Ge­fähr­li­che Pracht

Pulvrige Berghänge, idyllische Winterlandschaften, aber auch Lawinen­ und Verkehrschaos: Schnee ist ein vielseitiges Element, Fluch und Segen zugleich, wie eine Publikation und eine Ausstellung zeigen.

Publikationsdatum
15-01-2014
Revision
13-10-2015

Unter Schnee stürzen Dächer ein; schmilzt er zu schnell, drohen Hochwasser und Überschwemmungen. Aber ohne Schnee auch kein Wasserspeicher, keine Wärmeisolation für Permafrost, kein Schutz für Fauna und Flora. Seit über 75 Jahren forscht das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos zu diesem Thema. Nun präsentieren die Forscher ihr Wissen in der kürzlich erschienenen Publikation «Schnee» und an der Ausstellung «White Risk – White Glory» über Lawinen im Gletschergarten in Luzern.1

Was ist Schnee

Wer Menschen und Infrastruktur vor Lawinen schützen will, muss die physikalischen Eigenschaften von Schnee verstehen. Das Buch wie auch die Ausstellung knüpfen hier beim kleinsten Element an, dem Eiskristall. Seine Form ist individuell wie ein Fingerabdruck und hängt wie seine Grösse von verschiedenen Bedingungen wie Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder Windverhältnissen ab. Veranschaulicht wird dies an der Ausstellung mithilfe eines Mikroskops: Die Besucher können Eiskristallen beim Wachsen zusehen.

Möglich wird das dank Resublimation, bei der Wasserdampf in der Luft kristallisiert. An der Ausstellung ist auch die Publikation «Snow Crystals»2 von Wilson A. Bentley aufgelegt. Der US-amerikanische Fotograf und Schneeforscher hat die Vielfalt von Eiskristallen mit einer Mikroskopkamera festgehalten. Zu sehen sind über 2400 kleine Kunstwerke. 

Veränderte Gefahr

Die Ausstellung setzt den Fokus auf die  Lawinen, im Buch ist dem Thema ein Kapitel gewidmet. Bei beiden werden fünf Lawinenarten und ihre Entstehung erläutert. Früher waren es vor allem Bewohner von Bergregionen, die durch Grosslawinen gefährdet waren, heute sind vor allem Schneesportler abseits der gesicherten Gebiete betroffen.

In der Schweiz sterben jeden Winter durchschnittlich 25 Personen in Lawinen, 90% haben sie selbst ausgelöst. Nur gerade jeder zweite Ganzverschüttete kann lebend gerettet werden. Die Ausstellung präsentiert das Thema interaktiv mit Filmen, Animationen und Installationen. Welche Schneelast auf einer verschütteten Person liegt, zeigen die Ausstellungsmacher mit einem 63 kg schweren Würfel3. Mithilfe einer Greifschlinge können Besucher ihn hochheben – oder eben nicht. 

Beobachten und testen

Grundlage für jede Lawine ist eine schichtartige Schneedecke. Im Buch vergleichen die Autoren sie mit einer Schwarzwälder Kirschtorte: Ihr Aufbau ist schichtartig, ihre Ebenen sind von unterschiedlicher Härte und Konsistenz. In den verschiedenen Schichten widerspiegelt sich der Verlauf des Winters, erkennbar werden Schneefälle, Regen sowie Wärme- und Kälteperioden.

Seit 1936 untersucht das SLF eine Schneedecke auf dem Weissfluhjoch oberhalb von Davos auf 2540 m ü. M. Das Versuchsfeld ist laut SLF weltweit der einzige Ort in dieser Höhenlage, von dem tägliche Messungen vorliegen. Aus ihnen geht beispielsweise hervor, dass der Klimawandel in dieser Höhe bis jetzt keinen Einfluss auf die Schneedecke im Winter hat. In den Jahren entwickelten die Forscher verschiedene Messgeräte und führten etliche Studien durch. 

Die Ausstellung bietet einen guten Überblick über Lawinen, da sie das Thema einfach und anschaulich erklärt. Für umfassende Informationen zum Thema Schnee empfiehlt sich die Publikation.

Anmerkungen

  1. Die Ausstellung beinhaltet auch einen Teil der Lawinenpräventionsplattform «White Risk», die vom SLF und der Suva herausgegeben wird.
  2. Dover Publications, 1962.
  3. Die Abmessungen des Würfels betragen 50 × 50 × 50 cm. Der Schnee in einer Lawinenablagerung hat eine Dichte von ca. 500 kg/m3.
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