Gebrannt, gesumpft, geritzt

Eine World Crafts Exkursion zum Kalk

Zwei Tage im Unterengadin brachten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Geschichte und die Verwendungsmöglichkeit des Materials Kalk näher, vom Brennen der Steine bis zum zeitgenössischen Sgraffito. Organisiert wurde der Anlass von World Crafts und Calcina.

Tina Cieslik Architektur/ Innenarchitektur, Redaktorin TEC21

Eigentlich nur ein grosses Loch im Boden im Wald bei Sur En da Sent: Das ist der neue Kalkofen, den der Kalkspezialist und Maurer Joannes Wetzel aus Strada im Herbst 2017 nach mehreren Monaten Vorarbeit fertigstellte. Von diesen Öfen gab es allein in Sur En drei an der Zahl, bis 1939 wurde im Ort noch Kalk gebrannt. Dieses Exemplar steht am Eingang zum Val d'Uina, an der Stelle eines verfallenen Ofens, den Joannes Wetzel per Zufall entdeckte. Mit Unterstützung der Fundaziun Nairs aus Scuol konnte er den Ofen zusammen mit Freiwilligen wieder aufbauen und im September letzten Jahres die erste Ladung Kalk brennen.

Kalkbrennen ist zunächst weniger Hand- als Muskelwerk: Die Steine für den Ofen stammen aus dem nahegelegene Bachbett. Im Gegensatz zum Kalk verwendet man für die Mauern Gestein mit kristalliner Struktur, dass der Brenntemperatur von 1000º Celsius widerstehen kann. Der Ofen selbst ist zylinderförmig mit einer Öffnung vorne, um anzufeuern und um die Glut zu regulieren. Im eigentlichen Ofen werden die Kalksteine – ebenfalls aus dem Bach – möglichst dicht als Trockenbau-Gewölbe auf einer Holzschalung geschichtet. Steht das Gewölbe, wird die Schalung entfernt, im Hohlraum brennt später das Feuer. Anschliessend schichtet man weiter Kalksteine bis zur gewünschten Höhe und entzündet das Feuer. Um die hohe Temperatur zu erhalten, muss das Holz möglichst trocken sein. Die Brenndauer betrug beim Ofen in Sur En zehn Tage. Nichts für Schlafmützen: Um die Temperatur zu kontrollieren und allenfalls zu regulieren, war Joannes Wetzel mit zwei Helfern die ersten drei Tage rund um die Uhr beim Ofen.

Ist die Temperatur von 1000º Celsius erreicht, erhält der Kalkkegel eine Abdeckung aus Zweigen, darauf kommt eine dicke Lehmschicht Damit das Feuer auch bei Regen gleichmässig weiter brennt, überdachte man den Ofen mit einer Holzkonstruktion. 60 Ster Holz, 1000 Grad, zehn Tage Brand, das ergab am Ende etwa sechs bis sieben Tonnen Branntkalk, der sofort in luftdichte Fässer verpackt wurde. So kann er einige Jahre lagern. Alternativ können die Steine auch mit Wasser in einer Kalkgrube eingesumpft werden.

Wie sich das fertige Material verarbeiten lässt, testeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion anschliessend im Selbstversuch: In der Fundaziun Nairs im 1913 erstellten, ehemaligen Badehaus des Hotels Scuol-Palace konnte jeder ein eigenes Sgrafitto herstellen. Auf einer vorbereiteten Trockenbauplatte wurde dazu ein Kalkputz aufgetragen, darüber kamen drei Schichten Kalkfarbe, letztere aus frisch gelöschtem Branntkalk.

Vom Ofen an die Wand

Hört man den Begriff «Sgraffito» erscheinen sofort Bilder des Unterengadiner Dorfs Guarda vor dem inneren Auge, dem Ziel des zweiten Tags. Christoph Rösch, Architekt und Direktor der Fundaziun Nairs führte durchs Dorf, und zeigte anhand verschiedener Ausführungen die Entwicklung des Sgraffito vom Schmuckelement italienischer Palazzi zum charakteristischen Gestaltungselement der Engadiner Bauernhäuser auf.
Eng verknüpft ist die die traditionelle Technik mit der Familie Könz. Die restauratorischen Interventionen des Architekten Iachen Ulrich Könz sorgten ab Ende der1930er-Jahre dafür, dass die historischen Sgraffiti in seinem Heimatdorf Guarda als Gesamtwerk erhalten blieben. Seine Söhne Constant und Steivan Liun Könz entwickelten das Kunsthandwerk über die Jahre weiter.

Ein Beispiel für den Transfer der historischen Technik in die Jetztzeit zeigte der anschliessende Besuch der Villa Sura in Davos (Architektur: Arnold Architekten). Mazina Schmidlin-Könz, die Nichte von Constant Könz, konnte 2014 am kubischen fünfgeschossigen Wohnhaus, hoch am Hang über Davos gelegen, ein zeitgenössisches Sgraffito realisieren.

Die Teilnahme an der Exkursion wurde ermöglicht von World Crafts und Calcina.
 

World Crafts ist eine gemeinnützige Organisation und eine internationale Plattform für Handwerk. World Crafts vernetzt weltweites High-End-Handwerk und informiert über dessen kulturelle, soziale und wirtschaftliche Wichtigkeit – damit das grosse Wissen und viel Kultur erhalten bleiben.

Calcina ist der Fachverband für Kalk. Er möchte dem Bedürfnis nach Forschung und Austausch auf dem Gebiet nachkommen und die technischen und kreativen Möglichkeiten für die Anwendung von traditionellem Handwerk und neuen Produkten ausloten.

 

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