«Wir wollen, dass der Holzbau eine Standardbauweise wird»

Swiss Timber Engineers ist offen für alle, die sich für den Holzbau ­interessieren. Das ist Olin Bartlomé, Präsident des 25-jährigen Vereins, wichtig. Warum der Holzbau gerade jetzt einen Aufschwung erlebt und was er mit dem Verein STE erreichen will, erläutert er im Interview.

Mike Siering Leiter Kommunikation SIA

SIA: Herr Bartlomé, wer sind die Swiss Timber Engineers?
Olin Bartlomé: Swiss Timber Engineers (STE) wurde vor über 25 Jahren von den ersten Holz­ingenieuren gegründet, die an der Berner Fachhochschule (damals HTL) im Fachbereich Holz studiert haben. In den letzten 30 Jahren wurden in Biel gut 900 Holzbauingenieure und Holzingenieure ausgebildet. Die Holzbauingenieure konzi­pieren und berechnen Hoch­bauten und Brücken aus Holz, die Holzingenieure sind Ver­fahrens­techniker und Betriebswirtschaftler, beispielsweise in der Holz­industrie.

SIA: Warum braucht es für Holzbauten spezielle Ingenieure?
Olin Bartlomé: Holz ist ein spezielles Material. Seine Eigenschaften sind anisotrop und damit in den drei Dimensionen unterschiedlich, es nimmt Feuchte auf, gibt sie wieder ab etc. Es lässt sich gut verkleben, man kann es einfach mit anderen Materialien kom­binieren – für all das braucht es ein spezielles Wissen, daher braucht es die Holzingenieure. Die Studierenden in Biel sind grösstenteils ausgebildete Schreiner und Zimmermänner, jeweils mit Berufsmatur.

SIA: Wer ist Mitglied bei STE?
Olin Bartlomé: Man muss Holzingenieur FH sein oder einen anderen Hochschulabschluss und einen Bezug zu Holz haben. Wir sind in den letzten fünf Jahren er­freulich stark gewachsen. Unser siebenköpfiger Vorstand besteht aus je drei Männern und Frauen sowie zwei Studierenden. Heute haben wir schon fast 280 Mit­glieder (Personen) und rund 20 Leistungspartner (Firmen und ­Institute).

SIA: Was macht der STE?
Olin Bartlomé: Wir machen eine Reihe von An­geboten: An den «holzTalks» besichtigen wir zwei- bis dreimal jährlich Holzbauten oder Holz­betriebe. Jeder kann kommen, nicht nur Mitglieder. Wir sind ein offener Verband. Unsere jährlich vier «mittagsTalks» finden in kleinerem Rahmen in Luzern, Zürich und Bern statt: Nach einem kurzen Inputreferat diskutieren wir das Gehörte und geniessen den gemeinsamen Lunch. Auch bieten wir jedes Jahr einen Kurs an, geben viermal unser Mitgliedermagazin, den «Lignarius», heraus und informieren mit dem STE-­Bulletin, unserem digitalen Newsletter.

SIA: Wo drückt der Schuh? Was sind Ihre Anliegen?
Olin Bartlomé: Der Holzbau hat seit 2004 stark zugenommen, seit die Brandschutzvorschriften geändert wurden. Wir haben uns dazumal für diese Revision stark gemacht. Das nächste grosse Thema, das wir mit der Branche angegangen sind, war der Schallschutz, der bei mehrgeschossigen Bauten wichtig wurde. Es geht uns darum, dass Holz vermehrt angewendet wird. In der Schweiz ist das beim Bauen klar der Fall. Künftig wollen wir mehr auch Investoren überzeugen, dass Holz eine Alternative zu Backstein und Beton ist.

SIA: Mit welchen Vorurteilen hat der Holzbau noch zu kämpfen?
Olin Bartlomé: Brandschutz, Schallschutz und auch die Dauerhaftigkeit haben wir im Griff. Holzkonstruktionen sind meist noch etwas teurer als andere Bauweisen. Aber ein Mercedes kostet auch etwas mehr als ein Volkswagen (lacht). Der Holzbau hat klare Vorteile, die sich auch für Investoren auszahlen: Käufer und Mieter interessiert z. B. heute vermehrt, welche Mate­rialien verbaut werden und wie nachhaltig ein Gebäude ist. Wenn Bauten von Anfang an in Holz konzipiert werden, ­nähern wir uns preislich dem Niveau konventioneller Konstruktionen an.

SIA: Was war der Grund für den STE, sich als Fachverein dem SIA anzuschliessen?
Olin Bartlomé: Der SIA ist die Drehscheibe, wenn es um das Bauen geht. Aus diesem Grund sind wir hier an der richtigen Adresse. Zudem engagieren sich viele Mitglieder der Swiss Timber Engineers in SIA-Kommissionen. Für den heutigen Vorstand von STE war daher klar, dass wir Fachverein des SIA werden müssen.

