoniert. Somit ergab sich letztendlich eine durchgehende Unterfangung, die die Setzungstoleranzen des INO einhalten konnte.

Während der Bauphase wur­den etwaige Setzungen des Spitals sowohl über die Vermessung de­finierter Punkte als auch mittels ­Einsatz einer Schlauchwaage kontinuierlich aufgenommen. Bei Überschreiten der zulässigen Messwerte wäre ein Alarm bei den je nach ­Eskalationsstufe zu­ständigen Spezialisten ausgelöst worden. Im schlimmsten Fall hätte das INO geräumt werden müssen. Ein solches Ereignis trat jedoch nicht auf – das Notfall­zentrum konnte seinen Aufgaben auch während der Bauarbeiten gerecht werden.

«Reif für die Insel» wird auch künftig in Bern eine andere Bedeutung haben als andernorts.

INO des Berner Inselspitals

Das INO der «Insel» – der Name Inselspital geht letztlich auf die St.-Michaels-Insel in der Aare zurück – weist beeindruckende Zahlen auf. Jährlich werden etwa 46 000 Menschen behandelt. davon gelten etwa 1200 als Schwerverletzte, 600 gar werden als schwerstverletzt eingestuft. Mehr als 1000 Flüge werden über den schweizweit einzigen rund um die Uhr, bei jeder Witterung anfliegbaren Helikopterlandeplatz abgewickelt, der über eine eigene Kennung verfügt. 31 Ärzte und Ärztinnen, 25 Assistenzärzte und -ärztinnen, 140 Mitarbeitende in der Pflege und 15 im Sekretariat stehen den Patienten zur Verfügung. (Peter Seitz)

Am Bau/Umbau Beteiligte

Bauherrschaft
Inselgruppe Inselspital Direktion Infrastruktur, Bern

Generalplanung, Tragwerks­planung und Bauleitung
Emch + Berger, Bern

Überwachung Baugrube
bbp Geomatik, Gümligen

Überwachung INO
Solexperts, Mönchaltorf

Baumeister
Marti, Bern

Fachplanung Elektro
Hefti. Hess. Martignoni, Zürich

Fachkoordination HLK
Dr. Eicher + Pauli, Zürich

Brandschutz
Amstein + Walthert, Bern

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