Das Zürcher Globus-Krawällchen

Der Kern von Zürich dematerialisiert sich; spannender Städtebau weicht an die Peripherie aus. Gerät die Stadt Zürich in den Strudel einer politisch mutlosen Zentrifuge?

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Architektur und Städtebau sind für die grösste Stadt der Schweiz wahrlich keine heissen Eisen. Könnte man sich daran die Finger verbrennen, wären sie kurz vor den Erneuerungswahlen für den Stadt- und Gemeinderat ein absolutes politisches Tabu. Weil dem an der Limmat aber nicht so ist, wagte die Exekutive wenige Wochen vor dem Urnengang am 4. März einen Blick, wie die Zukunft im Herzen der Stadt aussehen soll. Das Globus-Provisorium an der Bahnhofbrücke, in dem der Detailhändler Coop an bester Passantenlage seine rentabelste Filiale überhaupt betreiben darf, soll einem «offenen Platz mit Pavillon» weichen. Und da Bilder stärker wirken als Worte, brachte das Tiefbaudepartement akurate Renderings vom neugestalteten Papierwerd-Areal zwischen Hauptbahnhof und Central in Umlauf. Den Platz in der Limmat haben anstelle der Coop-Filiale eine Kiesfläche, ein paar Bäume, einige Sonnenschirme und ein Pavillon eingenommen. Die neue Grünanlage wirkt auf- und ausgeräumt. Es ist eine Stadtansicht ohne jeglichen Esprit.

Wohlverstanden: Einen Projektvorschlag gibt es noch nicht. Bislang hat einzig die Stadtverwaltung über die Machbarkeit und die rechtlichen Rahmenbedingungen vom Wasserbau bis zum Strassenverkehr gebrütet. Diese Ämterkonsultation muss laut der Stadtregierung genügen, damit nun die nächsten Schritte für die rund 34 Mio. Franken teure Aufwertungsmassnahme folgen dürfen. Unter anderem sollen für den Projektwettbewerb und die Erarbeitung eines Nutzungskonzepts 4.1 Mio. Franken ausgegeben werden. Man erwartet dabei nicht weniger als die eierlegende Wollmilchsau: Das nun initiierte Entwicklungs- und Planungsverfahren soll «die städtebauliche, raumplanerische und verkehrliche Bestvariante» hervorbringen und zugleich aufzeigen, wie dieser Eingriff an der Stadtaorta in kleinen Schritten ausgeführt werden kann. Dabei handelt es sich um eine 16 Jahre alte Pendenz, die vom Stadtparlament erstmals 2002 diskutiert worden ist.

Wunschvorstellung und viel Konjunktiv

Eine unveröffentlichte Vertiefungsstudie, woraus in der Botschaft der Stadtregierung an das Parlament lediglich zitiert wird, empfiehlt die beworbene und visualisierte Gestaltungsvariante. Allerdings präsentieren die publizierten Ansichten erst eine Wunschvorstellung. Und auch die verbale Ankündigung der Stadtminister bevorzugt den Konjunktiv: Zwar soll die Umsetzung in Etappen erfolgen. Die Weiterentwicklung zum städtebaulichen Mehrwert wird aber in der «könnte»-Form beschrieben. Wie zwingend das Gesamtpaket ist, bleibt somit im Vagen.

Die vorsichtigen Formulierungen scheinen bewusst gewählt, umso mehr als allein der Abbruch des Provisoriums Opposition provozieren wird. Die Denkmalpflegekommission erachtet das Gebäude mit Baujahr 1961 (Architekt Karl Egender) als schutzwürdig. Der Ersatz durch eine offene Limmatterrasse auf der Papierwerd ist daher ein politischer Entscheid, der sich auf höheres städtebauliches Interesse stützen muss. Die Auseinandersetzung darüber ist zumindest in Fachkreisen am Laufen.

Protest von Architekten

Die Zürcher Sektion des Bund Schweizer Architekten (BSA) hat Protest eingelegt und einen offenen Brief an die Baustadträte verfasst. Die Fachleute umtreibt sicher auch die Sorge um das kistenförmige Warenhaus, und ebenso warnen sie vor dem Verlust an Zürcher Bau- und Soziokultur. Zur Erinnerung: Vor 50 Jahren meldeten Jugendliche eigene Nutzungsansprüche an; erbitterte Strassenschlachten und der Globus-Krawall sind bis heute nationales Symbol der 68er-Bewegung. Der BSA ist aber vor allem am Städtebau interessiert und bemängelt, dass die Stadt den Standort derart radikal leer fegen will. Die Kritik erfolgt zu Recht.

Der Limmatraum war im Spätmittelalter ein lebendiger, zugebauter Markt- und Handwerksplatz. Und wer schwärmt nicht von der knapp 100 Jahre alten Vision des damaligen Stadtarchitekten Gustav Gull für die Bürostadt Urania? Das nur teilweise realisierte Vorhaben hätte die Stadtfront am linken Flussufer in prachtvoller Westminster-Manier prägen sollen. Seither scheut die Stadt das Wasser; eher weichen die Baulinien zurück, auf Kosten eines in sich kompakten Stadtkörpers. Die Papierwerd-Idee der Stadtverwaltung liefert die jüngste Bestätigung. Der BSA-Brief schlägt deshalb Bedenkzeit vor und will die Figuren im Planungsspiel ein paar Felder zurücksetzen. Die bürokratischen Scheuklappen seien für eine «unvoreingenommene städtebauliche Analyse» zu öffnen. Hier sei ergänzt, dass der Beizug von externer Kreativität und Kompetenz, von Fachleuten und Laien unverzichtbar ist. Und wie wäre es eigentlich mit der sonst so beliebten Bevölkerungspartizipation?

Attraktive Ränder und mutlose Mitte

Das neue Raumplanungsgesetz schützt nicht nur Boden und Landschaft, sondern fordert auch verbindlich auf, den Siedlungsraum zu verdichten. Ohne Akzentierung geht das aber nicht. Darum stellt sich hier die städtebauliche Grundsatzfrage: Wie sieht Zürich in seiner Mitte aus? Wird das Stadtzentrum, wie nun auf den Visualisierungen ersichtlich, noch mehr geräumt, erhöht dies den laufenden städtebaulichen Salatschleudereffekt: Das Nahrhafte wird nach aussen gedrückt; mittendrin hängen die Überbleibsel. Effektiv wächst Zürich an den Rändern, und die spannenden Knäuel entstehen in der Agglomeration, beispielsweise in den Quartieren Albisrieden und Leutschenbach oder selbst im Vorort Wallisellen. Im Zentrum der Limmatstadt droht ein urbanes Vakuum; schon jetzt herrscht Ratlosigkeit: Ein Kongresszentrum anstelle eines Carparkplatzes am Sihlquai, bitte lieber nicht! Auch die Weiterentwicklung des Kasernenareals scheint eher Qual als Kür, sich neue urbane Ideen zu überlegen. So entsteht der Eindruck, dass man sich politisch mit dem Machbaren, aber Mutlosen begnügt: Die Innenstadt wird in ihrer Physis belassen, höchstens an den Fassaden aufgeschönt und als repräsentables Sujet für das Touristenselfie inszeniert.

Natürlich darf man geteilter Meinung sein, wie und wo sich Zürich verändern soll. Aber das Zeug zum spannenden Wahlkampfthema hätte der Städtebau sicher gehabt. Darüber und über das aktuelle Krawällchen um das Globus-Provisorium in der Öffentlichkeit zu debattieren, dafür ist die Zeit in den folgenden vier Regierungsjahren so schnell als möglich zu nutzen.

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