SIA: Was sind Ihre Erwartungen an den SIA? Und was kann der STE dem SIA umgekehrt bieten?
Olin Bartlomé: Wir möchten, dass der Holzbau beim SIA einen wichtigen ­Stellenwert erhält. Wichtig ist dabei nicht nur die Holzbaunorm SIA 265, sondern dass das Thema Holz in den Köpfen der Leute präsent ist. Hier kann der SIA helfen: Er kann den Holzinge­nieuren als Sprachrohr zur Baubranche dienen, zum Beispiel wenn TEC21, TRACÉS und Archi ­unsere Themen aufgreifen. Handkehrum spüren wir grosses Interesse seitens SIA-Berufsgruppen, für die wir eine Bereicherung darstellen. Selbstverständlich bringen wir uns auch weiterhin aktiv in die Normen­arbeit ein.

SIA: Der Holzbau boomt, nicht zuletzt wegen der digitalen Produktion. Ein archaisches Material wird zu Hightech. Erlebt der Holzbau gerade eine Renaissance?
Olin Bartlomé: Das ist der Vorteil von Holz: Für die computergestützte Produk­tion ist es sehr geeignet. Mit CNC-Maschinen oder automatisierten Abbundsystemen ver­einfachen wir das Bauen extrem. Wir können in der Halle ganze Häuser vorfabrizieren und vor Ort montieren. Auch holzbasierte Materialien und deren Verbindung – Stichwort: Klebetechnik – ent­wickeln sich rasant weiter. Viele unserer Mitglieder engagieren sich in der Forschung und Entwicklung. Unser Verband hat daher eine Partnerschaft mit S-WIN, dem Swiss Wood ­Inno­vation Network.

SIA: Wo liegen die Potenziale und Grenzen des Holzbaus?
Olin Bartlomé: Natürlich wird es immer die Leuchtturmprojekte geben: das TA-Media-Haus in Zürich oder den neuen Hauptsitz der Uhrenmarke Swatch in Biel (Eröffnung 2018), beide Objekte vom Architekten und Pritzker-Preisträger Shigeru Ban. Das grösste Potenzial liegt aber im mehrgeschossigen Wohnungsbau. Und da müssen wir weiterhin das Bild, das viele von Holzbauten haben, revidieren. Denn häufig sind «unsere» Bauten heute Hybridbauten, man sieht ihnen den Holzbau nicht so einfach an. Wir wollen in der Stadt keine Chalets bauen, sondern jedes Material soll dort zum Einsatz kommen, wo es sinnvoll ist. Bezüglich Anzahl Stockwerke gibt es beim Holzbau heute kaum noch eine Grenze.

SIA: Ist Holzbau per se nachhaltig?
Olin Bartlomé: Grundsätzlich ja. Aber es kommt auf den Bewertungsmassstab an. Nach europäischen Normen schneidet der Holzbau in den meisten Fällen gut bis sehr gut ab. Worauf wir achten müssen, sind die Kompositwerkstoffe, also verklebte Bauteile, die sich beim Rückbau nur schwer ­trennen lassen.

SIA: Man hört immer wieder von Schweizer Holzbauten, die mit Importholz gebaut werden. Wa­rum nimmt man nicht in jedem Fall Schweizer Holz?
Olin Bartlomé: Die Versorgung mit Holz aus der Schweiz ist ein grosses Thema. Die Waldeigentümer in der Schweiz, Kantone und Private, sind sich ihrer Verantwortung für die «Holzkette» häufig nicht bewusst. Viele sehen den Wald nicht als Lieferant von Holz. Unterstützung erhalten sie z. B. für Biodiversität und Ähnliches, wodurch die Motivation natürlich ab und zu fehlt, den Wald klassisch zu bewirtschaften. Häufig sind die benötigten Holzprodukte nicht am Lager, und man weicht auf Importholz aus.

SIA: Wo geht die Reise hin mit dem Holzbau?
Olin Bartlomé: Wir wollen, dass Holz eine Standardbauweise wird. Bis 2030 wollen wir 30 % der Gebäude in Holz konstruieren, das ist realistisch und auch ressourcentechnisch sinnvoll. Und natürlich ist z. B. auch der 3-D-Druck von Holz ein Thema. Auch hier wird intensiv geforscht.

SIA: Und wo wollen Sie hin mit den Swiss Timber Engineers?
Olin Bartlomé: Wir sind ein offener Verband. Alle Interessierte sind will­kommen. Wir wollen mit jedem ins Gespräch kommen, der sich für unsere Arbeit interessiert – gerade auch mit denen, die sich bislang noch nicht mit dem Holzbau befasst haben.

SIA: Olin Bartlomé, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr Info zum Verband: www.swisstimberengineers.ch

 

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