Hinter der Fassade

Kolumne

Judit Solt Fachjournalistin BR, Chefredaktorin TEC21

Ach, was leben wir doch in pragmatischen Zeiten! In den 1970er-Jahren wäre diese Fassade im Zürcher Kreis 3 ein subversives Kunstwerk gewesen. Redliche Bürger hätten sich über die Dekadenz der Moderne empört, zottelige Jugendliche gegen die reaktionäre Kulturpolitik der Stadt demonstriert. Der leicht bekiffte Künstler wäre vor seinem Werk ge­standen, um wankend über die Cuttings des Architekten und Konzeptkünstlers Gordon Matta-Clark zu referieren: Indem dieser mit fast chirurgischer Präzision Gebäude zersägte und Teile daraus entfernte, habe er völlig neue Sichtweisen ermöglicht. Die Avantgarde müsse der konservativen Architektur, diesem erstarrten Ausdruck des Kapitalismus, Widerstand leisten, ihre Innereien entblössen und ihr Raum für Experi­mente abtrotzen. Es lebe die Anarchitektur! Es lebe die Dekonstruktion!
Heute regt sich niemand auf. Die Fassade wird ganz legal geschält, um energetisch erneuert zu werden. Das Quartier ist hip und beherbergt junge Kreative. Die Frauen tragen geometrische Frisuren, die Männer akkurat gestutzte Bärte wie aus dem 19. Jahrhundert. Sie rauchen keine Joints, sondern schlucken Pillen. Sie gründen Agenturen, üben Yoga und optimieren ihre Individualität. Ihr Terminkalender ist voll. Sie gehen mit gesenktem Blick vorbei.

Verwandte Beiträge

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv